Was wurde aus den Geretteten der Sea Watch 4?
Thomas Lohnes/epd-bild
Was wurde aus den Geretteten der Sea-Watch 4?
Stück für Stück geht es besser
Im Sommer 2020 hat die "Sea-Watch 4" 354 Menschen aus dem Mittelmeer gerettet. Was ist aus ihnen geworden? Eine Spurensuche
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Thomas Lohnes
27.01.2022
9Min

Narcisse Tcheugoue lernt Italienisch und will eine Ausbildung zum Automechaniker machen

Narcisse Tcheugoue, 19 Jahre alt, lebt im nord­italienischen Asti. Er wohnt mit 40 weiteren Männern in einer Unterkunft für Geflüchtete. "Hier geht es mir gut", sagt er. Kürzlich seien Afghanen dazugekommen. Da werde es schwierig mit der Verständigung, aber sein bester Freund komme wie er aus Kamerun.

Narcisse Tcheugoue ist einer von 354 Menschen, die das Seenotrettungsschiff "Sea-Watch 4" auf seiner ersten Fahrt im Sommer 2020 aus dem Mittelmeer geborgen hat. Das Schiff wurde auf Initiative der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und mit Spenden vieler Organisationen und Personen für 1,3 Millionen Euro gekauft. Die Männer, Frauen und Kinder, die die zivilen Seenotretter aufnahmen, trieben mit Gummibooten oder kleinen Holzbooten auf dem Meer. Sie waren erschöpft und hatten nur das bei sich, was sie am Körper trugen. Das Schiff konnte im Hafen von Palermo anlegen, und die Geretteten wurden im September 2020 in Auffanglager auf ganz Sizilien verteilt.

Narcisse Tcheugoue hat eine fünfjährige Aufenthaltsgenehmigung für Italien erhalten, auch weil er noch minderjährig war, als ihn die "Sea-Watch" aufgenommen hat. Er ist sehr ehr­geizig und weiß, dass die Aufenthaltsgenehmigung eine große Chance für ihn ist. Er will sich an alle Regeln halten, hat Angst, etwas falsch zu machen und sucht zum Beispiel lieber einen Zebrastreifen, bevor er eine Straße überquert, auch wenn er einen Umweg machen muss.

So oft es geht, kocht Narcisse kamerunisches Essen

"Hier in Asti geht es mir gut. Aber es gibt zu viel Pasta"

Narcisse Tcheugoue

Für Narcisse läuft es gut in Asti. Er will alles richtig machen. So überquert er die Straßen am liebsten auf dem Zebrastreifen, sicher ist sicher

Mehrmals die Woche büffelt Narcisse Italienisch in der Schule und will dieses Jahr seine Sprachprüfung ablegen. Die braucht er, um in Italien arbeiten zu können. In Libyen, einer Station auf seinem Weg nach Europa, hat er Automechaniker gelernt und in einer Werkstatt gejobbt, um über die Runden zu kommen. Damit er den Beruf in Italien ausüben kann, muss er eine Ausbildung machen.

Eigentlich dauert ihm das zu lang, denn er möchte schnell seine Mutter und seine Schwes­tern in Kamerun unterstützen können. "Denen geht es schlecht", sagt er. Sie leiden unter dem ­Bürgerkrieg. Deswegen floh Narcisse auch. In Kamerun herrscht Krieg zwischen den englischsprachigen Provinzen und der franko­phonen Regierung. Dieser Krieg führt mitten durch Narcisses Heimatstadt Kumba. Erst kürzlich wurden bei einem Schulmassaker mehrere Jugendliche getötet.

In Asti spielt Narcisse wieder Fußball, ­seine absolute Leidenschaft. Er trainiert ­regelmäßig in der "Scuola Calcio Astigiana", einer Fußballschule in Asti. An Wochenenden hat er Matches. Sein größter Traum ist es, von einem Talentscout der großen Vereine entdeckt zu werden. Von den 75 Euro, die er monatlich vom Staat als Taschengeld bekommt, kauft er auch Lebensmittel und kocht wie zu Hause.

In einem Lager in Libyen wurde Cisse Amirata gefoltert

Cisse Amirata wollte wegen der Sprache nicht in Italien bleiben und ist nach Lyon weitergezogen. Sie ist 28 Jahre alt und stammt aus der Côte d’Ivoire, wo Französisch gesprochen wird. In Lyon lebt sie mit ihren zwei Söhnen in einer Unterkunft für Asylsuchende. Das Gebäude ist herunterge­kommen, die Farbe an den Wänden abgeplatzt, in Cisses Zimmer hat eigentlich nur ein großes Bett Platz. Aber immerhin habe sie ein Dach über dem Kopf, und im Heim sei es ruhig, sagt sie. Zum Essen fährt sie mit den Kindern zweimal täglich mit der Metro zur Kantine der Heilsarmee.

Cisse hat die Côte d’Ivoire verlassen, weil ihr erster Mann gewalttätig war, kein Geld hatte und sie zur Prostitution gezwungen hat. In der Heimat hat sie zwei Töchter bei ihrer Tante zurückgelassen. Hin und wieder tele­foniert sie mit ihnen. Ihr zweijähriger Sohn Ali hat als Baby die Flucht über das Mittelmeer mitgemacht. Den Vater von Ali hat Cisse unterwegs aus den Augen verloren. Irgendwo in einem Gefangenenlager in Libyen wurde das Paar auseinandergerissen.

Cisses Zimmer in der Flüchtlingsunterkunft in Lyon ist klein

"Der 23. August 2020 ist der Tag meiner Rettung. Damals wurde ich von der Sea-Watch aufgenommen"

Cisse Amirata

Die Flüchtlingsunterkunft ist heruntergekommen. Aber Cisse ist in Sicherheit

Im Dezember 2021 hat sie in Lyon ihren zweiten Sohn Gausson zur Welt gebracht. Sie habe einen neuen Freund, er sei der Vater von Gausson, sagt Cisse. Mehr will sie darüber nicht sagen.

Die Flucht hat bei Cisse tiefe Spuren hinter­lassen. Äußerliche Zeichen der Folter in ­libyschen Lagern sind Narben am ganzen Körper. Sie sei mit heißen Scheren malträtiert worden, erzählt Cisse. Sie hofft, in Europa einen Arzt zu finden, der ihre verwundete Haut behandelt. Darüber hinaus ist die junge Frau seit fast einem Jahr in psychologischer Betreuung, ein Angebot des französischen Staates. Sie hat mit Depressionen, Angststörungen und Alpträumen zu kämpfen. Der behandelnde Psychologe hat ihr eine schwere posttraumatische Störung attestiert und rät von einer Abschiebung nach Italien aufgrund ihres gesundheitlichen Zustands ab.

Denn eigentlich müsste über Cisses Asylgesuch dort entschieden werden: Das sogenannte Dublin-Verfahren regelt, dass das Land über Asyl entscheidet, in dem der oder die Gerettete zuerst europäischen Boden betritt. In Cisses Fall war das Italien. Sie will aber auf keinen Fall dorthin zurück, auch der Sprache wegen. Wenn Cisse arbeiten dürfte, würde sie gern sauber machen oder als Friseurin tätig sein.

Philippe Mabon

Nicht alle der Geretteten wollen fotografiert oder mit ihrem richtigen Namen genannt werden. Philippe Mabon aus Kamerun heißt in Wirklichkeit anders. An Deck der "Sea-Watch" hatte er große Pläne und wollte in Europa unbedingt weiter studieren. Doch jetzt streift der 24-Jährige wie ein Schatten durch das südfranzösische Toulouse, und wir zeigen hier nur ein Foto der Stadt. Er sei ohne ­Papiere und immer in Sorge, von der Polizei aufgegriffen zu werden, sagt Philippe.

Manchmal sitzt er stundenlang in der Nähe des Place du Capitole im Zentrum der Stadt und beobachtet das Treiben. Hat er Hunger, geht er an den teuren Restaurants in der Altstadt entlang und inhaliert die Gerüche. Allein der Geruch von Essen sättige ihn, sagt er. Manchmal bekomme er Essen geschenkt. Dann bewahrt er einen Teil des Essens auf, um es gegen einen warmen Schlafplatz bei einem Bekannten einzutauschen. Das muss er Nacht für Nacht neu aushandeln. Aus der Unterkunft für Asylsuchende sei er rausgeflogen, weil er einen Freund in seinem Zimmer beherbergt habe, erzählt er. Wenn es warm genug ist, schläft er auf einer Parkbank. "Die Nacht vergeht schneller, als man denkt", sagt Philippe. Er hofft auf einen milden Winter.

"Die Bleibeperspektive ist eine Kategorie, die bei einer Seenotrettungsmission außer Acht bleibt und bleiben muss", erklärt Ansgar Gilster, Gründungsmitglied von "United4Rescue", dem Verein, der die Spenden für den Kauf der "Sea-Watch" einsammelte. Für alle Geretteten sei wichtig, dass sie gleich am Anfang Integrationsangebote und eine Existenzsicherung bekommen, um sich orientieren und die Sprache lernen zu können und auf dem Arbeitsmarkt ein Auskommen zu finden. Nicht alle erhielten diese Möglichkeiten, so Gilster.

Er habe Asyl beantragt, sagt Philippe Mabon, aber noch keinen Bescheid. Ohne Aufenthaltsgenehmigung darf er nicht arbeiten. Als er es trotzdem versuchte, war er der Willkür seines Chefs ausgesetzt. Er habe oft keinen Lohn erhalten. ­Manche kommen mit krummen Geschäften zu Geld, davon halte er sich fern, beteuert er. Dabei helfe ihm auch sein starker Glaube.

Philippe ist ­praktizierender Christ und floh aus Kamerun, weil er homosexuell ist. Auf Homosexualität ­stehen in Kamerun bis zu fünf Jahre Haft. Bis heute hat er Angst vor Verfolgungen. "God will help me", sagt Philippe immer wieder.
Er spricht Englisch und Französisch, in ­Kamerun hat er ein Studium der Kommunikationswissenschaft begonnen, das er in ­Europa fortsetzen wollte. Ob sich die Flucht für ihn gelohnt hat? Das könne er noch nicht sagen. "Ich lebe und ich habe Hoffnung", sagt ­Philippe: "Es gibt viele Menschen auf dieser Welt, die leiden. Eines Tages wird Gott den Leidenden seine Türen öffnen." Er will auf jeden Fall in Europa bleiben. Wenn es in Frankreich nicht klappe, dann eben in einem anderen euro­päischen Land.

Wally Dawda alebt in San Benedetto del Tronto

"Stück für Stück geht es besser", sagt Wally Dawda. Der gebürtige Gambier lebt inzwischen in San Benedetto del Tronto an der Adria. Ein Brand­unglück in seinem Dorf in Gambia und die große Armut waren der Grund, warum sich Wally auf den Weg nach Europa machte. ­Seine Familie hatte kein Geld für die ­Schule, der junge Mann kann kaum lesen und ­schreiben. Sobald er die Möglichkeit habe, will er das nachholen. Im Moment hat der 27-Jährige eine sechsmonatige Aufenthaltsgenehmigung für ­Italien – so lang, wie es voraussichtlich dauert, bis über seinen Asylantrag entschieden ist.

Seine Woche hat einen festen Rhythmus, darüber ist er froh. Seit einigen Monaten arbeitet er bei einem Gemüsehändler. Freitags betet er in der Moschee, am Wochenende hat er Fußballspiele. Denn ein örtlicher Fußballverein ist auf ihn und sein Talent aufmerksam geworden. Der Verein unterstützt ihn und stellt ihm auch ein Zimmer zur Verfügung, so dass er aus der Unterkunft für Geflüchtete ausziehen konnte. "Mein Traum ist es, vom Fußball zu leben", sagt Wally Dawda.

Wally Dawda kocht gern

"Mein Traum ist es, vom Fußball zu leben"

Wally Dawda

Wally Dawda hat drei große Leidenschaften: Fußball, Fußball, Fußball

Sein Fußballtalent hatte bereits einen ­deutschen Verein überzeugt. Denn Wally ist nicht zum ersten Mal in Europa. Ab 2017 lebte er mit einer Duldung in Deutschland, zunächst in Mannheim, danach in der ­Nähe von Stuttgart. Dort spielte er für den TSV Harthausen und schoss viele Tore, wie der örtlichen Zeitung zu entnehmen war. Im Verein schwärmen sie von ihm, auch weil er ein guter "Teamplayer" sei.

Er erzählt, dass er damals eine deutsche Freundin hatte, die er heiraten wollte. Doch bevor es dazu kam, schoben ihn die deutschen Behörden 2019 ab. Mit seiner Freundin hatte er weiter Kontakt. Irgendwann habe sie ihm geschrieben, dass sie ­einen anderen Partner gefunden habe. "So ist das Leben", sagt Wally.

In Gambia sei er dann als "Zurückge­schobener" stigmatisiert gewesen. Man habe ihm misstraut, weil er unfreiwillig zurück­gekehrt war. Wally brach erneut auf. Er ging in den Senegal, dann nach Mali, Marokko und Algier bis nach Libyen. Dort stieg er erneut in ein Schlauchboot und riskierte sein Leben für eine bessere Zukunft in Europa. "Ich hoffe, dass ich in Italien bleiben kann, inschallah", sagt Wally.

2021 war die "Sea-Watch 4" zwei weitere Male zu ­Rettungsmissionen im Mittelmeer unterwegs und hat dabei 937 Menschen aufgenommen. Momentan wird das Schiff in der Werft im spanischen Burriana auf den ­nächsten Einsatz vorbereitet.

Wally beim Probetraining in Pagliare del Tronto

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