Alejandra Acosta
Michael Scheyer
"Hinschauen und eingreifen"
Alejandra Acosta macht Menschenhändlern in Spanien das Geschäft schwer.
Portrait Burkhard Weitz, verantwortlicher Redakteur für chrismon plusLena Uphoff
07.10.2021

chrismon: Wie kamen Sie dazu, mit 18 einen Verein ­gegen Zwangsprostitution zu gründen?

Alejandra Acosta: Eine nigerianische Überlebende des Menschenhandels hatte auf einer kirchlichen Veranstaltung berichtet, wie sie in Spanien in die Prostitution gezwungen worden war. Das hat mich sehr bewegt. Ich dachte nur: Wie kann ich 18 Jahre in dieser Stadt Madrid aufgewachsen sein, ohne jemals davon gehört zu haben? Wie kann so etwas überhaupt in meinem Land passieren? Ich habe recherchiert, worum es wirklich geht, und habe "Break the Silence" gegründet.

Was an der Geschichte dieser Frau hat Sie am meisten getroffen?

Sie war in meinem Alter, hatte meine Erwartungen an das Leben. Das Einzige, was uns unterschied: Ich hatte freien Zugang zu Informationen, und ich hatte eine Familie, die mich beschützte.

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Alejandra Acosta

Alejandra Acosta, 25, spanische Protestantin, gründete mit 18 Jahren "Break the Silence" ("Brecht das Schweigen"), einen Verein, der Wirtschaftsbetriebe, Kommunen, Kirchengemeinden berät ­dabei, was sie gegen Zwangs­pros­titution unternehmen können.
Portrait Burkhard Weitz, verantwortlicher Redakteur für chrismon plusLena Uphoff

Burkhard Weitz

Fragen: Burkhard Weitz

Wer hatte diese Frau in die Prostitution gezwungen?

Sie war in einer Umgebung voller Gewalt aufgewachsen. Ihr Vater war drogenabhängig. Sie musste die Schule abbrechen, um ihre Familie finanziell zu unterstützen. Dann kam das Angebot eines Onkels aus Spanien, der ihr versprach, sie könne hier legal arbeiten. Als sie in Spanien ankam, wurde sie in die Prostitution gezwungen. – Die "A21 Campaign" hat ihr herausgeholfen, eine US-amerikanische Organisation, die Opfer des weltweiten Menschenhandels unterstützt.

Mit 19 waren Sie erstmals auf internationalen Kon­ferenzen unterwegs.

Ja, ich war zu einer Beratung im mexikanischen Parlament eingeladen. Es ging darum, Aufmerksamkeit für Menschenhandel und Zwangsprostitution zu wecken und zu überlegen, welche nationalen Gesetze etwas gegen den internationalen Menschenhandel ausrichten können. In Mexiko war ich noch besorgt, ob ich das kann: auf internationaler Bühne etwas gegen den Menschenhandel zu bewirken. Alle anderen wussten so viel mehr darüber, aber ich habe viel dazugelernt. Damals gewann meine Stimme öffentlich an Gewicht.

Gerade traten Sie auf der Konferenz "Religions for Peace" in Lindau auf. Was bedeutet die Religion für Sie?

Ich wuchs in einer christlichen Familie auf. Meine Großeltern waren Pastoren, sie halfen Menschen, die es schwer hatten, sie verbanden das Wort Gottes mit sozialem ­Engagement. Das hat mich geprägt, und das ist Religion für mich: die Rede von der Liebe Gottes in die Tat umzusetzen. Als Christen sind wir aufgerufen, ­Menschenhandel und Sklaverei nicht gleichgültig hinzunehmen.

"Wenn Gemeindemitglieder merken, mit wem sie es zu tun haben, sollten sie die Frauen ansprechen"

Sie informieren, was man gegen Menschenhandel tun kann. An wen richten Sie sich?

An Regierungsstellen, Behörden, Unternehmen, Vereine, auch Kirchengemeinden. Ich kläre sie darüber auf, was Menschenhändlern das Geschäft leicht macht und wie man das in der Behörde, im Unternehmen abstellen kann.

Sie waren zum Beispiel bei einem Verkehrsunternehmen eingeladen.

Ja, wir haben festgestellt, dass hier in Spanien der Menschenhandel im Verkehrssektor beginnt, etwa in Uber-Taxis. ­Opfer von Zwangsprostitution werden zu Orten gefahren, wo sie sexuell ausgebeutet werden. Fahrer können anhand bestimmter Indikatoren sehen: Da sitzt vermutlich ein ­Opfer des Menschenhandels in meinem Auto. Manchmal fehlen ihnen die nötigen Informationen, manchmal ­trauen sie sich nicht, sich einzumischen. Wir klären sie auf, wie sie die Opfer ansprechen können, was für Hilfe sie ihnen anbieten können, wem sie den Fall melden können.

Was können Kirchengemeinden tun?

Sie müssen in ihrem Stadtteil präsent sein, das ist das Wichtigste: Anteil nehmen, Beziehungen aufbauen, etwas über die Menschen vor Ort erfahren. Und dann sollten sie hinschauen und eingreifen, wo alle anderen wegschauen, das ist ja die Aufgabe der Kirche. Das erste Mal bin ich einem Opfer von Menschenhandel in unserer eigenen ­Kirche begegnet. Die Leute redeten über die Frau, aber dann wollten sie nichts unternehmen. Es fehlte an Empathie.

Was also raten Sie Kirchengemeinden?

Zunächst ihren sozialen Aufgaben nachzukommen, Essenstafeln etwa. Opfern von Menschenhandel geht oft am Monatsende das Geld aus. Sie bitten dann bei Tafeln um Essen. Wenn Gemeindemitglieder merken, mit wem sie es zu tun haben, sollten sie die Frauen ansprechen, ihnen Unterstützung anbieten, eine reguläre Arbeit zu finden. Oft geht es um Dinge wie: Wer kümmert sich um das Baby, wenn sie beim Arbeitsamt ist? Oder darum, sie mit Lebensmitteln und Dingen des täglichen Bedarfs zu versorgen, bis sie Arbeit gefunden hat. Ich kenne Gemeinden, die das tun.

"Kirchenmitglieder locken junge Frauen damit, dass sie als Nonnen nach Spanien berufen seien"

Sind denn Kirchen eher Hilfe oder Teil des Problems?

Ich würde nicht sagen, dass Kirchen in Spanien Zwangsprostitution erleichtern oder ermöglichen. Ich weiß aber, dass in Nigeria durchaus so etwas passiert. Kirchenmitglieder locken junge Frauen damit, dass sie als Nonnen nach Spanien berufen seien. Mir sind schon Opfer ­solcher falschen Versprechen begegnet. Was die spanischen ­Kirchen betrifft: Da gibt es viel Raum für Verbesserungen. Wir müssen mehr daran setzen, Probleme, die wir er­kennen, auch zu lösen.

Wo hakt es?

Gerade bei Themen wie Pornografie halten sich die ­Kirchen zurück. Viele Jugendliche sind pornosüchtig und wissen nicht, dass Zwangsprostitution auch mit ­Pornografie beginnt. Man muss darüber reden. Aber weil Sexualität in den Kirchen tabuisiert ist, weil man sich davor fürchtet, macht man gleichzeitig Menschenhandel möglich. ­Menschen kommen zu Schaden, nur weil man nicht offen über Sex redet. Oft sind es nicht die Kirchen, sondern engagierte Christen, die soziale Veränderungen bewirken, oft auch außerhalb der Kirchen.

Was erhoffen Sie sich von einer Konferenz wie "Religions for Peace"?

Da kommen engagierte Leute aus unterschiedlichen ­Ländern zusammen, die ich für das Problem des ­Menschenhandels sensibilisieren kann. Diese Leute sind ja oft verantwortlich für Kirchengemeinden. Und mit den richtigen Informationen bekommen sie auch die Mittel in die Hand, Sexsklaverei in ihren Gemeinden zu beenden.

Infobox

Religions for Peace

Seit 1970 führt die multireligiöse Organisation Religions for Peace Menschen verschiedener Reli­gionen zusammen, um für Frieden, Sicherheit, Menschenrechte und nachhaltige Entwicklung zu streiten. Anfang Oktober lud die Organisation zu einer Friedenskonferenz nach Lindau ein.