Richmond Lam
Wer fremd ist, wird schneller krank
Kanada ist ein Einwanderungsland. Hier weiß man: Es kommen die Robusten, sie sind gesünder als die Einheimischen. Aber nach drei Jahren steigt die Rate an Depressionen. Deshalb müssen Ärzte und Therapeuten viel mehr wissen über Tabus, Scham und Körperbilder in anderen Kulturen
22.09.2015

Manchmal fehlen Rani Dhillon einfach die Worte. Auch wenn sie fließend aus dem Punjabi ins Englische oder Französische übersetzt. Und umgekehrt. Aber kann man das Fremde überhaupt verständlich machen? Das Drama der beiden indischen Familien zum Beispiel, die nach Kanada emigriert waren, damit es ihre Kinder einmal besser haben. Und nun hatten sich der Sohn der einen Fa­milie, ein Sikh, und die Tochter der anderen, eine Muslima, ineinander verliebt. Eine einzige Katastrophe.

Die Autorin

###drp|78MU_fSfJBBIzzydYvt0XNSI00118489|i-38||###Petra Thorbrietz, Wissenschaftsjournalistin, wurde oft gefragt, wie die Deutschen mit ihrer Identität umgehen.
„Das geht einfach gar nicht“, sagt die Dolmetscherin Dhillon nachdrücklich. „Da gibt es so vieles, was aus historischen, gesellschaftlichen und religiösen Gründen gegen diese Verbindung spricht – aber das versteht ein weißer Kanadier nicht!“ Was denn so schlimm daran sei, wenn zwei sich liebten, hatten die Sozialarbeiter im Jugendamt gefragt. „Liebe?“ Die elegante Inderin lächelt. „In unserer Kultur heiratet man zuerst und verliebt sich dann.“

Wie kann man die vielen Dimensionen des Fremden in Worte übersetzen? „Ich bring dich um, wenn du den Sikh noch mal triffst“, hatte der muslimische Vater seiner Tochter gedroht, und die Dolmetscherin musste das wörtlich übersetzen. Dabei hat er das nicht so gemeint, sagt sie. Die Sozialarbeiter waren sich da nicht so sicher. Von Rechts wegen, haben sie dem Vater eingeschärft, habe er seiner 18-jährigen Tochter nichts mehr zu sagen. Dhillon hat das übersetzt und doch daran gezweifelt. Das Gesetz allein, betont sie jetzt in ihrer Mittagspause, kann die Autorität eines Vaters nicht er­setzen. Doch das hat sie auf dem Jugendamt nicht gesagt, nur gedacht. „Ich finde es erschreckend, wie schnell der Respekt für die Eltern im Westen verloren geht!“

Montreal ist eigentlich ein Muster der kulturellen Vielfalt. Viele der 250 000 Menschen, die jährlich nach Kanada einwandern, kommen in die Vier-Millionen-Metropole in der Provinz Quebec. In Stadtvierteln wie Côte-des-Neiges leben Menschen, von denen jeder Zweite außerhalb Kanadas geboren wurde. Hier reihen sich Kebab-Buden an koreanische Schnellrestaurants, Handyläden mit arabischer Kalligraphie im Fenster gehen nahtlos in kleine Moscheen über, und ein winziger Supermarkt wirbt stolz mit der blinkenden Leuchtschrift „Cosmopolitain“.

Wer soll sich an wen anpassen?

Kanada versteht sich als Einwanderergesellschaft und wirbt gezielt um Facharbeiter und Akademiker aus aller Welt. Doch längst nicht alle Migranten sind freiwillig hier: Jeder Zehnte ist Flüchtling, musste Heimat und Sprache, Familie und Freunde, Hab und Gut aufgeben, ist plötzlich auf Hilfe angewiesen – und viele sehen die ­eigene Identität infrage gestellt.

Montreal will es besser machen als ­Paris, London oder Berlin. Doch auch hier wächst die Angst vor dem Fremden, die Furcht einer Entwertung der abendländischen Kultur, vor neuen Glaubenskriegen und politischer Radikalisierung. Das Ideal der Multikulti-Gesellschaft verblasst vor der Realität der Anstrengung, der Unterschiedlichkeit der Menschen gerecht zu werden. Wer soll sich an wen anpassen?

„Wir müssen uns alle verändern, und wir tun das auch, ununterbrochen, mit jedem Menschen, dem wir neu begegnen! Aber dieser Anpassungsstress stellt unsere Gesellschaften vor große Herausforderungen. Er kann krank machen – körperlich wie seelisch!“ Laurence Kirmayer hat deshalb in Montreal das international wichtigste Zentrum der „Transkulturellen Psychiatrie“ geschaffen. Den 62-jährigen Psychiater, dessen jüdische Vorfahren aus Osteuropa einwanderten, fasziniert die ­Frage, welche psychischen Folgen die ­Globalisierung hat.

Sein Team von Psychiatern, Psych­ologen, Gesundheits- und Neurowissenschaftlern aus aller Welt betreut Patienten, bei denen die klassischen, von westlichem Denken geprägten Diagnosen nicht weiterführen, weil sie den fremden kulturellen Hintergrund nicht berücksichtigen. Zum Beispiel eine 30-jährige Tamilin aus Sri Lanka. Die verheiratete Frau, Mutter von zwei kleinen Kindern, ist in einer kanadischen Klinik über fünf Jahre lang mit wechselnden Medikamenten gegen ihre schweren Depressionen behandelt worden, erfolglos. Ihre Ärzte hatten spekuliert, ob in der Ehe der Hindus nicht Gewalt im Spiel sein könne, sogar überlegt, das Jugendamt einzuschalten, um die Kinder in Obhut zu nehmen. Der Vater aber hatte die Vorwürfe immer vehement bestritten.

Kultur muss Teil der Therapie sein

Die Familienpsychiaterin Jaswant Guzder, selbst Enkelin indischer Einwanderer, findet in einem „kulturellen Konsil“ heraus, dass der Ehemann keineswegs das Problem ist, wohl aber die Schwieger­mutter. Weil der Mann nämlich als ältester Sohn die Verantwortung für seine verwitwete Mutter zu tragen hat, lebt sie in der Familie und terrorisiert die  Schwiegertochter. Aus Respekt vor seiner Verpflichtung macht die Ehefrau aber kein Thema daraus. Ihren Psychiatern gegenüber hat die verzweifelte Mutter zudem verschwiegen, dass ihre jüngste Tochter an Krebs erkrankt ist: „In vielen Kulturen Asiens ist es tabu, andere mit Negativem zu belasten“, sagt Jaswant Guzder. „Die Frau war einfach isoliert, dadurch völlig überlastet und mit ihren Kräften am Ende.“

Der Fotograf

###drp|bF4QGPkEJssyZS_ueBp3u6LO00118490|i-38||###Richmond Lam, ist selbst aus China nach Kanada ­eingewandert – und freute sich, die Migrationshelfer zu fotografieren.
Die besten Antidepressiva, zeigt das Beispiel, helfen nicht, wenn der Ursprung eines Leidens nicht behandelt wird, weil die Übersetzung – nicht nur die der Worte, sondern auch des kulturellen Kontextes – nicht funktioniert hat. Was „ver-rückt“, also jenseits der Norm ist, wird in unterschiedlichen Kulturen ganz unterschiedlich gesehen: „In den Anden ist eine Frau verrückt, wenn sie ohne Hut auf den Markt geht und sich dort in die Sonne setzt“, sagt Duncan Pedersen, Sozialmediziner und Südamerika-Experte im Kirmayer-Team. „Mit unseren Konzepten einer psychischen Störung können viele Menschen wenig anfangen.“

In Indien werden Männer von geheimnisvoller Schwäche befallen, weil sie glauben, nachts ungewollt Sperma zu verlieren. In Westafrika herrscht die Angst, der Penis, die Brustnippel oder die Zunge könnten sich in den Körper zurückziehen und ihn von innen zerstören. Weltweit gibt es Menschen, die sich vor dem bösen Blick fürchten oder dem Fluch der Ahnen. Alles nur Aberglauben oder Einbildung? In Europa stellen sich junge Mädchen, die nur noch aus Haut und Knochen bestehen, vor den Spiegel und sind felsenfest davon überzeugt, zu dick zu sein – ein Syndrom, das nur in den reichen Ländern des Wes­tens vorkommt. Die Kultur bestimmt ­darüber, welche Gestalt eine Krankheit annimmt. Die Kultur muss deshalb auch Teil der Therapie sein.

Der nepalesische Gaststudent Ram Prasad Sapkota sitzt in einem kleinen Nebenraum zu Duncan Pedersens Büro an einem Computer und sortiert sein Daten­material. Der Psychologe hat in einem Dorf in der Nähe von Kathmandu eine Studie zur „Besessenheit“ durchgeführt. Diese führt in seiner Heimat immer wieder reihenweise zu Ohnmachtsanfällen bei jungen Mädchen. Mitunter sind ganze Schulklassen von der „Besessenheit“ betroffen.

Die Zustände, die zu monatelanger ­Apathie führen können, werden von westlich ausgebildeten Psychiatern am ehesten als schizoide Persönlichkeitsspaltung diagnostiziert. Für Nepalesen aber liegt die Ursache nicht im Gehirn der Betroffenen, sondern außerhalb, in der Welt der allgegenwärtigen Geister. Die „Besessenheit“ gilt als spirituelle Kommunikation mit einer anderen Ebene des Seins.

„Vielleicht haben alle recht“, sagt Sapkota. Die westliche Deutung ergebe schon Sinn, gleichzeitig erfülle die Krankheit aber auch einen speziellen kulturellen Zweck. Viele der Mädchen nämlich stünden familiär sehr stark unter Druck und hätten hohe Erwartungen zu erfüllen, was ihre schulischen Leistungen oder Eheversprechen betreffe. „Solche Formen von Stress suchen sich einen Ausweg – und in Nepal sind das eben die Geister. Sie entlasten von der Eigenverantwortung. Im Westen würde man in so einem Fall von ‚Krankheitsgewinn‘ sprechen.“

"Wir haben nicht viel davon, mit einem Psychiater zu sprechen"

Sapkotas Studie ist Teil einer Trendwende. Bis vor kurzem wurden kulturspezifische Syndrome wie die „Besessenheit“ von der westlich geprägten Psychiatrie herablassend als eine Art unwissenschaftlichen Aberglaubens gesehen. „Das spiegelte immer noch den ‚fremden Blick‘ der einstigen Kolonialherren wider“, sagt Duncan Pedersen. In der jüngsten Ausgabe des „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5)“, eine Art Bibel der internationalen Psychiatrie, ist das nun anders. Das Standardwerk fordert jetzt ein neues Bewusstsein der Nervenärzte – nämlich psychische Leiden auch aus einer kulturellen Perspektive zu sehen, selbst die der westlichen Welt.

Diese neue, globalisierte Sicht ist ganz wesentlich von Laurence Kirmayer und seinem internationalen, multiethnischen Team angestoßen worden: „Wir können die Begriffe der westlichen Psychiatrie nicht gedankenlos auf andere übertragen“, sagt der Professor der McGill University. „Eine Depression zum Beispiel beschreiben wir mit Normierungsdruck, Versagensangst und Stress – das sind alles Attribute der individualistischen Leistungsgesellschaft. Viele afrikanische Sprachen hingegen haben nicht einmal ein Wort für das Selbst.“

###mehr-galerien###In vielen Kulturen der Welt steht der Einfluss des Kollektivs – der Familie, der Ahnenreihe, der sozialen Kaste, des Stammes – über dem des Individuums. Das hat zum Beispiel Einfluss auf die Therapie von Menschen, die durch Krieg oder Vergewaltigung traumatisiert wurden undnun behandelt werden sollen. „Nach westlicher Vorstellung gehen wir von einem individuellen Schockerlebnis aus“, sagt Kirmayer. „Damit aber können Menschen wenig anfangen, die sich an einem vorbestimmten Platz in der Welt sehen und nicht glauben, Einfluss auf ihr Schicksal nehmen zu können.“

„Wir Asiaten sehen uns im Strom der Zeit“, sagt auch die indische Dolmetscherin Rani Dhillon. „Es macht für uns keinen Sinn, auf ein Ereignis zurückzublicken, weil wir in unserem Lebensfluss längst an einem völlig anderen Punkt stehen.“ Mit einem Psychiater zu sprechen, betont sie, helfe deshalb vor allem den anderen, die Einwanderer besser zu verstehen. „Wir selbst haben da nicht so viel davon.“

Ein von Kirmayer und seinem Team entwickelter Erhebungsbogen soll in der ganzen Welt Psychiatern und Psycho­logen helfen, bei ihren Patienten kulturell unterschiedliche Perspektiven auf das Leben wahrzunehmen. Da wird zum Beispiel danach gefragt, welche Erklärungsmuster die Betroffenen selbst für ihre Krankheit haben, was sie besonders unter psychischen Druck setzt oder umgekehrt stärken könnte. Die Antworten verweisen auf unterschiedliche Körperbilder, Schamschwellen, kulturelle Tabus und spezielle Rollenmuster.

Ein besonders gravierender Einbruch in den Biografien der Migranten sind die Brüche in der Familienhierarchie, wenn die Autorität der Eltern zerrinnt – wie im Fall des muslimischen Mädchens und des Sikh-Jungen. Die Dolmetscherin Rani Dhillon kennt Fälle, wo dieser Riss rund um den Globus reicht. Während Auswanderer früher fernab der Heimat ein ganz neues Leben ohne die alten Zwänge beginnen konnten, erreicht im Zeitalter von Skype und Facebook die Nachricht der „Schande“ in Sekundenschnelle auch das kleinste Dorf im Punjab. Angehörige einer Familie, welche die sozialen Regeln ge­brochen hat, können dort ganz schnell in Sippenhaft genommen werden.

Fremd zu sein ist ein Krankheitsrisiko

Viele Immigranten meiden deshalb Stadtviertel, in denen sich ihre Landsleute konzentrieren. Sie schämen sich für ihre Kinder und wollen nicht, dass zu Hause geklatscht wird. Doch dieses Leben zwischen zwei Stühlen verstärkt die Isolation der ersten Einwanderergeneration. „Oft verlassen Eltern gerade deshalb ihre Heimat, damit es ihre Kinder einmal besser haben“, sagt Dhillon. „Doch dann erlebe ich immer wieder, wie die Jugendlichen sich von ihnen entfernen. Ihnen manchmal sogar ganz deutlich ihre Verachtung zeigen.“

Zum Zeitpunkt ihrer Ankunft sind Ein­wanderer im Schnitt gesünder als die Bewohner ihrer neuen Heimat – weil sie noch nicht unter den typisch westlichen Zivili­sationskrankheiten leiden und überhaupt eine Auslese besonders widerstandsfähiger Menschen darstellen. Doch bereits drei Jahre später hat sich das Verhältnis umge­kehrt: Viele Migranten werden depressiv und haben dann ein deutlich höheres Selbstmordrisiko. Sie leiden auch häufiger als der Durchschnitt der Bevölkerung unter Psychosen oder Schizophrenien.

Lesetipp

###drp|A7Ej9V0whQ66zL_Jj088ahZp00118500|i-40||###

Freizeit heißt auf Arabisch "Leere Zeit"

Was bedeutet: Essen kochen? Warum hilft einem Traumatisierten eher ein Job als eine Therapie? Wieso spielen arabische Mütter nicht mit ihren Kindern? Erfahrungen aus dem Alltag mit Flüchtlingen
Fremd zu sein ist ein Krankheitsrisiko. Besonders fremd aber fühlen sich die mit anderer Hautfarbe: in England die schwarzen Einwanderer aus Afrika mehr als die helleren Farbigen der West Indies, in den Niederlanden die Marokkaner stärker als die Mulatten aus dem südamerikanischen Surinam, das einst niederländisch war. Unter den Israelis leiden allein die dunkel­häutigen äthiopischen Juden verstärkt unter Psychosen. Diskriminierung scheint dabei eine entscheidende Rolle zu spielen – denn wie Studien zeigen, machen umgekehrt Wertschätzung und Selbstachtung Menschen widerstandsfähiger.

Fremdsein ist also kein objektiver, sondern ein relativer Zustand – oder wie der bayerische Dadaist und Komiker Karl ­Valentin sagte: „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde.“ Der Umgang mit dem Fremden, sagt Cécile Rousseau, lasse sich deshalb nicht lernen, sondern immer nur aus­handeln – „in einer Vielfalt kultureller Perspektiven“.

"Es hilft einem, an andere zu denken"

Die Frankokanadierin ist Di­rektorin der „Transkulturellen Kinderpsychiatrie“ in Montreal und hat ein Interventionsteam aufgebaut, das präventiv in Kindergärten und Schulen tätig ist. Die kleinen Einwanderer sollen dort, wo die Sprache noch fehlt – oder vielleicht auch nie ausreichen wird, das Andersartige zu erklären –, mit der Vielfalt ihrer neuen Gesellschaft umzugehen lernen. Kunsttherapeuten erzählen Geschichten, animieren, hören und schauen zu. Gefragt wird wenig, denn man will keine Tabus verletzen und keine Traumata wecken. „In der Gestaltung äußern sich die Dinge von ganz allein“, sagt Rousseau. Zum Beispiel, wenn ein armenischer Junge ein rotes Feuerwehrauto malt und sich dann herausstellt, dass das Haus seiner Eltern von Soldaten abgefackelt wurde.

Auch wenn eine Gruppe älterer Schüler rund um eine brennende Kerze sitzt und darüber spricht, welche unterschiedlichen Gefühle sie auslöst, steigen automatisch Bilder aus der Vergangenheit auf: „Ich denke an eine Beerdigung“, sagt ein junger Afrikaner. „Das ist romantisch, vielleicht ein Rendezvous“, meldet sich verlegen ein Mädchen aus Mittelamerika. „Es hilft einem, an andere zu denken“, sagt der ­Koreaner gegenüber. „Wenn man nicht mit seinen Eltern zusammenleben kann.“

Globalisierung, Migration, Flüchtlinge – die Welt erlebt eine neue Völkerwanderung. Mehr als 40 Millionen Menschen jährlich haben seit 2000 ihre Heimat wegen Krieg, Gewalt oder Verfolgung aufgeben müssen. Über hundert Ethnien leben ­ohne eigenes Land über den ganzen Erdball verstreut.

Wege zu einem Miteinander finden

Rani Dhillon, die Dolmetscherin aus dem Punjab, hat in Montreal eine neue Heimat gefunden. Sie fühlt sich wohl hier, auch wenn sie in ihrer täglichen Dolmetscherarbeit erlebt, wie schnell die Werte der eigenen Kultur verloren gehen. Noch mehr aber irritiert es sie, wenn junge Asia­tinnen, die kaum etwas oder gar nichts von der Heimat mitbekommen haben, ­einen Schritt zurück in die Vergangenheit machen. „Kürzlich hat mich eine junge Frau gegrüßt, die ich nicht erkannt habe“, sagt Dhillon. „Zu Hause war sie hypermodern, in der Öffentlichkeit plötzlich tief verschleiert! Wozu diese Ausgrenzung?“

Es ist nicht leicht, eine Balance zu finden zwischen Kontinuität und Veränderung. Auf dem Bahnsteig der Metro­station „Parc“, mitten im Zentrum der Migrantenszene ­in Montreal, steht ein arabischer Händler mit einem Tisch voller Billigschmuck. Neben Ohrringen mit indianischen Federn und indischem Silber liegen vergoldete Anhänger friedlich nebeneinander: Kruzifix und Marienbildnis, Halbmond, Davidstern und der Zirkel der Freimaurer.

„Es gibt immer wieder politische Initiativen, religiöse Symbole zu verbieten“, kommentiert das Laurence Kirmayer. „Das bringt uns nicht weiter. Aus der Forschung wissen wir, dass Menschen in ihren Kulturen verwurzelt sind und sie nicht einfach aufgeben können. Dass Parallelwelten entstehen, Isolation und Radikalisierung, wenn der Assimilierungsdruck zu stark ist. Dass man Wege zu einem Miteinander finden muss, welches die Andersartigkeit akzeptiert! Nur eine kulturelle Vielfalt, die sich auch zeigen darf, macht eine Gesellschaft widerstandsfähig gegen Fundamentalismus.“