Die theologische Wissenschaft streitet sich seit Generationen um die Frage, wer dieser Knecht Gottes ist, von dem im Buch Jesaja die Rede ist. Ist es Israel als Ganzes oder eine Einzelfigur, vielleicht sogar der Autor Deuterojesaja, dieser große Tröster Israels?
Wie dem auch sei, für die ersten Christen war klar: Diese "Gottesknechtlieder" sind Verheißungsworte, die sich in Christus erfüllt haben. In ihm ist die messianische Heilsfigur erschienen, die in Demut und Schweigen, in Schlagen und Verachtung (Jesaja 55) das Recht aufrichtet. Doch mit dieser Christusdeutung als Gottesknecht ist ja noch eine ganz andere Antwort "geboren" auf die Frage, wer dieser Knecht Gottes sei. Nämlich jeder Einzelne, der sich in diesem Jesus Christus spiegeln und sehen kann, jeder, der ihn als "Anfänger des Glaubens" (Hebräerbrief) und als "Erstling der Erwählten" verstehen kann. Denn dann wird der Knecht Gottes gleichsam "demokratisiert", er wird Gemeingut all derer, die mit Ernst Christen sein wollen. Und welch eine Würde, welch eine Achtung strömt dann aus von diesem Text? Siehe, auch Du und Ich, auch Meier, Müller und Schulze sind meine Knechte und ich halte sie alle , auch die Kleinen, Stillen und Unsichtbaren finden in Gott Wohlgefallen!
Gottes Würdigung über jede Seele, Gottes gütiger Blick auf jeden "Knecht", jede "Knechtin", der/die bereit ist, sich diese Güte Gottes gefallen zu lassen. In und durch diesen einen großen Knecht, kommt Gottes Geist auf uns alle, sind wir alle im Wohlgefallen Gottes aufbewahrt. Neu ist: Gott handelt seit Christus nicht mehr exklusiv, sondern universal.
Mit dieser Berufung, mit dieser Erwählung jedes Einzelnen in Christus steigt im Idealfall auch die Zahl derer, die das Recht aufrichten unter den Heiden wobei diese "Heiden" zuerst immer als Teil meiner selbst verstanden werden müssen, sonst wird es leicht "fundamentalistisch". Es entsteht eine Art Demokratiebewegung der Güte, in der auch das zerknickte Rohr der "Heiden" nicht zerbrochen und der glimmende Docht der "Fremden" nicht ausgetreten wird. Ehrlich gesagt, man kann an einem durchschnittlichen Sonntag im Januar auch Schlechteres hören als dies!

