Tsitsi Dangarembga
"Humor und Hoffnung sind enge Verwandte", Tsitsi Dangarembga
Dirk von Nayhauß
Friedenspreisträgerin Tsitsi Dangarembga im Interview
Humor und Hoffnung sind enge Verwandte
Beide kann Tsitsi Dangarembga gut brauchen. Als Schriftstellerin in Simbabwe kämpft sie gegen Armut und Korruption
Dirk von Nayhauß
31.12.2021
3Min

chrismon: Was können Erwachsene von Kindern lernen?

Tsitsi Dangarembga: Kinder haben diese unbändige Freude, wenn sie etwas zum ersten Mal erleben. Das verlieren wir und können auch nicht einfach dahin zurück, aber ich lerne zu­nehmend, mit ähnlicher Neugierde in die Welt zu gehen. Vor zwanzig, dreißig Jahren erlebte ich, wie Kinder hier in Berlin meine Hautfarbe kommentierten. Heute schauen sie mich einfach an. Die Offenheit bleibt, aber sie haben etwas gelernt. Das genieße ich.

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Ich bin gern aktiv, das ist Teil meiner protestantischen Ethik. Ich möchte etwas Positives zu schaffen. Am besten gelingt mir das, indem ich Geschichten erzähle.

Dirk von Nayhauß

Tsitsi Dangarembga

Tsitsi Dangarembga, Schriftstellerin und Regisseurin, wurde 1959 in Rhodesien (heute Simbabwe) ­geboren. 2021 erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen ­Buchhandels. Inter­national bekannt ­wurde sie 1988 mit ­ihrem Roman "­Aufbrechen", zuletzt erschien "Überleben" (Orlanda, 24 Euro).Tsitsi Dangarembga hat drei erwachsene Kinder und lebt mit ­ihrem Mann, dem Film­editor Olaf ­Koschke, in der Nähe von Harare (­Simbabwe).

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Mit meinen Eltern war ich in der Evangelisch-methodistischen Kirche, heute bin ich mit meinem deutschen Mann in der Lutherischen Kirche. Als ich jung war, hatte ich ­Zweifel, da sagte meine Mutter: "Gott ist eine logische Notwendigkeit. Alle Menschen – wie die ganze Schöpfung – haben einen Ursprung. Und wenn man sich fragt, wo dieser Ursprung ist, dann kann das nur Gott sein. Unsere bloße Existenz beweist, dass es Gott gibt." Heute ist Gott für mich wie die Luft, die ich atme, er ist mir immer nah, ich spreche viel mit ihm. Aber ich wende mich nicht nur an ihn, wenn es mir schlecht geht, so funktioniert keine Beziehung. ­Ich erzähle ihm auch von dem Schönen, dem ich begegne.

Muss man den Tod fürchten?

Nein, ganz bestimmt nicht! Meine Eltern sind tot, aber ich fühle ihre Nähe, sie sind ein Teil von mir und werden es immer sein. Der Tod ist bloß ein Übergang. Wir wissen nicht, was kommt, aber, wie das Leben auch, ist der Tod für mich ein weiteres Abenteuer.

Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?

Ich bin froh, dass ich wahrnehmen kann, wenn ich etwas falsch gemacht habe. Denn so kann ich mit der inneren Arbeit beginnen und untersuchen, wie es dazu kam. Und wie ich sicherstellen kann, dass es mir nicht noch einmal passiert. Wenn etwas wiedergutzumachen ist, dann tue ich das. Einfach ist es nicht, sich beim anderen zu ent­schuldigen, manchmal steht mir mein Ego im Weg. Aber so, wie ich meinen Körper trainiere, muss auch die moralische Haltung trainiert werden.

"Kannst du über ­etwas lachen, hast du es schon hinter dir gelassen"

Wie wäre ein Leben ohne Humor?

Nicht lebenswert. Humor gibt uns oft die Kraft, mit schwierigen Situationen umzugehen. Kannst du über ­etwas lachen, hast du es in gewisser Weise schon hinter dir gelassen. Humor und Hoffnung sind enge Verwandte. Sie lassen uns spüren, dass ein dunkler Moment nicht das Ende der Geschichte ist.

Wo fühlen Sie Heimat?

Immer wenn ich nach Berlin komme, habe ich dieses Gefühl: Oh, yeah! Ich habe hier elf Jahre gelebt, kenne mich aus, ich fühle mich sicher, gerade als Frau. Hier leben meine engsten Freunde, auch meine drei Kinder sind in Deutschland. Trotzdem ist Simbabwe meine Heimat. Der Alltag ist allerdings sehr mühsam, das Land versinkt in einer politischen, wirtschaftlichen und sozialen Krise. Das zu erleben ist furchtbar. Trotzdem gehöre ich dorthin. Ich sehe so viele Geschichten, die erzählt werden müssen. Würden alle Autoren das Land verlassen, wer sollte dann diese Geschichten erzählen? Es ist schwierig, das nötige Geld für Filmprojekte aufzutreiben. Drum drehe ich gerade selten. Ich begleite kleine Produktionen, wir haben einige MeToo-Spots gedreht.

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Wohin mit Ihrer Wut?

Ich bin eher empört. Diese Korruption, die Armut! Es gibt in Simbabwe Menschen, die unermesslich reich sind, aber die meisten sind sehr, sehr arm. Als ich 2020 gegen die Korruption protestierte, wurde ich verhaftet. Ich wurde am nächsten Tag freigelassen, das ist mir auch peinlich, andere sind Monate oder gar Jahre inhaftiert. Bei mir gab es ­einen großen Aufschrei, im Land formierten sich Menschen hinter mir, der US-amerikanische und britische P.E.N. schickten Nachrichten in die Welt, das wirkte. Aber ich habe Hoffnung. Wir müssen endlich unsere Regierung zur ­Rechenschaft ziehen, und ich bin mir sicher, dass Simbabwe den Punkt erreichen wird, an dem genug Menschen rufen: "Es reicht!"

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