Geht das überhaupt? Können wir dankbar sein für den Zorn Gottes? Man darf sich ja diesen Zorn tunlichst nicht zu harmlos vorstellen. Es geht nicht um Kleinigkeiten, denn der Zorn Gottes ist die Abwendung Gottes von mir. Er ist nicht nur der Entzug des Segens, sondern eine aktive Verweigerung Gottes oder schlimmer noch eine aktive, von Gott gewollte Strafe, eine von Gott geschickte Prüfung, eine von Gott gesandte Schwere. Die Psalmen der Bibel und ganz besonders das Buch Hiob sprechen die Sprache des vom Zorn getroffenen Menschen. Können wir dafür dankbar sein?
Ich glaube, Dankbarkeit gegenüber Gottes Zorn kann man nur im Nachhinein bekennen. Solche Dankbarkeit ist eine rückwärtige Deutungskategorie. Erst nach vollzogener Wendung zum Heil ist innerlich Raum für Dankbarkeit, denn natürlich ahnen wir alle: Auch eine schwere Krise kann uns gut tun, wir können die Folgen akzeptieren und annehmen. Aber dass wir deswegen für die Krise selbst dankbar sein sollen, ist des Guten doch zu viel, dies grenzte ja schon fast an Leidenslust. Deswegen: dankbar für die Wendung, nicht für den Zorn allein.

