Mario Novak in der Stuttgarter Fußgängerzone
Privat
Zuhören gegen die Einsamkeit
Vielen jungen Menschen fehlt jemand zum Reden, sagt Mario Novak. Deshalb setzt er sich gemeinsam mit anderen Haupt- und Ehrenamtlichen mit Klapptisch, Kaffee und Papphockern in die Stuttgarter Fußgängerzone und bietet den überwiegend jungen Passanten Gespräche an. Die Themen sind vielseitig: von Einsamkeit über Leistungsdruck bis hin zu Zukunftsängsten.
Tim Wegner
09.03.2023

chrismon: Sie setzen sich in die Fußgängerzone und sprechen die Leute an?

Mario Novak: Wir müssen gar nicht viel machen. Es ist ein Hingucker, wenn da ein Tisch und Hocker in der Fußgängerzone stehen. Zusätzlich spiele ich Poplieder, etwa von Pink oder Ed Sheeran, auf meiner Gitarre und wir bieten kostenlos Kaffee an. Das macht neugierig. Die meisten fragen dann, ob es den Kaffee wirklich umsonst gibt, wer wir sind und was wir machen.

Mario NovakPrivat

Mario Novak

Mario Novak, geboren 1976, ist für den Arbeitsbereich mitten:DRIN der Evangelischen Jugend Stuttgart verantwortlich, der spirituelle Begegnungen und Austausch für junge Menschen im öffentlichen Raum ermöglichen möchte.

Warum denken Sie, dass gerade junge Menschen mit Ihnen reden möchten?

Viele junge Leute plagen Zukunftsängste, vor allem in Bezug auf den Krieg und die Klimakrise. Außerdem fürchten sie häufig, nicht mit anderen mithalten zu können, was Schönheit und Karriere angeht. Oft haben junge Leute niemanden, mit dem sie darüber offen reden können. Dass sie dann ausgerechnet mit Wildfremden darüber sprechen, liegt wahrscheinlich daran, dass der Leidensdruck sehr groß ist und ein Gespräch mit uns keine Auswirkungen auf ihr Umfeld hat.

"Jeder Mensch hat ein spirituelles Bedürfnis"

Erinnern Sie sich an ein Gespräch, in dem es um Einsamkeit ging?

Ein junger Mann Mitte 20 konnte es gar nicht fassen, dass ich mir Zeit für ein Gespräch nehme. Er sagte, dass es heutzutage kaum noch jemanden gibt, der zuhört und nicht zum nächsten Termin rennt oder auf die Uhr guckt. Er habe zwar viele Kontakte und nette Kollegen, aber niemanden, mit dem er richtig reden könne. Deshalb fühle er sich einsam. Ihm kamen dann auch die Tränen.

Wie haben Sie bemerkt, dass junge Menschen Redebedarf haben?

Im Sommer 2020, am Anfang von Corona, gab es in Stuttgart eine sogenannte Krawallnacht. In den folgenden Nächten habe ich mir die Lage mal angeschaut. Dabei bin ich auf Hunderte junge Menschen ge­stoßen, die nachts allein umherirrten und rastlos auf mich wirkten. Ich hatte das Gefühl, dass sie jemanden zum Reden brauchen. Deshalb bin ich an den folgenden Sommerabenden in die Innenstadt gegangen und war einfach da zum Reden, was sehr gut angenommen wurde. Daraus sind Gesprächsaktionen junger Christen aus verschiedenen Gemeinden und Konfessionen entstanden.

Sie haben ein Schild dabei, auf dem steht: "Kirche hört zu". Reagieren die Leute skeptisch auf "Kirche"?

Das Krasseste war, dass Leute das Schild anschauen und kopfschüttelnd weiterlaufen. Ich habe noch nie erlebt, dass jemand eine Bemerkung gemacht hat. Nur in den Gesprächen wird ab und an deutlich, dass viele Leute Christen als weltfremde ­Freaks betrachten. Umso schöner, dass man uns als so offen wahrgenommen hat.

Interessiert die Menschen der christliche Glaube?

Die Leute setzen sich ja bewusst zu jemandem hin, der Teil von der Kirche oder der christlichen Gemeinschaft ist. Oft gehen die Gespräche dann auch in diese Richtung. Ich habe schon mit zwei jungen Erwachsenen gesprochen, die mal Teil einer Kirchengemeinde waren und ausgeschlossen wurden, weil sie sich als queer outeten. Dennoch ist ihr Interesse für den christlichen Glauben immer noch da, sonst wären sie ja nicht zu mir gekommen. Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch ein spirituelles Bedürfnis hat.

Kontakt

Bei Fragen und Interesse zum Projekt, erreichen Sie Mario Novak unter 015228685169 oder unter mario.novak@ejus-online.de

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