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Ich wollte noch schnell den Müll rausbringen, dann rasch telefonieren und einkaufen fahren. An der Mülltonne traf ich meinen Nachbarn. "Hallo, Arnd! Na? Schon Ski gefahren diesen Winter?" Nee. Kein Urlaub. Einsilbiger als ich kann man gar nicht sein, wenn man nicht zum Quatschen aufgelegt ist. Ich machte mir mit meinen Mülltüten zu schaffen. "Wir fahren am Samstag. Kirchberg in Tirol. Nur eine Woche", teilte mir Nachbar Martin mit. Wie schön! Viel Spaß, gute Erholung! Ich blieb wortkarg an der Grenze der Unhöflichkeit. Eindeutiger konnte das Signal nicht sein: Ich will nicht mit dir reden! "Wir haben uns jetzt auch diese Carvingbretter gekauft." Hm. "Gibt es günstig bei Sport-Hauser." Hm, hm. Ja, schön.
Seltsam, diese Nachbarn. Wochenlang erwidern sie nur knapp deinen Gruß, nicken dir flüchtig zu, als koste sie schon diese minimale Geste viel Kraft. Und dann ganz plötzlich wollen sie dir ein Gespräch reinhängen. Nachbarn!
Wenn ich etwas erzählen oder zeigen will, meinen neuen Superrasenmäher zum Beispiel, dann haben alle keine Zeit, dann bekommen sie Besuch, dann müssen sie die Tochter zur Reitstunde fahren, den Sohn zum Fußball, selbst zum Zahnarzt und überhaupt und überhaupt.
Aber jetzt soll ich zuhören! Ski fahren! Urlaub! Der hat wohl gerade kein anderes Publikum. Ich würde auch gerne Skiferien machen. Keine Zeit und sowieso: Der weiß doch, dass keine Schulferien sind! Aber so weit denkt der nicht. Keine schulpflichtigen Kinder mehr. Und Beamter! Sein Carving-Schnäppchen soll ich mir das wirklich anhören? Ich fahre seit zehn Jahren mit meinen Brettern. Könnte eigentlich auch mal ein neues Paar brauchen. Außerdem muss ich noch telefonieren. Ich habe wirklich keine Zeit. Aber so sind sie eben, die Nachbarn.
Im Sommer hatten wir Martin und seine Eva zum Grillen eingeladen. Musste einfach mal sein. Und die Gegeneinladung? Bis heute haben die keine Anstalten gemacht. Was eigentlich nicht schlimm ist. Das Essen würde mir bei denen sowieso nicht schmecken. Beim letzten Mal gab es Schweinebauch. Das esse ich nicht. Ich verlange ja kein Filetsteak. Aber die kaufen lieber neue Ski, als etwas Gescheites auf den Tisch zu bringen.
Martin und Eva, meine Frau und ich, wir sind unterschiedlich. Genau genommen ist das aber nicht so wichtig. Wir sind Nachbarn und kommen eigentlich ganz gut klar.
Und die kleinen Nickligkeiten? Die gehören halt zu einer guten Nachbarschaft. Man muss sich schließlich jahraus, jahrein aushalten. In aller Gegensätzlichkeit. Freunde trifft man, Verwandte besucht man. Nachbarn sind da und leben ihr Leben. Die schneiden den Rasenrand mit der Nagelschere; unser Garten sieht aus wie der von Pippi Langstrumpf. Die stehen früh auf; wir gehen spät zu Bett. Wir sitzen uns nicht gegenseitig auf dem Schoß, aber ich leihe Martin sogar meine neue Kettensäge. Und er hat mir neulich geholfen, Löcher für die Schaukelpfosten zu graben.
Man könnte sich wahrlich schlimmere Nachbarn wünschen.
Also, Martin: Wenn du nach Tirol fährst, am Münchner Ring klemmt's immer. Fahr lieber über Kempten. Und lass mal sehen! Nee, ich hab es nicht eilig. Das sind also die Carvingski. Super, echt super!

