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November. Neblige Tage. Die Uhren sind umgestellt. Mit der Sommerzeit hat sich der letzte Rest der lichteren Jahreszeit aus dem Staub gemacht. Und schon nahet mit Riesenschritten und doch auf leisen Sohlen der Advent.
November. Der Toten wird gedacht. Die Städte grüßen grau. Man fährt im Dunkeln zur Arbeit, als reise man in einen tiefen Schacht. Und abends kehrt man im Licht von tausenden Scheinwerfern nach Hause zurück. Es ist ungemütlich kühl, aber noch nicht winterlich kalt.
November. Die Gewissenhaften unter uns machen jetzt Besorgungen, kaufen für Weihnachten ein oder vervollständigen die Skiausrüstung. Die Kinder basteln. In den Büros bereitet man die Jahresabschlüsse vor. Die Mitarbeiter vereinbaren noch rasch einen Sack Termine. Im Dezember, sie wissen es aus Erfahrung, geht nichts mehr. Dann jagt eine Weihnachtsfeier die andere.
November. Die erste Erkältungswelle grassiert, die Wartezimmmer der Ärzte füllen sich. Festwochen in den Apotheken. Alles schnieft, keiner lacht. Nur der Weinhändler, der jetzt Rotweine kistenweise verkauft. Und das ist ein Zeichen der Hoffnung.
Hat jemals jemand freudig den November besungen? Die frohen Lieder, die jeder kennt, besingen den lieben Advent oder sehnsuchtsvoll den Lenz, den Sommer am Meer, den September in den Bergen, die Weinlese im goldenen Oktober. Der November ist das Spezialgebiet für düsterere Gesänge, für Requiem und Elegien. Die grauen Nebel wallen. Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr, wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, warnt der Vers des Dichters Rilke.
November. Die Restaurants sind brechend voll. An großen Tischen vertilgt man Martinsgänse. Und wieder naht ein Trupp von fröhlichen Gästen. Die Brillengläser sind beschlagen. Ein Schwall von feuchter Kühle umgibt die Neuankömmlinge, bis sie sich aus den Mänteln geholfen und sich Hände reibend an ihre Plätze gefunden haben. Bald sind auch sie Teil des Stimmengewirrs und der überwärmten Enge hier im festlich dekorierten Raum. Rotwangige Ober durchpflügen den Saal. Bedienungen öffnen mit erfrischendem Plopp ein neues Fläschchen aus Burgund.
November. Wer jetzt zusammenrückt und fröhlich zecht, der wird nicht lang alleine bleiben. Da sitzen zwei Menschen am frühen Sonntagabend, einander zugeneigt über einem kleinen Tisch und sehen sich das Glas erhebend in die Augen. Einen langen Spaziergang lassen sie im Gasthof in einen langen Abend übergehen. Spazieren gehen im November, das tut gut. Zum Radfahren ist es wirklich schon zu kühl.
November. Unter der Decke kuscheln und Urlaubspläne schmieden. Und Karten kaufen für ein schönes Konzert. Und wieder mal ins Kino gehen oder wenigstens im Fernsehen einen alten Film anschauen. Wer jetzt kein Haus hat...Muss man denn ewig Häuser bauen?
November. Die großen Taten sind geschehen oder werden längst noch nicht begonnen. Eine Chance fürs eigentliche Leben. In den Hallenbädern tollen die Väter mit ihren Kindern. Die Kirchenchöre proben das Weihnachtsprogramm und haben Spaß dabei. Jetzt ist es Zeit, den dicken Schmöker wieder rauszuholen, über dem man im Sommer auf der Liege so oft eingeschlafen ist.
November. Man ehrt die Toten, indem man den Staub aus den Fotoalben schüttelt und Opa auf vergilbtem Hintergrund beim Wandern anno 1970 betrachtet. Gut, ein wenig elegisch ums Gemüt kann es einem da schon werden. Und gleich darauf schüttelt man sich vor Lachen, denn Großvater ließ sich nicht so gerne fotografieren und war ein hoch veranlagter Grimassenschneider.
November. Das ist kein Strahlemonat im Jahresreigen. Aber so schlecht, wie er gemacht wird, muss er wirklich auch nicht sein!
Arnd Brummer,
Chefredakteur von chrismon

