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Die Mischpoche, die Verwandtschaft, hat mich von Kindheit an manchen Nerv gekostet. Besonders dann, wenn sie Feste feierte. Und damit meine ich nicht nur den eigenen Clan, sondern auch die Familien meiner Freunde. Keine Feier ohne Reden der Vater der Braut, der älteste Onkel, die liebste Tante. Kein Fest ohne musikalische Einlagen zum Klavierspiel missmutig dreinblickende Cousinen, das Cello malträtierende Neffen, schräg blockflötende Nichten, der Schwager mit der selten benutzten Trompete, Onkel Willi mit der Quetsche. Jede Hochzeit grün, silbern oder golden mit mindestens zwei Sketchen, mit kabarettistischen Soli von Vetter Jörg und Tante Trudel. Und ich selbst oft genug mittenmang als Laudator, als Parodist. Familienfest das hieß: volles Programm. Dazu kamen dann noch spontane Einlagen.
Warum ich das anstrengend fand? Ganz einfach: Erstens war es meistens zu viel, so dass man kaum zum Quatschen kam. Was doch eigentlich der Sinn solcher Treffen ist. An Tanzen war häufig erst nach Mitternacht zu denken. Und zweitens war die Mischung oft genug kein Glücks-, sondern eher ein Unglücksfall. Gerade hatte Onkel Heini noch mit amateurhistorischem Ernst die Gene des gemeinsamen Ururgroßvaters gerühmt, mit denen wir Heutigen so glücklich gesegnet seien, da las Tante Berta ohne Rücksicht auf die Stimmung ihr sentimentales Lieblingsgedicht vor. Und dann reimte Vetter Michel Verse ohne Maß und Regel: Wie schön, dass wir zusammen sind / wie auf dem Griesbrei Zucker und Zimt. / Neffe, Tante, Onkel / bei Tag und auch im Dunkeln! Da wachsen einem sensiblen Menschen Geschwüre im Gehörgang. Applaus war trotzdem Ehrensache. Er hatte sich doch so bemüht!
Diese Feiern waren für mich die Ausgeburt des Bürgerlichen an und für sich. Ob groß-, klein- oder bildungsbürgerlich so gehörte sich das eben, das gehört zur Kultur.
Wie oft habe ich mir im Stillen gedacht, ein runder Geburtstag oder eine Hochzeit mit weniger Programm, das wäre mehr, das wäre schön.
In den vergangenen Jahren bin ich nun häufiger Gast bei Feiern und Festen gewesen, die auf solchen aufdringlichen Schnickschnack völlig verzichteten. Ganz locker kamen die Leute, niemand stellte sie einander vor und sie selbst taten es auch nicht. Tischordnung? Als Ausweis der Gestrigkeit abgelehnt! Wer einander kannte, hockte zusammen und beschränkte sein Kommunikationsbedürfnis konsequent auf die drei, vier Leute in nächster Nähe. Dann griff man zum Glas, zu Messer und Gabel, trank und spachtelte. Irgendein bestellter Disco-Frieder blies dann ab zehn sein CD-Arsenal in den Raum. Tanzen oder rausgehen und eine rauchen? Ab elf Uhr bröckelte es. Die einen verschwanden nach Hause, die anderen in den Suff. Den Gastgebern zugenickt schön war's und aus den Augen, aus dem Sinn.
An solchen Abenden befällt mich geradezu Heimweh nach der bürgerlichen Mischpoche. Selig sind, die Reden halten, musizieren, einander loben und ehren. Und ich sehne mich nach der vermaledeiten Tischordnung. Die zwang einen, sich mit Menschen zu unterhalten, die man nicht näher kannte. Es kamen oft genug leidlich gute bis interessante Gespräche dabei heraus und wenn ich das richtig überschlage, sogar zwei, drei neue Freundschaften fürs Leben.
Ich erinnere mich wehmütig an Onkel Hermanns Begrüßungsrede, in der er erklärte, wer warum heute da sei: Da drüben sitzt Franz mit seiner Frau, wir kennen uns von der Schule. Mit Brigitte und Olaf am zweiten Tisch spielen wir jeden Mittwoch ein Tennisdoppel. Ganz besonders freut es mich, dass Arnd gekommen ist, der Sohn meines Lieblingscousins. Geriet grundsätzlich zu lang, diese Begrüßung. Aber die Schnittstellen für Kontakte schuf der Onkel damit. Du bist also Bernhards Sohn. Und was machst du?
Gar nicht so schlecht die bürgerliche Festkultur, selbst dann, wenn sie gelegentlich übertreibt.

