Posteingang - Ukraine "Ich bin geschockt"
Posteingang - Ukraine "Ich bin geschockt"
Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia./w/index.php?curid=96253535
"Ich bin geschockt"
Merle Rischmüller hat als Freiwillige von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste bis vor kurzem in der Ukraine gelebt. Sie fühlte sich dort sicher.
24.02.2022

Ich bin geschockt von den Nachrichten über die russischen Angriffe auf mehrere ukrainische Städte. Bis vor drei Wochen war ich als Freiwillige von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in dem Land. Dann mussten ich und die anderen sechs Freiwilligen aufgrund der politischen Spannungen nach Deutschland zurückkehren. Ich habe gehofft, nach einer Weile wieder in die Ukraine kommen zu können. Diese Hoffnung hat sich spätestens mit dem heutigen Tag zerschlagen.

Bevor ich als Freiwillige in die Ukraine kam, wusste ich sehr wenig über das Land. Das erste Mal kam es wahrscheinlich 2013 oder 2014 im Zusammenhang mit dem Euromaidan oder der Annexion der Krim in mein Bewusstsein.

Privat

Merle Rischmüller

Merle Rischmüller, 20, hat für die Aktion Sühnezeichen ihren Freiwilligendienst in der Ukraine abgeleistet. Sie lebt in Hildesheim.

Anfang September 2021 habe ich meinen Freiwilligendienst in der Ukraine begonnen - in Perejaslav, einer Kleinstadt mit 30 000 Einwohner*innen 80 Kilometer von Kiew entfernt. Andere Freiwillige waren in Kiew und Odessa. In Perejaslav haben wir bei der internationalen Stiftung "Verständigung und Toleranz" gearbeitet, die sich unter anderem für die Holocaust-Gedenkarbeit engagiert. Wir haben drei "Kinder des Krieges" regelmäßig besucht, unsere "Babuschki" (russisch für Omas). Sie sind die Kinder von ehemaligen Zwangsarbeiter*innen. Wir haben ihnen geholfen, zum Beispiel im Garten beim Umgraben des Kartoffelbeets oder beim Schneeschippen. Wir haben uns mit ihnen unterhalten, und sie haben uns jedes Mal etwas gekocht, wenn wir bei ihnen waren.

Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs ist im Umfeld der Stiftung sehr präsent. Aus Anlass des Holocaust-Gedenktages Ende Januar lud die Stiftung zu einer Veranstaltung, bei der die "Kinder des Krieges" von ihren und den Erfahrungen ihrer Familie während der NS-Zeit erzählten.

Zwei Mal in der Woche haben wir in einer weiterführenden Schule beim Deutschunterricht geholfen und in einem Zentrum für Kinder mit Beeinträchtigung gearbeitet. Es war toll, an so vielen verschiedenen Stellen tätig zu sein. Wir hatten die Chance, mit so vielen netten Menschen zu arbeiten und haben sie in unser Herz geschlossen.

Viele haben Freund*innen und Familie in Russland

In der Ukraine wird Ukrainisch und Russisch gesprochen. Zwar ist Ukrainisch die Amtssprache, aber alle Ukrainer*innen beherrschen beide Sprachen, einige sprechen sogar Russisch als erste Muttersprache. Am Anfang konnte ich nur ein wenig Russisch und habe erst mit der Zeit Ukrainisch gelernt. Die Grammatik ist ähnlich, und beide Sprachen werden mit dem kyrillischen Alphabet geschrieben. Allerdings sind einige Buchstaben im ukrainischen Alphabet anders, und auch wenn die Worte im Russischen und Ukrainischen manchmal gleich klingen, werden sie unterschiedlich geschrieben. Ukrainisch und Russisch sind unterschiedliche Sprachen, was einem vor allem auffällt, wenn man beide Sprachen und die verschiedenen Vokabeln lernt. Es war aber kein Problem, dass ich am Anfang nur Russisch verstand.

Die Verbindungen zwischen der ukrainischen und der russischen Bevölkerung habe ich als sehr eng wahrgenommen: Viele Menschen, die wir kennenlernten, haben Freund*innen und Familie in Russland. Auch wenn die Ukrainer*innen stolz auf ihre eigene Kultur und Traditionen sind, sie bei Festen ukrainische Trachten tragen und ukrainische Lieder singen, singen sie bei genau denselben Veranstaltungen auch Lieder auf Russisch.

Die jüngere Geschichte der Ukraine ist sehr präsent: Direkt im Zentrum von Perejaslav steht zum Beispiel ein Denkmal für die getöteten Perejaslaver*innen, die während der Maidanproteste 2014 starben. Wir haben nicht sehr häufig mit Ukrainer*innen über den Konflikt im Donbass gesprochen, aber ich hatte schon den Eindruck, dass sie sich sehr bewusst waren, dass in ihrem Land seit acht Jahren ein Krieg herrscht.

Ich habe mich sicher gefühlt

Die außenpolitischen Spannungen, ausgelöst durch den russischen Truppenaufmarsch an der ukrainischen Grenze, haben wir vor allem durch die Medien in Deutschland mitbekommen. Im Land selbst habe ich die Spannungen nicht wahrgenommen. Alle Menschen waren so wie immer, niemand schien sichtbar beunruhigt. Deshalb habe auch ich mich sehr sicher gefühlt.

Im Laufe des heutigen Tages hatte ich Kontakt zu einigen unserer ukrainischen Bekannten. Sie alle sind genauso geschockt, versuchen aber trotz allem, die Ruhe zu bewahren. Eine Studentin aus Perejaslav hat mir geschrieben, dass sie in der Ukraine bleiben werde, weil es nicht der richtige Weg sei, das Land zu verlassen. Hier habe sie ihr Leben. Sie müssten ruhig bleiben und sich nicht zu viele Sorgen machen, aber das sei nicht einfach.

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