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Haare wachsen. Und werden geschnitten. Und wachsen. Leute wie unsere Freundin Hanne juckt das Problem wenig, von dem ich Ihnen erzählen möchte. Hanne besitzt einen so genannten Trimmer, einen elektrischen Haarschneider. Den setzt sie im Nacken ihres Sohnes oder ihres Mannes an, fährt damit mehrfach wie mit einem Rasenmäher über den jeweiligen Kopf und nach wenigen Minuten sind zwei Monate Wachstum getilgt. Lasse, so heißt der Sohn, und Thomas, so der Ehemann, könnten sich nach erfolgter Schur problemlos in die Fremdenlegion schmuggeln. Männlich kahl grüßen ihre Häupter. Den beiden ist die Prozedur nicht besonders sympathisch, so viel haben sie mir in getrennten Gesprächen verraten. Aber schlimm finden sie den Schnitt Marke Hanne auch nicht. Schöne Menschen könne nichts wirklich verunstalten, sagen die beiden. Außerdem spare man Geld.
Da ich nicht so schön bin, einen leicht abgeplatteten Hinterkopf zu kaschieren und nicht die geringste Naturlocke vorzuweisen habe, bin ich auf handwerkliche Qualität angewiesen. Und nach vielen (aus meiner gespiegelten Sicht) eher minder gelungenen Frisuren diverser Friseurinnen und Friseure bin ich vor acht Jahren endlich der Friseurin meines Vertrauens begegnet. Frau Zabel schaffte, was niemandem vor ihr auf meinem Kopf gelungen war: Haarkunst auf höchstem Niveau zu annehmbaren Preisen, wie und das ist das Wichtigste meine Frau und ich übereinstimmend feststellten.
Obwohl ich inzwischen mehrfach umgezogen bin, hielt ich an Frau Zabel fest. Ich verlegte Termine, fuhr Umwege, unterwarf mich langwieriger Parkplatzsuche, nur um in den Genuss des Zabel'schen Schnitts zu kommen, und zog jedes Mal zufrieden von dannen.
Nun ist der Salon geschlossen, das Telefon abgemeldet, die Meisterin unauffindbar. Ein anderer Zabel-Kunde, den ich kenne, hat sie zufällig beim Einkaufen getroffen. So wissen wir immerhin Bescheid: Frau Zabel konnte die Laden-Miete nicht mehr zahlen, leidet zudem unter einer berufsbedingten Allergie und musste deshalb aufgeben.
Für mich ist dies bereits der dritte schwere Schlag in mein soziales Gefüge innerhalb eines Jahres. Zunächst musste die Tankstelle schließen, an der Herr Troste wirkte der Tankwart meines Vertrauens. Wann immer in unserer Autowelt der Selbstbedienung ein Glühbirnchen oder ein Scheibenwischerblatt auszuwechseln war, Troste wurde zum Trost, nahm mir das Teil aus der Hand, drückte hier, schraubte da, fertig. Gute Fahrt, Herr Brummer! Widerwillig ließ er sich für die Kaffeekasse etwas zustecken.
Als Nächster machte sich der Weinhändler meines Vertrauens davon. Herr Güllnow ging einfach in Rente. Seinen diversen Nachfolgern habe ich erfolglos zu erklären versucht, dass ich zum abendlichen Genuss einen leichten, nicht allzu teuren norditalienischen Rotwein bevorzuge. Gerne aus Venetien, aus der Emilia, aus dem Piemont. Wo mich einst Güllnows vorauseilendes "Herr Brummer, ich habe was für Sie!" begrüßte (was jedes Mal stimmte), wollen mich die forschen Jungverkäufer immer wieder mit schweren, teureren Gesöffen aus Chile, Südafrika oder Australien traktieren. Das mache ich nicht mehr mit. Da gehe ich nicht mehr hin!
Ganz nebenbei, auch meine Wein-Not würden Hanne und Familie nur mit verständnislosem Achselzucken quittieren. Sie kaufen, was sie brauchen, im Einkaufscenter oder bei den Billigketten, die übrigens nicht preiswerter sind als Güllnows Vorschläge. Das habe ich getestet.
Zurzeit plagt mich eine Nebenhöhlen-Geschichte. Weshalb ich gerade bang die Telefonnummer von Dr. Krüger heraussuche, Sie ahnen es: dem HNO-Arzt meines Vertrauens. Würde der jetzt noch die Praxis schließen so viel Heimatverlust in einem Jahr, so viel erzwungene Neuorientierung hielte ich kaum aus.

