Der Apostel Paulus beschreibt im 8. Kapitel des Römerbriefes zwei völlig unterschiedene Weisen des Lebensgewinns: Die eine nennt er das Leben aus dem Geist, die andere das Leben aus dem Fleisch. Was "aus dem Fleisch leben" bedeutet, ist abzulesen an der Titelfigur des Romanes "Stiller" von Max Frisch. Stiller besteht auf einer Lebensganzheit, die von ihm selber produziert ist. Er will sich selber einleuchten. Sein Leben ist der große Fluchtversuch aus einer Existenz, die sich selber nicht genug ist. Er vertraut sich keinen anderen Augen an als den eigenen, er nimmt kein anderes Urteil an als das, das er über sich selber fällt, und so beginnt der Roman mit der großen Geste der Verleugnung seiner selbst: "Ich bin nicht Stiller!" Der später angeklagte Stiller notiert in sein Tagebuch: "Immer wieder muss ich feststellen, dass ich mich mit meinem Staatsanwalt, meinem Ankläger, besser unterhalte als mit meinem so genannten Verteidiger." Dem Blick, der uns anklagt und unter dem wir erbarmungslos uns selber deutlich werden, ist leichter zu glauben als dem Blick der Güte, der uns birgt.
Die Schauspielerin Hanna Schygulla sagte in einem Interview: "Ich schaue nicht mehr so viel in den Spiegel; denn die Augen, mit denen man sich selber anschaut, sind nicht die Augen, in denen man am besten aufgehoben ist." Max Frisch sagt von seinem Stiller: "Er ist nicht bereit, nicht imstande, geliebt zu werden als der Mensch, der er ist, und daher vernachlässigt er unwillkürlich jede Frau, die ihn wahrhaft liebt, denn nähme er ihre Liebe wirklich ernst, so wäre er ja genötigt, infolgedessen sich selbst anzunehmen davon ist er weit entfernt." Jener Stiller, der seiner Sucht, sich durch sich selbst zu rechtfertigen, seinem "Leben im Fleisch" nicht entkommt, erschöpft sich auf den Fluchten nach seinem eigenen höheren Wesen. Hellsichtig ist er wohl, und er weiß, dass sein Gefängnis aus seiner Hoffnung besteht, doch irgendwann unbedürftig zu sein und sich selber zu genügen. Er weiß, dass sein Hoffnungsgefängnis aus der Sehnsucht besteht, sich selber einzuleuchten und von anderen geliebt zu werden, weil er liebenswürdig ist. Er sagt: "Ich bin nicht hoffnungslos genug, oder wie die Gläubigen sagen würden, nicht ergeben genug. Ich höre sie sagen: Ergib dich und du bist frei, dein Gefängnis ist gesprengt, sobald du bereit bist, daraus hervorzugehen als ein nichtiger und ohnmächtiger Mensch."
Die "Gläubigen", die Max Frischs Stiller hört, legen ihm den anderen Weg nahe. Sie raten ihm davon ab, sich selber zu gebären und sein eigener Lebenszeuge zu sein. Sie raten ihm davon ab, sich in den eigenen Augen zu bergen. Sie sagen ihm, dass man sich nicht selbst bezeugen kann: "Der Geist gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Kinder Gottes sind."
Die Bedürftigkeit, die Stiller so scheut, ist unser Schatz, nicht unser Ungenügen. Auf sie antwortet die Güte des Geistes Gottes mit ihrem Zeugnis, das uns ins Leben zieht. Wir sind, weil wir bezeugt sind, nicht weil wir uns selber zum Sein ermächtigt hätten. Wir müssten verzweifeln, wenn wir nur die wären, die wir sind. Wir sind die, die angesehen sind vom Blick der Güte.
Das zu wissen, ist eine große Lebenskunst. Es ist schwer sich trösten zu lassen; es ist schwer, von der Sucht zu lassen, sein eigener Meister und Souverän zu sein; es ist schwer sich zu ergeben. Aber nichts macht das Leben heiterer und gibt ihm mehr Spiel als jenes Zeugnis des Geistes, das uns davon befreit, verbissene Selbstzahler im Leben zu sein. Wir zechen auf Kosten der Liebe; wir zechen auf Kosten jenes Geistes Christi, der uns ruft, ehe wir uns namhaft gemacht haben. Wenn mir einmal meine Bibel verloren ginge, dann würde ich besonders jenem Satz nachweinen: "Der Geist gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind."

