Die Theologin Dorothee Sölle starb am 27. April 2003
Die Theologin Dorothee Sölle starb am 27. April 2003
Andrea Ventura
Mach es wie sie
Dorothee Sölle – Ikone des Protestantismus, verehrt und gehasst. Vor 20 Jahren ist sie gestorben. Was bleibt von ihrem eindrucksvollen Werk?
27.04.2023

Die Theologin Dorothee Sölle – eine Prophetin, vielleicht sogar eine Heilige? So zumindest wurde sie in den Büchern beschrieben, die kurz nach ihrem Tod im April 2003 ­erschienen sind. Dann war es still um sie geworden. Nun gibt es viele Gedenkveranstaltungen zum Todestag, die meisten organisiert von alten Weggefährten und Weggefährtinnen. Aber auch eine jüngere Genera­tion wendet sich ihr zu. Weil sie eine Frau war, sich für feministische Themen einsetzte? Weil sie Friedens- und Klimaaktivistin war?

Sie hat ohne Unterlass und ohne Rücksicht auf sich selbst und andere immer wieder betont, dass es im Christentum um den Dienst am Nächsten geht. Ganz praktisch, mit den eigenen Händen. Eines ihrer liebsten Zitate stammt von Bertolt Brecht: "Die Wahrheit ist konkret." Indem sie Brecht so zitierte, wandte sie sich gegen einen zu theoretischen Blick auf die Welt. Wahrheit bedeutete für sie Praxis der Liebe, Arbeit an einer gerechteren Welt. Die Armen sah sie als Lehrer auf dem Weg, die Welt gerechter zu machen.

Armut, Klassenkampf: Das hört sich nach Straße an, nach Demonstrationen und Auseinandersetzungen mit der Ordnungsmacht. Und es stimmt, Dorothee Sölle hat an vielen solcher Aktionen teilgenommen, wurde auch mehrmals in Gewahrsam genommen.

Es gibt aber auch die andere Dorothee Sölle. Aufgewachsen in einer Villengegend im Kölner Süden, später schenkten ihre Eltern ihr ein Haus im gutbürgerlichen Kölner Stadtteil Braunsfeld. Dort zog sie drei ihrer vier Kinder groß, Au-pairs halfen ihr dabei. Danach lebte sie in Hamburg-Othmarschen, einem der reichsten Orte ­dieser reichen Stadt. Begraben liegt sie auf einem Friedhof hoch über der Elbe neben Adeligen, ehemaligen Militärs und Hamburger Bürgern. Sölle also eine reiche Fürsprecherin der Armen?

Tim Wegner

Konstantin Sacher

Konstantin Sacher hat sich in den letzten Jahren durch die unzähligen Bücher von Dorothee Sölle gelesen. Er ist nach Luzern zu Fulbert Steffensky gereist und hat die Lebensorte Sölles in Köln und Hamburg besucht. Sein Buch über Dorothee Sölle erscheint im Sommer in der Evangelischen Verlagsanstalt.

Sie war zeit ihres Lebens dafür bekannt, im Clinch mit der offiziellen Kirche zu liegen. Theologisch verkündete sie eine Zeit lang den Tod Gottes, politisch den Sozialismus. Damit kam sie bei den Bischöfen nicht gut an. Inzwischen findet man ihren Nachlass ordentlich verwahrt in einem landeskirchlichen Archiv in Kiel, es gibt kirchliche ­Dorothee-Sölle-Häuser in Deutschland und man müsste sicherlich lange herumtelefonieren, um einen Kirchen­oberen zu finden, der ihre Thesen noch skandalös findet. Ihre Bücher haben sich für eine Theologin und religiöse Schriftstellerin sehr gut verkauft, alleine der Kreuz-Verlag gibt für die Zeit seit 1980 über 280 000 verkaufte Bücher an.

Und heute? Bis auf die Gedichtbände sind fast alle ihre Bücher vergriffen und werden nicht mehr nachgedruckt. Ist Dorothee Sölle also zur Dekoration geworden? Zur ­Namenspatronin kirchlicher Häuser? Nur noch Stoff für die Vorlesung zur kirchlichen Zeitgeschichte?

Ihre Unzeitgemäßheit macht Sölle wieder attraktiv

Besuch bei Fulbert Steffensky in Luzern, noch so ein Ort der Reichen. Steffensky, Jahrgang 1933, war seit 1969 mit Dorothee Sölle verheiratet und ist selbst ein bekannter Theologe. Seine Wohnung liegt keine zehn Minuten vom Seeufer entfernt, leicht erhöht, mit schöner Aussicht. Es empfängt ein feiner, freundlicher und zugewandter Mann, der immer wieder lächeln muss, wenn er im Gespräch an seine verstorbene Frau zurückdenkt.

Herr Steffensky, sollte man die Bücher von Dorothee Sölle im Jahr 2023 noch lesen? Die Frage ist ihm fremd. Zuerst lobt er ihre Sprachkraft. Dann aber erklärt Steffensky, was Dorothee Sölle selbst zu dieser Frage gesagt hätte: "Was für ein Kaufmannsdenken." So ein Verwertungsinteresse führe zu nichts, sagt er. Es komme vielmehr darauf an, sich auf etwas einzulassen. Im Fremden, im Neuen und in der Begegnung liege der Wert.

Steffenskys Vorschlag passt nicht in unsere Zeit. Ist vielleicht das der Grund für Sölles wiederkehrende Attraktivität? Ihre Unzeitgemäßheit? Sich einfach auf etwas einlassen, das fällt wohl vielen schwer. Aber wer die bleibende Bedeutung dieser großen religiösen Denkerin des 20. Jahrhunderts erfahren will, muss sich auf sie einlassen, in ihrem Werk versinken.

Als sie anfing zu publizieren, war der ­Zweite Weltkrieg noch keine zehn Jahre vorbei. So drehten sich ihre Gedanken in der ­Mitte der 1950er Jahre auch um die großen Themen der ­damals jungen Menschen: Wie konnten die ­Verbrechen der Nazizeit geschehen? Welche Schuld trifft mich? ­Welche Schuld meine Eltern? Wie kann so etwas in Zukunft verhindert werden?

Familie versteckte jüdischen Jungen zu Hause

Sölle, 1929 geboren, erlebte die Nazizeit als Kind und Jugendliche. Die Mutter, ­Hildegard Nipperdey, war wohl eine strikte ­Gegnerin der Nationalsozialisten, der Vater, Hans Carl Nipperdey, machte als Jurist an der ­Universität Köln Karriere und schrieb an Nazigesetzen mit. Gleichzeitig war er durch eine ­jüdische Großmutter selbst durchaus gefährdet. Eine Zeit lang versteckte die Familie einen jüdischen Jungen zu Hause. Die Familie von Dorothee Nipperdey, wie sie damals noch hieß, hatte also ein ambivalentes Verhältnis zu Hitlerdeutschland.

In ihren 1995 erschienenen Erinnerungen schreibt sie, dass sie sich damals schämte, dass der Vater jüdische Vorfahren hatte. Ambivalenzen in den Erinnerungen an diese dunkle Zeit, die für sie eben nicht nur dunkel war, sondern ihre Jugend.

Als der Krieg vorbei war, ging es der Familie Nipperdey verhältnismäßig gut. Zwar war Dorothees Bruder Carl im Krieg gestorben, aber Vater, Mutter und die anderen vier Geschwister waren am Leben. Der Vater blieb in seiner ­Stellung als Professor an der Universität Köln. Das teilweise zerstörte Elternhaus in der Kölner Professorensiedlung wurde wieder aufgebaut. Deutschland war besiegt und befreit zugleich.

Verlust des "deutschen Geistes"

Dorothee, am Ende ihrer Schulzeit, trauerte damals um dieses Land. Ihre Heimat, Deutschland, schien ihr verloren, wie sie in ihrem Tagebuch schrieb. Der "deutsche Geist" oder die "Nationalliteratur" waren Fixpunkte im Denken des Bildungsbürgertums und damit auch im Denken Sölles.

Sie ist einen weiten Weg gegangen. Vom professoral-­bildungsbürgerlichen Elternhaus bis zur ­Vorkämpferin für die Armen in dem Teil der Welt, den man damals "Dritte Welt" nannte. Ein Weg, den sie nur gehen ­konnte, weil sie einen starken Durchsetzungswillen und ein ­unbändiges Selbstbewusstsein hatte. "Es steckte eine unwahrscheinliche Kraft in diesem kleinen Persönchen", sagt auch ­Fulbert Steffensky.

Woher nahm sie diese Kraft? Hier kommt die Religion ins Spiel. Ihre Familie war nicht sonderlich religiös oder kirchlich. Einen Zugang fand Sölle durch ihre Religionslehrerin Marie Veit, sicherlich eine der prägendsten Personen ihres Lebens. Veit war eine Schülerin des berühmten Theologen Rudolf Bultmann und hatte bei ihm in Marburg eine Doktorarbeit geschrieben.

Elemente des Evangeliums mit drängenden politischen Fragen vereint

Und so kam Dorothee Sölle mit dem Denken Bultmanns in Berührung. Seinen Ansatz einer existentialen Interpretation hat sie ganz und gar aufgenommen. Im Kern bedeutet das, Bibel und eigenes Leben unmittel­bar aufeinander zu beziehen – und genau das hat Sölle zu ihrem Programm gemacht.

Fulbert Steffensky erklärt es so: "Ihre ­Stärke und ihre Schwäche zugleich war, dass sie radikal zeitbezogen geschrieben hat." ­Sölle hat in ihrem Schreiben und ­Denken ­Elemente des Evangeliums mit den ­drängenden ­politischen Fragen ihrer Zeit ins Verhältnis gesetzt. In den 1950er und 60er Jahren den Umgang Deutschlands mit der ­eigenen Schuld.

Ab den späten 1960er Jahren eine zunehmende ­Kritik am ­kapitalistischen System US-amerikanischer Prägung. Ihr Blick lenkte sich weg von Deutschland nach Vietnam und ­Nicaragua und in andere Gegenden der Welt. Hier sah sie das Evangelium von Jesus Christus, das sie als radikales Plädoyer für die Rechte der Armen verstand, verraten.

Feminismus, Gleichberechtigung und Umweltbewegung

1975 wurde sie Professorin am Union Theological Seminary in New York – Feminismus ­wurde für sie wichtiger, sie bezog Fragen der Gleichberechtigung und die "Überwindung des Patriarchats" in ­ihre theologische Arbeit mit ein. Es kamen noch Themen der ­"Aufrüstung" und der Umweltbewegung hinzu. ­Dorothee Sölle hat in ihrem theologischen Denken nach und nach linke Themen bearbeitet – und wurde so zur Ikone des linken Protestantismus.

Einen echten Links-Protestantismus, also eine weithin sichtbare politische Kraft, die sich auf der Basis ihres ­Glaubens für linke Themen einsetzt, gibt es heute nicht mehr.

Dorothee Sölles Themen sind zwar heute immer noch wichtig – Ökologie, Gleichberechtigung, das Verhältnis der reichen Länder zum globalen Süden – oder, wie das Verhältnis des Westens zu Russland, so brisant wie lange nicht. Doch die Antworten, die sie gibt, passen darauf nicht mehr. Die Fragen des Feminismus waren zu ihren Lebzeiten einfach andere.

Sie kannte noch nicht die Ausmaße des Klimawandels, die wir heute kennen. Und ihr Pazifismus? Hier klingt sie wie die Friedensbewegung der 80er Jahre, ein bisschen wie Alice Schwarzer heute. Man sollte ihr nicht unterstellen, dass sie sich nicht entwickelt hätte. Immerhin ist sie ja auch seit 20 Jahren verstummt.

Die bleibende Bedeutung Dorothee Sölles kann ­also nicht in dem liegen, was sie geschrieben hat. Aber ­worin liegt sie dann? In ihr selbst. In ihrer Geschichte, ihrer Widersprüchlichkeit: Sie hat wie wenige für die ­Armen gestritten, war aber selbst wohlhabend. Sie hat den Blick auf "Gott im Müll" gelenkt, wie eines ihrer ­Bücher heißt, aber selbst an den schönen Wohnorten der Oberschicht gelebt.

Sie hat immer wieder ­geschrieben, es komme auf die ­Praxis an, nicht auf die Theorie, war aber selbst Schriftstellerin, und damit eben Verfasserin von Theorie. Sie hat sich beklagt, keine theologische ­Pro­fessur in Deutschland bekommen zu haben. Sie ­hatte aber weder eine theologische Dissertation noch ­eine ­theologische Habilitation verfasst, was die formalen ­Voraussetzungen für eine solche sind.

Dazu bekam sie ­eine ­literaturwissenschaftliche Professur in Deutschland angeboten, die sie aber ablehnte, und hatte später eine theologische in New York – beides kein Grund zur Klage. Sie hat sich immer wieder über die ­Unterdrückung der Linken und die Unfreiheit, gar die Zensur im Westen beklagt, lebte aber gerade davon, dass sie frei sagen und schreiben konnte, was sie wollte.

Keine Heilige oder Prophetin

All das könnte man ihr nun vorwerfen. Aber sie hatte ein großes Ziel vor Augen: ­eine gerechtere Welt. Dass sie selbst gerade im Kampf für Gerechtigkeit oftmals ungerecht war, übers Ziel hinausgeschossen ist, entwertet ihre Arbeit nicht. Im Gegenteil, ihr Leben bekommt für uns, 20 Jahre nach ihrem Tod, gerade dadurch eine echte Bedeutung. Ihre ­Lebensgeschichte als engagierte, nicht zufriedenzustellende Protestantin lenkt den Blick auf uns selbst und das eigene Verständnis des Christseins.

Sie war ein schreibender, mitreißender, etwas bewegender, normaler Mensch, jedoch keine Heilige oder Prophetin. Die sind schwerlich Identifikationsfiguren, sie sind einfach zu unnahbar. Wenn wir uns ganz auf Dorothee Sölle einlassen, ihrer Geschichte und ihrem Werk begegnen und dabei unsere eigenen Fragen stellen, bekommen wir ein neues Verständnis der Gegenwart. Im Idealfall sogar ein ­besseres, sicher aber einen klareren Blick.

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