Hans Scherhaufer/epd-bild
15.11.2010

Berlin ist kirchentagserfahren. In dieser durch mancherlei Kirchenferne geprägten Stadt sind Katholikentage und evangelische Kirchentage zu Hause. Jeweils vier fanden im letzten halben Jahrhundert in Berlin statt. Das wird von keiner anderen Stadt Deutschlands überboten. In der Zeit der Teilung kamen regionale Kirchentage im Ostteil Berlins noch hinzu. Doch was vom 28. Mai bis zum 1. Juni bevorsteht, hat noch keine Stadt erlebt, auch Berlin nicht. Zum ersten Mal findet ein Ökumenischer Kirchentag statt. Das Wort Ökumene bringt zum Ausdruck, dass die christlichen Kirchen und Gemeinschaften sich in all ihrer Verschiedenheit zu dem einen Gott bekennen und in Jesus Christus ihren Herrn und Heiland anerkennen.

Die Verschiedenheiten zwischen den christlichen Kirchen haben auch heute noch ihre Bedeutung. Die katholische Weltkirche legt rund um den Globus Wert auf die Verbundenheit mit dem Papst; die evangelischen Kirchen leben die Freiheit des Glaubens und die Treue zur biblischen Botschaft in vielfältigen Formen; die orthodoxen Kirchen feiern die himmlische Liturgie inmitten der Konflikte unserer Zeit. Charismatische Aufbrüche ereignen sich an vielen Orten, gerade in der Dritten Welt; der Heilige Geist wird in manchen Kirchen in einer Weise herabgerufen, die im "Alten Europa" eher befremdlich wirkt.

Doch was die Kirchen verbindet, ist wichtiger als das, was sie trennt. Das bezeugt schon das Neue Testament, wenn es das Gebet Jesu überliefert, "dass alle eins seien". Spaltungen traten schon unter den ersten Christen auf. Beinahe trotzig klingt es, wenn es in dem Brief an die Epheser heißt, die Christen sollten "die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens" wahren. Und dann wird die Einheit förmlich beschworen: ein Leib, ein Geist, eine Hoffnung, ein Herr, ein Glaube, eine Taufe ­ und zuletzt: "ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen".

Einheitsmodelle entsprechen heute gewiss nicht dem Geist der Zeit. Pluralismus heißt das Zauberwort der Gegenwart. Aber dass in der Pluralität der Glaubensformen der eine Glaube bezeugt wird, ist überfällig. Andernfalls stehen die Kirchen in der Gefahr einer selbst verschuldeten Belanglosigkeit.

Nicht um eine institutionelle Einheitlichkeit vorzuspiegeln, sondern um das gemeinsame Bekenntnis zu dem einen Gott und das Vertrauen auf den einen Herrn Jesus Christus zu bezeugen, laden die christlichen Kirchen in diesem Monat zum Ökumenischen Kirchentag nach Berlin ein. Mehr als 150 000 Menschen werden erwartet. Mehr als 3500 Veranstaltungen hat man in dem über 700 Seiten dicken Programmheft gezählt. Manche Blütenträume reifen noch nicht ­ das freie, ungeteilte und ungehinderte Zusammenkommen zum Abendmahl an dem einen Tisch Jesu Christi eingeschlossen. Unterschiede des Amtsverständnisses stehen nach römisch-katholischer Auffassung noch dagegen. Aber vieles wird geschehen zwischen der Eröffnung vor dem Brandenburger Tor und dem Abschluss vor dem Reichstagsgebäude. Vieles wird die Lebenskraft des christlichen Glaubens zeigen. Ich jedenfalls rechne mit einem Signal des Aufbruchs in Berlin, dieser kirchentagserfahrenen Stadt, für die der erste Ökumenische Kirchentag doch etwas ganz Neues ist. Wolfgang Huber

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