Zur meiner demokratischen Früherziehung zählte das eherne Gebot, zur Wahl zu gehen. Denn, so mein Vater, der vom Kaiser über die Weimarer Republik und die Nazis bis hin zur Demokratie allerlei mitgemacht hatte, das Wahlrecht sei so wertvoll, dass es eine sittliche Wahlpflicht für jeden beinhalte, der die Demokratie bejahe. Wie viele wohl am 22. September dieser Einsicht folgen?
Hoffentlich mehr als befürchtet, denn eine Demokratie, in der die Wahlbeteiligung kontinuierlich abnimmt, kommt auf die schiefe Bahn. Auch eine Kirche, in der das Verbindende für viele nicht mehr erkennbar ist, befindet sich in einem Auflösungsprozess. Was für jeden einzelnen Menschen gilt, das gilt auch für Institutionen, denen die "essentials" des Zusammenhalts abhanden gekommen sind: Die Identität verschwimmt. Man schaut entfremdet in den Spiegel, weiß nicht mehr, wen man sieht. Ist es "mein" Land, "meine" Demokratie? Ist es "meine" Kirche?
Das Problem bröselnder Fundamente und schwindenden Zusammenhalts hat von Anfang an christliche Gemeinden herausgefordert. Allerdings "lieb zueinander sein" wäre zu harmlos, um starken Zentrifugalkräften entgegenzuwirken. Es bedarf fester Koordinaten, um die eigene Identität zu definieren. Mehr braucht es nicht, aber auch nicht weniger. Nur Achtung: Ein Leib sind Christen und Christinnen nicht erst aufgrund einer selbst erarbeiteten Corporate Identity oder von ausgefeilten Personalentwicklungsprogrammen. Ein Ganzes sind Christen und Christinnen, weil sie alle miteinander zur Wirklichkeit Gottes in dieser Welt gehören. Sie sind keine Fremdlinge mehr für Gott, sondern hübsche Reminiszenz für die Kommunarden der Achtundsechziger seine "Hausgenossen", wie es an anderer Stelle im Epheserbrief heißt. Das bedeutet eine Unterscheidung der Geister. Was bewegt mich, worauf hoffe ich, wozu bin ich berufen? Die Antworten zeigen, wes Geistes Kind ich bin. Sind es der wachsam-kritische Geist Jesu, seine leidenschaftliche Liebe zur Welt, die meine Empfindungen und Gedanken lüftet und durchwehen?
"EIN Herr, EIN Glaube, EINE Taufe", schmettert die apostolische Fanfare, "EIN Gott und Vater aller". Übersetzt in leisere Töne heißt das: EIN Gott, der Vater Jesu Christi niemals irgendeiner, den ich zwangsweise anhimmeln müsste. EIN Herr der gekreuzigte und auferstandene Jesus, der mich zum wirklichen Leben befreit niemals irgendeiner, dem ich blind folgen müsste. EIN Glaube, ein Vertrauen, das mich hält, weil Anfang und Ende meines Lebens nicht im diffusen Schicksalsnebel, sondern in den Händen eines höchst persönlichen Gottes liegen. EINE Taufe, in der mir die Nähe Gottes zugesprochen wurde und in der ich auftauchen kann zu einer munter-frischen Existenz im Glauben. All das sind nicht nur "mein" Gott, "mein" Herr, "mein" Glaube" und "meine" Taufe. Christsein ist kein Privatbesitz. Wohl kann ich mich innerlich und äußerlich absentieren, meinen Anteil an der gemeinsamen Identität der weltweiten christlichen Gemeinschaft ruhen lassen oder leugnen. Nur sollte man nicht ernstlich annehmen, dies bliebe ohne Folgen für einen selbst und für die Kirche. Der ganze Leib leidet, wenn ein Glied ausfällt. Man schneide sich nur mal richtig in den Finger.
Umgekehrt: Das Ganze blüht auf und gedeiht, wenn sich jede und jeder als Teil des Ganzen verantwortlich fühlte. Was übrigens Gestalt christlicher Freiheit ist, Ausdruck einer selbstbewussten Haltung und individueller Autonomie.

