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Brummer, ArndArnd Brummer
"Du als Deutscher", hat mich mein italienischer Freund Gian-Lucca neulich gefragt, "wie siehst du die Entwicklung Europas?" Ich antwortete mit einer Gegenfrage: "Was willst du hören?" - "Na, deine Einschätzung. Was wird aus der Europäischen Union? Was wird aus der europäischen Idee?" Wir saßen in einem Garten in der Nähe von Mailand. Ich hatte gerade ausgiebig die italienische Küche im Allgemeinen besungen und insbesondere Gian-Luccas frittierte Zucchiniblüten.
Tja, als Deutscher? Ich schwieg, nahm einen Schluck Wein und räusperte mich. Deutscher - Angehöriger eines Volkes, das im 20. Jahrhundert für Krieg und Massenmord verantwortlich war. Deutscher - aufgewachsen im christlichen Glauben, von gläubigen Juden der Welt geschenkt. Deutscher - Bürger eines Staates, beruhend auf römischer Rechtskultur, inspiriert vom Freiheitsideal der Französischen Revolution, humanisiert durch angelsächsische Demokratie. Deutscher - Teilhaber an der Aufklärung, diesem Amalgam aus griechischer Philosophie, oberitalienischer Renaissance, reformatorischer Theologie und Denkgebäuden von Europäern jüdischer Herkunft. Deutscher - mit keltischer Freude an Poesie und Mythen. Deutscher - mit der Liebe zur Musik von Bach und Led Zeppelin, von Mozart und Miles Davis, von Strawinski und Lennon, von Verdi, Chopin und Clapton. Deutscher - als Fan von Bayern München, dem AC Milan, Arsenal London und Real Madrid. Deutscher, der Laugenbrezeln liebt, Thüringer Wurst, Vorarlberger Käse, der Cola trinkt und italienischen Wein.
"Arnaldo, du bist schrecklich deutsch", unterbrach mich Gian-Lucca. "Ich habe dir eine einfache Frage gestellt. Richtige Deutsche wie du müssen darauf immer ganz kompliziert antworten. Mit ganzen Systemen, wo es eine einfache, pragmatische These auch getan hätte. So seid ihr. Und dafür lieben und fürchten wir euch." Dann waren die Nazis also keine richtigen Deutschen mit ihren platten, rassistischen Antworten? "Doch, natürlich", versuchte Gian-Lucca seine These zu retten, "das ist das andere Extrem. Entweder kompliziert oder platt. Dazwischen gibt es nichts. Das ist beides typisch deutsch. Verwirrend oder gewaltig oder gewaltig verwirrend." - "Wenn ich dich zum Maßstab nehme", erwiderte ich streitlustig, "dann wäre typisch italienisch einfach 'unlogisch' und 'dreist'. Du stellst hier Behauptungen von so allgemeiner Schönheit auf, dass sie immer stimmen und gleichzeitig nie." Gian-Lucca nickte zustimmend, mochte sich aber ein spöttisches Grinsen nicht verkneifen: "Könnte stimmen. Komm, Arnaldo, Protestant! Wir sind katholisch, wir sind pragmatisch und biegsam. Das wirst du nicht ernsthaft bestreiten."
Natürlich habe ich das ernsthaft bestritten. War der eifernde Prediger Savonarola pragmatisch? War der Märtyrer des freien Geistes Giordano Bruno biegsam? Und Galileo Galilei? Und Pier Paolo Pasolini? "Ja, ja, ja! Gewonnen, mein Freund! Wir Italiener können verlieren." Besonders beim Fußball. "Nein, beim calcio nicht. Vor allem nicht gegen die Deutschen. Aber gegen euch verlieren wir auch selten. Wie war das in Dortmund, im Juli vor einem Jahr?" Was sollte ich darauf antworten?
Wir haben irgendwann, als die Frösche des nahe gelegenen Teiches ihr Konzert zu infernalischer Lautstärke anschwellen ließen, dieses Wortgeplänkel in alter Eintracht beendet. Unsere beruhigende Erkenntnis: Europa bedeutet, dass zwei Männer um die fünfzig in einer lauen Nacht vergnügt mit dem Abendland um sich werfen können, einander mit Spott überziehend, sich an ihrer Verschiedenheit herzlich freuend.
"Als Deutscher sage ich dir", erklärte ich feierlich, als wir die Gläser in die Spülmaschine sortierten, "wie wir miteinander reden, das geht auch mit Polen und Russen, mit Ungarn, Bosniern und Serben." - "Ich weiß, Arnaldo. Und ich verrate dir jetzt als Lombarde ein Geheimnis: Es geht auch mit Sizilianern. Ich muss nur ertragen, dass mich diese normannisch-sarazenisch verdrehten Bewohner einer einst griechischen Insel als Deutschen ansehen. Tedesco! So hat mich mein Kollege Paolo aus Catania vor ein paar Tagen beschimpft. Dabei hatte ich ihm nur erklärt, dass die Warntechnologie am Vulkan Ätna völlig veraltet ist und dass eine Mailänder Firma gerade eine neue entwickelt. Und er? Tedesco! "

