Dieses Luftbild zeigt ein zerstörtes, mit Lava bedecktes Haus nach dem Ausbruch des Vulkans Cumbre Vieja in La Laguna auf der Kanareninsel La Palma
Die Evakuierung von mehr als 7.000 Menschen und die Zerstörung von fast 3.000 Gebäuden hatte der Ausbruch des Vulkans Cumbre Vieja seit dem ersten Ausbruch am 19. September, zur Folge
AFP via Getty Images / Jorge Guerrero
Vulkanausbruch
"Wir sitzen auf einer Magmakammer"
La Palma ist nicht nur bei deutschen Urlaubern beliebt, sondern auch bei Auswanderern. Eine von ihnen erzählt, wie sie die zwei Jahre nach dem Vulkanausbruch erlebt hat, wie die Situation für Palmeros ist und was sie an den Einheimischen so schätzt.
19.09.2023
4Min

Ich habe gerade Siesta gemacht, dann gab es einen ziemlichen Knall - ich dachte, ein Flugzeug stürzt ab. Dann kam Erde aus dem Boden geschossen und es gab sehr viel Qualm, abends schnell fließende Lava. Ich habe sofort meine beiden Hunde ins Auto gepackt und habe uns in Sicherheit gebracht. Wir sitzen hier auf einer unglaublichen Magmakammer. Eigentlich muss man einen Vulkanausbruch mit einbeziehen, wenn man hier lebt. Aber dass es wirklich passiert, daran habe ich nicht geglaubt. Ich komme aus Deutschland und lebe schon seit fast 27 Jahren auf La Palma. Ich hatte hier mal ein Restaurant, jetzt bin ich in Rente.

Ein Knall, dann Qualm, abends floss Lava.

Ich habe gehofft, dass die Lavaströme an meinem Haus, das ich gemietet hatte, vorbeigehen - es war genau mein Platz. Ich habe nach Drohnenaufnahmen gesucht, aber nach zweieinhalb Wochen war klar: Das Haus wird es nicht überleben. Es ist wirklich weg von der Karte, so wie fast 3000 andere Gebäude auch, der Großteil davon waren Wohnhäuser. Die allermeisten von ihnen waren nicht versichert. Von den 7000 Menschen, die evakuiert werden mussten, konnten etwa 3000 nicht mehr zurück.

privat

Bärbel Naeve

Bärbel Naeve, Jahrgang 1956, ist gelernte Industriekauffrau und hat an der Freien Akademie der Künste in Hamburg gearbeitet, bevor sie 1997 auf die kanarische Insel La Palma zog. Dort eröffnete sie erst ein Bistro, bedruckte und verkaufte T-Shirts mit Inselmotiven und eröffnete dann das Restaurant "Altamira", das sie später wieder verkaufte. Beim Vulkanausbruch (19. September bis 13. Dezember 2021) wurde das Haus in Todoque, in dem sie zur Miete gewohnt hat, durch Lavaströme zerstört.

Das erste halbe Jahr nach dem Vulkanausbruch war furchtbar. Wenn sich Leute begegneten, nahmen sie sich in den Arm und weinten. Es gab ein kollektives Trauma. Ferienanlagen sind zerstört, viele große Bananenplantagen sind eingegangen, weil sie nicht mehr mit Wasser versorgt werden konnten, Fischer hatten Ausfälle durch die über 1000 Grad heiße Lava, die ins Meer floss. Hier sind die Renten klein, viele Menschen haben sich etwas dazuverdient, indem sie Hühner, Ziegen und Schafe gehalten haben.

Weil der Vulkan immer neue Schlote gebildet hat, war die Region von der restlichen Insel abgeschnitten. Viele Palmeros zwischen 25 und 40 Jahren haben die Insel auch verlassen. Sie sind aufs Festland oder auf eine größere Insel gegangen, wo es bessere Perspektiven gibt. Gerade die, die man braucht, um alles wiederaufzubauen. Der Fachkräftemangel zeigt sich auch in Krankenhäusern, wo verhältnismäßig wenig junge Leute arbeiten.

"Als der Vulkan ausbrach, habe ich mich oft fremdgeschämt"

Ausländer wie ich sind hier privilegiert. Für uns sind die Mieten und Lebenshaltungskosten leichter zu bewältigen als für die Palmeros. Als der Vulkan ausbrach, habe ich mich deshalb oft fremdgeschämt, zum Beispiel für ein Pärchen, das eine Spendenkampagne für ihr zerstörtes Haus gestartet hat, obwohl es richtig viel Geld auf dem Konto hatte. Trotzdem haben die Palmeros keine komischen Meinungen gegenüber Ausländern. Sie sind sehr unvoreingenommen und haben eine erstaunliche Lebensfröhlichkeit und Empathie.

Nach dem Vulkanausbruch habe ich viel darüber nachgedacht, zurück nach Deutschland zu gehen. Das Gefühl zu dieser Insel war verloren. Mir ist klar geworden, dass es nie mehr so sein würde, wie es war, und dass es keine Sicherheit gibt. Aber ich hatte zwei alte Hunde, die ich nicht alleinlassen wollte. Ich bin mit ihnen in der Wohnung einer Freundin untergekommen. Jetzt habe ich eine eigene Wohnung, ungefähr zwölf Kilometer von meinem alten Haus entfernt, mit direktem Blick auf den Vulkan.

Früher hat es oft nach Schwefel gestunken. Heute treten immer noch Gase aus, aber man riecht sie nicht mehr. Wenn es geregnet hat, bilden sich kräftige Wolken über dem Krater. Da sind immer noch Temperaturen von mehreren Hundert Grad.

Zwei Jahre nach dem Ausbruch hat sich vieles normalisiert. In Windeseile wurden Straßen gebaut, um die Verbindung zu den abgeschnittenen Gebieten wiederherzustellen. Alles andere ist schleppend. Viele Familien haben immer noch nichts, wo sie dauerhaft bleiben können. Die Immobilienpreise sind enorm gestiegen. Es gibt eine große Unzufriedenheit, weil die versprochenen Entschädigungen teils immer noch nicht gezahlt wurden. Viele sind auf Unterstützung angewiesen, weil etliche Arbeitsplätze verloren gegangen sind. Der Tourismus hat sich nicht erholt. Es fehlt an Unterkünften in den richtigen Lagen. Die Hauptsaison ist von Oktober bis Ostern. An der Ostseite kann es dann zu kalt sein und im Norden der Insel ist die Steilküste noch höher, da wollen viele Touristen nicht hin.

Es wird viele Jahre dauern, bis das Land wieder genutzt werden kann

Die abgeschnittenen Gebiete können nun wieder mit Wasser versorgt werden. Etliche Bananenplantagen sind eingegangen und werden neu bepflanzt. Ich denke, es wäre besser, Pflanzen anzubauen, die nicht so verschwenderisch sind, aber die Palmeros kriegen dafür Subventionen. Das können sie und das kennen sie. Viele Hektar fruchtbares Land sind aber durch Lavaströme zerstört worden. Hier wird es viele Jahre dauern, bis die Eigentümer ihr Land wieder nutzen können. Die Lavafelder sind schroff und scharfkantig und es gibt Höhlen, die sich unter der Lavadecke verbergen. Es muss erst untersucht werden, wie stabil die Lavadecke ist, damit man nicht einbricht.

Aber die Palmeros sind wirklich taff. Eine Palmera hat mal zu mir gesagt: "Wir haben die Gene des Vulkans." Ihr Großvater hat zwei Vulkanausbrüche mitgemacht. Sie helfen sich gegenseitig, wo sie können, und sagen sich: Lass uns nach vorne gucken und ein Festchen feiern. Die Leute sind auch der Grund, warum ich so gerne hier bin und es mir schwerfallen würde, zu gehen.

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Beeindruckend der Bericht. Erinnert an die Situation auf den Phlegräischen Felder Nähe Neapel. Auch dort das Phlegma, das mit Festen ertragen wird. Es ist purer Fatalismus, dennoch mit dieser permanenten Gefahr freudig zu leben. Die Parallele zur Klimadiskussion ist naheliegend. Lediglich mit dem Unterschied der verschiedenen Naturgesetze. Die unbeherrschbare Erde mit ihrer Magma und den Vulkanen und die Menschheit mit ihrer Zivilisation und deren Folgen für das Klima. Denn es sind die unabänderlichen guten und bösen Eigenschaften des Menschen, die letztlich die Zivilisation führungslos machen.

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