MacRein/photocase
Wenn Menschen im Krankenhaus verzweifeln
Das Krankenhaus als Tatort. Eine Frau stirbt, nachdem ihr die Mitpatientin den Sauerstoff abdreht. Wie konnte das passieren und was kann getan werden, damit sich eine solche Tat nicht wiederholt?
27.02.2023

In den Medien wird die traurige Geschichte einer Frau erzählt, die sich seit Monaten in Untersuchungshaft befindet, weil sie ihrer Bettnachbarin im Krankenhaus das Sauerstoffgerät abstellte.  Die Frau war zuvor, als sie zum ersten Mal das Gerät abstellte, vom Pflegepersonal darauf hingewiesen worden, dass die Sauerstoffzufuhr für ihre Mitpatientin lebensnotwendig sei. Trotzdem hat sie ein zweites Mal den Schalter auf Null gedreht, die Mitpatientin musste reanimiert werden und ist wenige Tage später gestorben.

Warum hat die Frau das getan?

Laut Polizeibericht hat sich die Frau offenbar durch die Geräusche gestört gefühlt. Das angebliche Motiv der mutmaßlichen Täterin sei bizarr, schreibt der „Spiegel“.

Wann ist Lärm unerträglich?

Ich wundere mich über die Formulierung der Polizei, die Frau habe sich gestört „gefühlt“. Ein Sauerstoffgerät ist laut, manche vergleichen es mit einem Traktor und nachts ist das einfach eine klare Störung, eine Last, eine Zumutung. Wer von uns hat denn schon mal wenige Zentimeter entfernt von einem solchen Gerät zu schlafen versucht? Und was ist daran bizarr, wenn eine Frau todmüde und einsam im Krankenhaus den Lärm nicht erträgt?

Es war ein Akt der Verzweiflung, ist daher der Sohn der Täterin überzeugt. Gegenüber der Bildzeitung beschreibt er seine Mutter als schwer herzkranke Frau, die hart gearbeitet hat, fünf Kinder großgezogen und sich nie etwas zuschulden kommen ließ.

Aber keine Frage, egal wie verzweifelt jemand ist, es ist absolut unentschuldbar, wenn eine Frau das Sauerstoffgerät einer Mitpatientin abstellt mit der verheerenden Folge, dass die Mitpatientin stirbt.

Sich an den Therapiegeräten eines anderen Menschen zu vergreifen ist Unrecht, da gibt es nichts zu deuten und zu erklären. Nun ist es Aufgabe der Gerichte, die Schuldfähigkeit der Täterin zu prüfen und zu urteilen, ob die Frau tatsächlich zum Schutz der Allgemeinheit aus der Haft in eine Psychiatrie zu verlegen ist.

Absolut nachvollziehbar finde ich allerdings, dass eine solche Lärmsituation nachts im coronaeinsamen Krankenhaus einen kranken Menschen zur Verzweiflung bringen kann. Da ist nichts bizarr, da ist nichts unverständlich, das ist nicht nur „gefühlt“, das ist kein „unfassbarer Grund“, wie in den Medien angeklagt wird.

Ich erinnere mich gut an eine bittere Nacht im Krankenhaus, ängstlich und mit großen Sorgen, übermüdet nach ein paar Stunden Notaufnahme und immer noch schmerzgeplagt. Im Nachbarbett eine ältere Frau, die mit lauten Schlafgeräuschen zeigte, wie gut und tief sie schlief.

Oder ich denke an eine unglückliche Frau, die mir flüsternd erzählte, dass ihre Mitpatientin die Klotüre nicht schließen wollte; und ihr war so übel.

Oder die Frau, die bei Durchfall stundenlang im Bett wartete, bis ihr geholfen wurde; allein konnte sie nicht aufstehen.

Es gibt verzweifelte Situationen in unseren Krankenhäusern, zugespitzt durch Personalknappheit, die Patient*innen an den Rand dessen bringen, was sie ertragen können.

Mittlerweile kenne ich auch viele Antworten, die in einer solchen Situation Unverständnis signalisieren: „Wir haben ja auch noch andere Patienten“, oder „Wir können doch auch nichts dafür, dass Sie hier sind“, oder „Sind Sie immer so hysterisch?“ oder „Hier gibt es nun mal kein Wunscherfüllungsprogramm“ oder „Wir können uns doch auch kein Einzelzimmer backen“ oder „Reißen Sie sich zusammen, Sie sind hier in einem Krankenhaus“.

Auf die Frage, die jetzt in den Medien gestellt wird, nämlich wie Krankenhäuser in Zukunft solche Szenarien verhindern können, gibt es keine einfachen Antworten.

Aus meiner Sicht wäre es aber ein kluger Anfang, die Verzweiflung mancher Patient*innen gerade beim aktuellen Personalnotstand ernster zu nehmen.

Einsamkeit, der Verlust der Privatsphäre, bleierne Müdigkeit, Scham – all das kann kranke Menschen im Krankenhaus zum Verzweifeln bringen. Die Not mancher Patient*innen ist nicht nur gefühlt oder bizarr, sie ist da und im Zweifelsfall auch lebensgefährlich. 

Permalink

@Lackus: "... gibt es keine einfachen Antworten."

Doch Frau Lackus, die gibt es, und zwar schon mindestens seit Jesus: Das (globale) Gemeinschaftseigentum "wie im Himmel all so auf Erden" OHNE wettbewerbsbedingte Symptomatik, dann klappt's auch mit Raum, Zeit und genügend Personal, wenn die Frage "Wer soll das bezahlen?" und Freiheit in/von unternehmerischen Abwägungen zu "Arbeit macht frei" keine "ökonomische" Macht mehr haben kann, wenn Vernunftbegabung ebenbildlich zu Gott/Vernunft des Geistes wird.

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