"Sie haben zur Solidarität mit den evangelischen Christen in Palästina aufgerufen, bei denen das israelische Militär einmarschiert ist. Hat das negative Auswirkungen für Ihren Dialog mit den Juden hier im Land?" So fragte mich neulich ein israelischer Diplomat.

Bei einem Besuch im Heiligen Land war mir deutlich geworden, wie verfahren die Situation ist: Israelis und Palästinenser leben in Angst voreinander und machen sich zugleich gegenseitig Angst. Die Israelis haben Angst davor, Opfer eines terroristischen Anschlags zu werden. Gerade die Selbstmordattentate sind unmenschlich und barbarisch. Besonders verwerflich finde ich, dass sie angeblich im Namen Allahs begangen werden. Kann Religion so wirken, dass Menschenleben nichts mehr gelten?

Auf der anderen Seite war ich Zeuge der Angst, unter der die Palästinenser leben. Sie fürchten, jeden Augenblick könne eine Rakete ihr Haus treffen, könnten Soldaten dort eindringen und sie mit der Waffe bedrohen. Mir ist ganz deutlich geworden: Mit jedem israelischen Einsatz gegen Palästinenser werden neue Selbstmord-Kandidaten geschaffen. Dort, wo israelisches Militär die Menschenrechte nicht achtet, wächst die Solidarität mit Selbstmord-Attentätern.

"Die Menschenrechte sind unteilbar", sagte der israelische Diplomat richtig. Auch ich habe den Staat Israel immer als einen Rechtsstaat erlebt, in dem Verstöße gegen die Menschenrechte einklagbar sind und wo Recht gesprochen wird.

Auch die Erwählung Gottes ist unteilbar. Es gehört zu den Grunderkenntnissen des christlich- jüdischen Dialogs, dass wir Christen unsere Erwählung durch Gott nicht trennen können von der Erwählung, die Gott seinem Volk Israel zugesagt hat. Wir glauben nicht an einen anderen Gott als sie. Wir haben mühsam gelernt, dass unsere Erwählung in Christus nicht auf Israels Kosten geht. Christen und Juden haben vor Gott eine ganz enge Beziehung. Diese aus der Bibel gewonnene Einsicht ist eine wichtige Errungenschaft ­ nach einem jahrhundertelangen Antisemitismus, der oft auch christlich motiviert war.

All dies ändert sich nicht dadurch, wenn wir Kritik an Aktionen des israelischen Militärs äußern. Auch Juden in Deutschland sind nicht verantwortlich für Handlungen des israelischen Militärs oder der israelischen Regierung. So wenig, wie ich nicht haftbar gemacht werden möchte dafür, was Christen in Nordirland sich im Namen der Religion an Gewalt leisten.

Es ist das gute Recht der deutschen Juden, solidarisch zu sein mit Juden, die in Israel mit Terror und Gewalt leben müssen. Es ist das gute Recht von Christen, solidarisch zu sein mit Christen in Palästina, die Zerstörung und Gewalt erleiden. Unumstößlich feststehen muss, dass sich am mühsam neu gewonnenen Verhältnis von Christen und Juden durch die Ereignisse im Nahen Osten und ihrer Beurteilung nichts ändert.

Unsere Aufgabe als Christen ist es darum, allen antisemitischen Tendenzen entschlossenen Widerstand entgegenzusetzen und mit den Juden in unserem Land solidarisch zu sein.

Wir müssen im Alltag wachsam und couragiert sein, um allen über den Mund zu fahren, die meinen: jetzt sei die Zeit gekommen, den Juden, die jahrhundertelang Opfer waren, nachzuweisen, dass sie Täter seien. Wir Christen sollten den Juden zeigen, dass sie unsere Schwestern und Brüder sind, denen wir uns im Glauben verbunden wissen. Johannes Friedrich

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