Lena Uphoff
15.11.2010

Adam lag im Schlummer. Die Morgenröte des ewigen Tages lieh dem Garten Eden den ultimativen Schimmer. Paradiesisch. Löwen schnurrten mit Tigern um die Wette. Gazellen sprangen über die geduckten Rücken der Großkatzen. Fuchs und Hase tauschten den Morgengruß.

Langsam erwachte Adam unter dem Gezwitscher der Spatzen und den Gesängen der Lerche. Er streckte sich und reckte sich. Er entdeckte, dass er lebte. Er befühlte seine Arme und Beine, betrachtete seinen nackten Bauch. Er fand sich schön, der erste Mensch, den Gott nach seinem Bilde geschaffen hatte. Und Eva, seinem Weib, der Krone der Schöpfung, ging es ein paar Stunden später ganz ähnlich. Auch sie gefiel sich gut.

Der weitere Verlauf der Geschichte ist bekannt. Die Schlange riet den ersten Menschen, in die Frucht der Erkenntnis zu beißen. Sie schlugen die Zähne in den Apfel und das paradiesische Leben endete mit einem Schlag. Nun konnten Adam und Eva ihre Körper nicht mehr ertragen. Sie begannen, Kleider zu schneidern. Eva gruselte sich vor Adams Körperbehaarung und litt unter ihren zu großen Brüsten. Adam meckerte über seine unförmigen Füße, seine zu hohe Herzfrequenz beim Pflügen und seine unterentwickelte Gesäßmuskulatur. "Gott", rief er, "dieser Körper, der reine Pfusch! Das sieht dir ähnlich! Du kriegst nichts auf die Reihe!"

Gott reagierte. Er schmiss die beiden raus aus seinem Garten und rief ihnen nach: "Wenn's dir nicht passt, Adam, dann erschaffe dich doch neu! Und Eva: Eines Tages wird eines deiner Kindeskinder das Skalpell erfinden und die Vollnarkose. Vielleicht lässt du dich dann so schnitzen, wie es dir recht ist. Mir reicht's, undankbare Gesellschaft! Verschwindet!"

Seit diesem Tag versuchen die Menschen, die Grenze zwischen Geschöpf und Schöpfer aufzuheben. Und sie sind in jüngster Zeit gut vorangekommen. Es stehen ihnen medizinische und technische Mittel zur Verfügung, sich und einander in Form und Gestalt zu korrigieren. Wunderbar. Und dennoch handelt es sich doch nicht um mehr als das Aufdonnern eines bereits gebrauchten Körpers, um Frisieren, Tunen, Runderneuerung. Sich neu zu schaffen, ganz neu ­ das bleibt trotz aller technischen Fertigkeiten der unerfüllbare Traum. Sich einfach hinzustellen wie der Schöpfer und zu schmettern: Es werde Licht!, und die Sonne geht auf ­ das gelingt uns so wenig wie schnell mal einem Rohling aus Erde Leben einzuhauchen und fertig ist der Mensch.

So staunte ich ein wenig, als ich neulich in einer Hamburger U-Bahn-Station ein Werbeplakat mit Gottes Schlusswort an Adam leuchten sah: "Erschaffe dich neu!" Sofort wollte ich das Gefühl kennen lernen, als Schöpfer morgens vor dem Spiegel zu stehen und mit einem Wort, einer Geste einen neuen Arnd zu machen. Die Eigenschöpfung als letztgültiger Akt der Befreiung vom Menschsein, als Gottwerdung.

Auf den Boden der Tatsachen setzte mich allerdings bereits die Zeile, die unter der göttlichen Aufforderung stand: "Trainingstipps für Einsteiger". Und der Besuch auf der Internet-Seite des werbenden Unternehmens machte mir vollends klar, dass es sich um den üblichen, verdammt irdischen Weg handelte, den Gott dem nörgelnden Paar nach der Vertreibung aus dem Paradies fürs Leben einst vorgab: "Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot verdienen." Nein, noch schlimmer. Nix "Brot verdienen", zahlen soll ich: einen monatlichen Beitrag im Fitnessclub. Im Schweiße meines Angesichts soll ich trainieren, Fett abbauen, Ausdauerwerte verbessern, meine Muskeln kräftigen. Ich soll mich kasteien und anstrengen, um mein Dasein als "klassischer Fitnessmuffel" zum Besseren zu wenden.

Erschaffe dich neu? Blanker Hohn. Quäle dich, Mensch, strampel dich ab! Wie immer, wie stets! Sei aber einfältig genug, dir diese Qual als Neuschöpfung deiner selbst verkaufen zu lassen! Willkommen im Fitness-Paradies, im Jammertal des Trainings.

Die Kommentarfunktion ist nur noch für registrierte Nutzer verfügbar. Um einen Leserkommentar schreiben zu können, schließen Sie bitte ein Abo ab, schreiben Sie uns eine Mail an leserpost@chrismon.de oder diskutieren Sie auf Instagram, Facebook und LinkedIn mit.