Ata Canani lehnt an einer Straßenlaterne und zupft an seinem Hemd. Hinter ihm Schornsteine, Container, kilometerlange Rohre, die kreuz und quer über das Werksgelände verlaufen. Es dampft und zischt. Leverkusen, einer der wichtigsten Standorte der deutschen Chemieindustrie. Der kleine Mann mit der Halbglatze weiß genau, wie es hinter den Schranken der Pförtnerhäuschen aussieht. Sein halbes Leben lang hat er in Fabriken gearbeitet. Als Gehilfe, Arbeiter und Techniker. Entspannt sieht Canani nicht gerade aus. Dabei ist er eigentlich ein herzlicher, humorvoller Mensch. Aber jetzt kommt er sich komisch vor mit seinem Instrument an der vierspurigen Straße. "Noch zwei Bilder", sagt er zu dem Fotografen, "und dann gehen wir."
Über 40 Jahre ist es jetzt her, dass Ata Canani beinahe ein Star geworden wäre. Der erste Liedermacher türkischen Ursprungs. Das singende Einwandererkind mit der elektrisch verstärkten Saz, wie die langhalsige Laute genannt wird. Aber nach ein paar Auftritten im deutschen Fernsehen ist es vorbei mit der Karriere. Der Junge mit dem dünnen Oberlippenbart verschwindet in der Versenkung.
Ende der 70er Jahre sind Deutschlands Konzerthallen und Clubs noch nicht reif für orientalische Klänge. Schon gar nicht, wenn sie von sozialkritischen Texten begleitet werden. "Stell Dir einmal vor" oder "Warte mein Land, warte" sind die Titel dieser mal zornigen, mal traurigen Lieder. "Arbeitskräfte wurden gerufen, aber Menschen sind gekommen", heißt es in Ata Cananis Song "Deutsche Freunde" frei nach Max Frisch, dessen berühmten Ausspruch der Musiker in einer Gewerkschaftszeitung gefunden hatte. "Nicht Maschinen, sondern Menschen."
Endlich kann Canani vergessen, dass der Fotograf seine Linse auf ihn gerichtet hat. Seine Finger haben eine wehmütige Melodie gefunden. Er schließt die Augen und spielt das bauchige Saiteninstrument, das zu ihm gehört wie ein Freund aus Kindertagen. Canani bewegt den Kopf im Rhythmus des türkischen Volkslieds. Sein Gesang verwandelt die triste Umgebung für ein paar Minuten in eine Steppenlandschaft.
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Ozan Ata Cananis "Warte mein Land, warte" ist bei Fun in The Church/Staatsakt Rec. erschienen.
Die Kompilation "Songs of Gastarbeiter Vol. 1" ist bei Trikont erschienen. Volume 2 ebenfalls.
