Armenien
Der Geschmack von Heimat
Die Bäckerin Donara Gasparyan musste aus Bergkarabach fliehen. Jetzt backt sie ihr Nationalgericht "Jingalov Hats" in der armenischen Hauptstadt Jerewan. Sie schafft es sogar, die meisten der 17 Kräuter dafür zu finden
Eine geflohene Bäckerin aus Bergkarabach backt in Jeriwan das Nationalgericht "Jingalov Hats"
Donara Gasparyan aus Bergkarabach backt in Jeriwan das Nationalgericht "Jingalov Hats"
Luise Glum
David Pierce Brill
Aktualisiert am 12.03.2025
7Min

An Verluste ist Donara Gasparyan längst gewöhnt. Sie hat nicht viel mitgenommen auf ihre Flucht nach Armenien, ein bisschen Kleidung, ein paar alte Fotos, etwas Ausrüstung für die Küche. Und ein Zitronenbäumchen, das jetzt im Eingang ihrer neuen Bäckerei in Jerewan steht. In Stepanakert, der ehemaligen Hauptstadt Bergkarabachs, hatte sie einen Stand auf dem Shuka, dem zentralen Markt. Den Stand, ihre Wohnung, ihr ganzes Leben, alles hat Donara zurückgelassen. Ihre Heimat in Bergkarabach existiert faktisch nicht mehr.

Donara sitzt auf einem roten Plastikstuhl in der Sonne, sie trägt einen Kittel und ein blaues Haarnetz. Wenn sie lacht, kommen Goldzähne zum Vorschein. Im Hintergrund bereiten ihre Bäckerinnen Jingalov Hats zu, ein Nationalgericht der Bergkarabach-­Armenier. Ein ovales Brot mit spitzen Enden, das mit Kräutern gefüllt ist. "Wenn du willst, dass etwas Früchte trägt, musst du es lieben", sagt Donara.

Kurz vor Kriegsende überredeten ihre Söhne sie, zu gehen

Und Donara liebt ihr Brot. Gelernt hat sie das Backen schon als Kind, von ihrer Tante. "Als ich acht war, habe ich ihr zum ersten Mal zugeschaut." Sie erinnert sich auch noch ­genau, wann sie ihren Bäckerstand aufgemacht hat: Im Jahr 1993, als sich der erste Bergkarabach-Krieg dem Ende neigte. Im ­Zuge des Zerfalls der Sowjetunion erklärte die vorwiegend von Armeniern bewohnte Region Bergkarabach ihre Unabhängigkeit von Aserbaidschan. Die autonome Region wurde international nicht anerkannt. Kämpfe zwischen Aserbaidschan und Armenien eskalierten zu einem Krieg, den Armenien gewann.

Damals war Donara Anfang zwanzig und zog mit ihrem Ehemann Samuel aus einem Dorf nach Stepanakert. Die Stadt war zerstört, sagt sie, aber die Leute waren einfach froh, dass das Leben weiterging: "Wir haben alle hart gearbeitet, das war das Einzige, was uns übrig blieb." Donara öffnete ihren Stand und verkaufte das Brot dreißig Jahre lang am ­selben Ort.

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Infobox

Der Konflikt um Bergkarabach

Im Zuge der Gründung der Sowjet­union sprachen die Bolschewiki die überwiegend von Armeniern ­bewohnte Region Bergkarabach Aserbaidschan als autonomes ­ Gebiet zu. Mit dem Zerfall der ­UdSSR Anfang der 90er Jahre erklärte Bergkarabach seine Unabhängigkeit. ­Es entstand eine Republik, die international nicht anerkannt wurde.

Der Konflikt eskalierte zu einem Krieg, den Armenien gewann. Trotz eines Waffenstillstandsabkommens schwelten die Spannungen weiter, bis 2020 erneut Krieg ausbrach. Diesmal waren die Armenier gezwungen, Teile der Gebiete aufzugeben.

Nach einer monatelangen Blockade startete Aserbaidschan im September 2023 eine Militäroffensive und gewann auch die Kontrolle über den Rest Bergkarabachs. Es kam zu einer Massenflucht der armenischen Bevölkerung. Die Führung Bergkarabachs unterzeichnete ein Dekret, das die Auflösung ihrer Republik zum 1. Januar 2024 erklärte.

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