Der Blick aus einem Zimmer der Insassen im Gebaeude der Jugendarrestanstalt Berlin-Lichtenrade
Foto: imago/CommonLens
„Gefängnisse sind Schulen des Verbrechens“
In Deutschland sitzen rund 65 000 Menschen in Haft. Aber Resozialisieren gelingt besser ohne Wegsperren, sagt Bernd Maelicke, von 1990 bis 2005 verantwortlich für den Strafvollzug in Schleswig-Holstein.
Tim Wegner
15.06.2015

chrismon: Strafe muss sein! Oder etwa nicht?

Bernd Maelicke: Es wird immer Delikte geben, auf die der Staat mit Haft antworten muss – Mord, Totschlag, Sexualverbrechen, Missbrauch, schwere Körperverletzung,  Drogenhandel oder organisierte Kriminalität. Aber was ist – zum Beispiel – mit suchtkranken  Drogenabhängigen? Was ist mit Leuten, die kurze Freiheitsstrafen von unter einem Jahr absitzen? Sie machen etwa die Hälfte der Menschen im Vollzug aus. Die sind nicht gefährlich, lernen in der Subkultur der Haft aber schlimmstenfalls, wie sie weitere Straftaten begehen.  

Haben Sie eine Alternative?

Nicht so viele einsperren. Bundesweit kommen auf 100 000 Einwohner 80 Gefangene, in Schleswig-Holstein sind es 40. Weniger Freiheitsentzug heißt weniger Rückfall – Resozialisierung von Straftätern gelingt nämlich ohne Wegsperren oft besser.

Das ist aber sicher sehr teuer.

Nein! Übertrüge man das Beispiel auf alle Bundesländer, wären die Bewährungshilfe und die ambulante Straffälligenhilfe der freien Träger stark auszubauen. Aber pro Fall kosten die nur ein Zwanzigstel dessen, was ein  Haftplatz an Ausgaben verur­sacht. Stationäre Haft ist die teuerste Lösung mit den höchsten Rückfallquoten, der günstigste und wirksamere Ansatz sind ambulante Programme. Im Gefängnis säßen nur gefährliche Täter, die eine intensive therapeutische Behandlung brauchen

Was passiert in ambulanten Programmen für Straftäter?

Am Anfang steht die Frage: Wer sind die Leute, die zu niedrigen Haftstrafen verurteilt werden?  Meistens kommen sie aus der Unterschicht, haben Gewalt erfahren und hatten niemanden, der sie liebevoll erzogen hat. Erfolgreiche Projekte setzen hier an und schaffen tragfähige, belastbare soziale Beziehungen. Zum Beispiel das Projekt „RESI“ in Köln: Jugendliche hatten einen „Buddy“, eine Art großen Bruder. Der hat sie morgens um sechs geweckt und zur Arbeit geschickt. Oder sie aus der Drogenszene oder Prostitution herausgeholt. Eine verlässliche, aber auch kontrollierende Beziehung – das kannten die Jugendlichen nicht! Leider wurde das Programm nicht verlängert. 

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