Ob der Storch weiß, dass zwölf Kinder und fünf Erwachsene gespannt sein Leben verfolgen? Er scheint sich zumindest nicht darum zu scheren, sitzt auf seinem Ei und brütet. Die Schülerinnen und Schüler der Topehlen-Förderschule in Lemgo starren begeistert auf das Touchpanel, auf dem der Livestream des Wetterdienstes läuft. Die Kinder kreischen und kichern, und auch die Lehrkräfte und Schulbegleiterinnen lassen sich anstecken. „Der Storch hat gestern ein Ei gelegt!“, ruft Jodie aufgeregt. Luckas stimmt ein: „Er hat ein Ei gelegt!“ Lehrer Arnd Rottschäfer reagiert mit gespieltem Entsetzen: „Wieso sagt ihr mir das erst jetzt?“
Im täglichen Morgenkreis öffnen die Lehrkräfte die Webseite, um mit den Schülerinnen und Schülern die Wettervorhersage zu besprechen. An diesem Tag wird die Sonne voraussichtlich hinter einer grauen Wolkendecke bleiben. Das macht aber nichts, denn im Klassenzimmer wird es ohnehin heiter, sobald die Schülerinnen und Schüler den Raum betreten. Der zwölfjährige Luckas läuft eilig den Gang hinunter in Richtung Klassenzimmer. Er begrüßt alle mit einem fröhlichen „Guten Morgen“. Dabei ruft er etwas lauter, ist etwas stürmischer als die meisten anderen Kinder.
An der Topehlen-Förderschule, die zum Verbund der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel gehört, ist das weder komisch noch auffällig. Alle freuen sich, einander zu sehen. Kein Kind wird ausgelacht oder gemobbt, weil es nicht allein zur Toilette gehen kann oder Hilfe beim Schleifebinden braucht. An den meisten Regelschulen wäre das vermutlich anders, meint Lehrerin Francis Zimmermann: „Unsere Schule bietet einen geschützten Raum für die Kinder. Hier ist jeder genau so willkommen, wie er ist.“
An der Förderschule lernen 149 Kinder in kleinen Klassen mit maximal 13 Schülerinnen und Schülern, betreut von jeweils zwei Lehrkräften. Selbst wer nicht sprechen kann, wird hier voll eingebunden. Die Kinder lernen, Schuhe zu binden, mit Besteck zu essen und Müll zu trennen. Aber auch Mathematik, Deutsch und Sachunterricht stehen auf dem Lehrplan – immer mit individuellen Lernzielen und ohne Noten. „Der Fokus liegt nicht darauf, den Kindern möglichst viel Wissen zu vermitteln, sondern sie auf ein eigenständiges Leben vorzubereiten“, sagt Lehrer Arnd Rottschäfer – und auf die angegliederte Werkstatt oder den ersten Arbeitsmarkt. Die vielfältigen lebensbegleitenden Angebote für Menschen mit Behinderung der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel werden maßgeblich durch Spenden ermöglicht.
Anders als Luckas sieht man seinem Freund Max aus der Parallelklasse seine Beeinträchtigung an. Der Zwölfjährige hat das Downsyndrom. Außerhalb der Schule machten sich deshalb schon mal Menschen über ihn lustig, berichtet seine Mutter Sandra Mradececk. So etwas habe sie etwa im vergangenen Urlaub erlebt, als Max sich so sehr freute, dass er die Arme hochwarf und dabei krampfte. Ein paar Jugendliche hätten darüber gelacht, „das hat Max aber zum Glück nicht mitbekommen“, sagt Mradececk. Trotzdem habe sie den Eindruck, dass Menschen mit Behinderung in den vergangenen Jahren immer weniger stigmatisiert würden, „weil mehr darüber geschrieben und gesprochen wird“. Für sie war Max ein Wunschkind, das nach 18 Jahren des Versuchens völlig unverhofft kam, und sie ist immer noch täglich dankbar für ihr „Sonnenkind“.
An diesem Tag rechnen die Kinder. Luckas hat nichts dagegen: „Ich mag Mathe.“ Die Hälfte der Klasse geht mit Arnd Rottschäfer in den Nachbarraum, um das Zählen zu wiederholen. Luckas ist in der Gruppe, die schon eigenständig rechnen kann. Alle Kinder lösen individuelle Aufgaben in ihrem eigenen Tempo. Der eine multipliziert bis 100, die andere misst die Länge des Bleistifts mit einem Lineal. Luckas rechnet im Bereich bis zehn. Dafür nutzt er bunte Schablonen: Die gelbe mit drei Löchern legt er an die türkisfarbene mit zwei Löchern. Dann schreibt er eine große „5“ in sein Heft.
Schon als Luckas im Kindergarten war, wusste seine Familie, dass er einmal eine Förderschule besuchen würde. „Er hat sehr spät sprechen gelernt und war in seiner Entwicklung immer etwas hinterher“, sagt Angelika Dott, Luckas’ Oma, bei der er lebt. Eine exakte Diagnose für Luckas gibt es nicht. Die meisten merken erst im Gespräch, dass er geistig beeinträchtigt ist. Auf Dorffesten oder bei der freiwilligen Feuerwehr gab es deshalb noch nie Probleme. Trotzdem wird es für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung mit zunehmendem Alter oft schwieriger, im öffentlichen sozialen Leben Anschluss zu finden. Außerhalb der Feuerwehr treffe Luckas keine Gleichaltrigen. Bei Max ist es ähnlich, berichtet seine Mutter. Die beiden Jungen wohnen 40 Minuten Autofahrt voneinander entfernt, und ihre Familien kennen sich nicht. „Da ist die Schule nicht wegzudenken“, betont Dott. In den Ferien fragt Luckas häufig, wann er endlich wieder in die Schule gehen könne.
An schulfreien Tagen übt auch mal die Oma mit Luckas lesen. Mit großer Geduld wiederholt sie immer dieselbe Stelle, bis es klappt. Klappt es nicht, muss Luckas’ angestaute Energie raus – dann leiden auch mal ein Buch oder die Tapete in seinem Zimmer. In solchen Momenten fällt es Angelika Dott manchmal schwer, gleichzeitig Mutter und Oma zu sein. „Ich muss streng sein, würde aber oft gern mehr durchgehen lassen.“ Insgesamt sei der Junge für sie und ihren Mann ein Segen. „Er hält uns fit.“ Selbst nach der Schule ist Luckas nicht müde. Wenn er um kurz vor vier nach Hause kommt, fährt er noch mit dem Kettcar durch den Garten.
Luckas’ Energie reicht auch für zwei. In der Pause hilft er seinem Freund Max, das Klettergerüst zu besteigen. Immer wieder sagt er: „Komm, Max!“, und nimmt seine Hand. Gemeinsam erklimmen sie schließlich die Plattform.
Max könnte stundenlang auf dem Klettergerüst sitzen bleiben. Er mag es ruhig und kann sich auch mal mehrere Stunden allein beschäftigen. So hat er im vergangenen Jahr sein Lernziel erreicht: selbstständig Zahlen zu schreiben. Am liebsten macht er jedoch Musik. Dieses Hobby kann er auch in der Schule ausüben. Dafür gibt es den Snoezelenraum zum Entspannen. Hingebungsvoll summt Max eine Melodie und klopft dazu den Takt auf einem hölzernen Klangkörper, der auch als Liege dient. Solche besonderen Instrumente oder Spielzeuge sind nur dank Spenden möglich. Luckas schlägt direkt neben Max Saltos auf dem Wasserbett. Das bringt Max jedoch nicht aus der Ruhe, er singt sein Lied zu Ende. Danach legen sie sich gemeinsam aufs Bett. Eine Weile albern sie herum, doch dann hat Luckas wieder Lust zu toben, während Max weiter Musik machen möchte.
„Max hat ein besonderes Gespür für Menschen und weiß, wie er sie aufheitern kann“, sagt seine Mutter. Am liebsten natürlich mit Musik. Er kann keine Noten lesen, aber Lieder nach Gehör auf seinem Keyboard in etwa nachspielen. Zudem kennt er fast alle Texte bekannter deutscher Schlager auswendig. Beim Schulfest durfte er sogar ein Solo singen. Wenn Max und seine Mutter auf einem Fest sind, wünschen sie sich Maite Kelly, dann singen sie lauthals mit.
Die beiden Freunde könnten unterschiedlicher nicht sein, ergänzen sich aber auf besondere Weise. Wenn Luckas die Aufmerksamkeit abhandenkommt oder er vor Begeisterung etwas grob wird, ermahnt ihn Max. Mit ihm bleibt auch Luckas für einige Minuten sitzen oder liegen. Umgekehrt führt Luckas seinen Freund auch mal an der Hand durch den Schulgarten oder ermutigt ihn beim Klettern. Wenn Max in Gedanken versunken ist, fragt ihn Luckas: „Wo bist du gerade, Max?“
Auch Lehrer Arnd Rottschäfer geht gern in die Schule: „Ich habe das Gefühl, den Kindern und Jugendlichen hier wirklich unter die Arme greifen zu können, und ich habe gar keine Lust, jemals in Rente zu gehen.“ Früher hat er an einer Regelschule gearbeitet. Dorthin möchte er nicht mehr zurück: „An der Förderschule gibt es keine Social Media, und nur selten hat jemand ein Handy dabei. Da muss man sich mit so etwas nicht herumschlagen.“ An der Topehlen-Schule beschränkt sich die Bildschirmzeit überwiegend auf den Livestream von „Mama Storch“.







