Illustration von Estelle Ishigo
Estelle Ishigo zeichnete, was sie in den Lagern erlebte
Laura Breiling
Das Schicksal der japanischen Amerikaner
Hinter Stacheldraht
Im Zweiten Weltkrieg ­sperren die USA Japaner in Barackenlager. Estelle Ishigo geht freiwillig mit ihrem Ehemann mit – und zeichnet auf, was dort geschieht
Lino WimmerLisa Bittner
Aktualisiert am 29.01.2025
3Min

Los Angeles, an einem Frühlingstag im Kriegsjahr 1942. Estelle Ishigo traute ihren Augen nicht: Auf dem Bürgersteig in einer beschaulichen Wohngegend stapelten sich Reisekoffer und prall gefüllte Beutel. Darin die Hab­seligkeiten von 450 japanischen Amerikanern, streng rationiert und eilig gepackt für eine ungewisse Zukunft. Unter bitteren Tränen oder in stummer Angst warteten sie auf Busse, die sie unter den Blicken von Soldaten wegbrachten. Fassungslos kramte Estelle, verheiratet mit dem Einwandererkind Arthur Ishigo, ihr Notizbuch heraus und zeichnete: eine junge Frau, die einen Herzinfarkt erleidet. Eine Busfahrt in eine Barackenstadt, draußen Menschen mit feindseligen Gesichtern, die an dem Schicksal ihrer Nachbarn nichts Anstößiges finden können.

Nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor ließen US-Regierung und Militärs beinahe alle 120 000 Japaner und japanischstämmigen US-Amerikaner, die an der Westküs­te lebten, in Barackenlager sperren. Sie galten als Sicherheitsrisiko, obwohl Nachrichtendienste nie einen Fall von Spitzelei oder Sabotage nachwiesen.

Estelle Peck wurde 1899 in Oakland als Tochter eines Landschaftsmalers und einer Opernsängerin geboren, sie hatten wenig Zeit und Interesse für ihre Tochter. Estelle verlebte eine unglückliche Kindheit in der Obhut von Kindermädchen, Verwandten und Fremden, erfuhr dort sexuelle Gewalt. Nach dem Schulabschluss büxte sie aus, verbrachte die Zwanziger im kosmopolitischen und rasant wachsenden Los Angeles, zwischen Jugendabenteuern und Kunsthochschule, wurde Malerin, wie ihr Vater. Als sie Arthur Ishigo heiratete, der eher glücklos von einem Leben als Schauspieler in Hollywood träumte, wurde sie von den Eltern enterbt, die Ehe mussten sie wegen der Rassen­gesetze in Mexiko schließen.

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Infobox

Wissenswertes über Estelle Ishigo

Dokumentation: Days of Waiting (Steven Okazaki, 1990)

Autobiographischer Roman: Lone Heart Mountain (Estelle Ishigo, 1972)

Die Sammlung Estelle Ishigo des Japanese American National Museum enthält Zeichnungen und Aquarelle aus Pomona und Heart

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