Angehörige trauern um Menschen, die bei den Angriffen der USA und Israels gegen den Iran am 28. Februar ums Leben kamen
Fatemeh Bahrami / Anadolu / picture alliance
Krieg im Nahen und Mittleren Osten
Ist der Angriff auf den Iran ein gerechter Krieg?
Die richtige Absicht, ein gerechter Grund, das letzte Mittel - das sind Kriterien für einen Kriegseinsatz, der aus christlicher Sicht gerechtfertigt ist, schreibt der Theologe Heinrich Bedford-Strohm. Sind sie eingelöst?
Thomas Meyer/Ostkreuz
10.03.2026
8Min

"Krieg soll nach Gottes Wille nicht sein." Der Satz, der 1948 von der Gründungsversammlung des Weltkirchenrats in Amsterdam ausging, drückt das Erschrecken über zwei Weltkriege aus, das die Delegierten aus vielen Kirchen verband. Seine eindringliche Kraft hat er bis heute nicht verloren. Trotzdem macht er die Diskussionen nicht überflüssig, die auch unter Christinnen und Christen geführt werden, wenn es um konkrete militärische Gewalt geht. Die neue Friedensdenkschrift der EKD und die Debatten darüber zeigen das deutlich.

Auch angesichts der Eskalation der Gewalt im Nahen Osten gibt es Klärungsbedarf. Das Erschrecken darüber teilen viele. In Gesprächen der vergangenen Tage haben Menschen ihre innere Zerrissenheit im Blick auf die Ereignisse beschrieben – eine Zerrissenheit, die ich selbst empfinde.

Thomas Meyer/Ostkreuz

Heinrich Bedford-Strohm

Heinrich Bedford-Strohm, Jahrgang 1960, war von 2011 bis 2023 Landes­bischof der Evangelisch-Lutherischen ­Kirche in Bayern. Bis November 2021 war er Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Herausgeber des Magazins chrismon. Bevor er Bischof wurde, war er an der Universität Bamberg Professor für Systematische Theologie und theologische Gegenwartsfragen. Seit 2022 ist er Vorsitzender des Weltkirchenrats.

Zwei Erfahrungen mögen das verdeutlichen. Die erste war mein Kontakt mit der iranischen Freiheitsbewegung. Während der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar nahm ich an einer großen Demonstration zur Unterstützung der Menschen teil, die im Iran für Freiheit kämpfen. Laut Polizei demonstrierten damals in München rund 250.000 Menschen - darunter viele Exiliranerinnen und -iraner - friedlich gegen das Mullah-Regime. Die Mullahs haben in Iran Proteste brutal niedergeschlagen und dabei nach Schätzungen bis zu 30.000 Menschen getötet. Ich habe bei der Münchner Demo viele hoffnungsvolle Gesichter gesehen. Viele hofften auf Unterstützung von außen, um die Unterdrückung nach mehr als vier Jahrzehnten endlich zu überwinden.

Die zweite Erfahrung waren die Meldungen über den Angriff Israels und der USA. Am Morgen des 28. Februar war ich mit der Führungsspitze des Weltkirchenrats auf dem Weg vom vatikanischen Gästehaus St. Martha zur päpstlichen Bibliothek, wo wir mit Papst Leo verabredet waren. Alle schauten wir beim Gehen auf unsere Handys, um die Nachrichten von den in der Nacht begonnenen Angriffen zur Kenntnis zu nehmen und zu sortieren. Und natürlich waren sie dann auch das erste Thema bei unserem Gespräch mit dem Papst. Schon da war die Sorge groß, dass aus begrenzten Schlägen viel mehr werden könnte und es zu einem Flächenbrand im Nahen Osten kommen könnte.

Kurz darauf kam die Nachricht über eine Schule in der Stadt Minab, die von Bomben getroffen worden war. Nach iranischen Angaben starben 168 Menschen, viele davon Kinder. Die Rakete schlug offenbar während des Unterrichts ein. Bild- und Videoaufnahmen wurden später unter anderem durch Geolokalisierung mit Satellitenbildern überprüft.

Diese beiden Erfahrungen zeigen, wie schnell wir dazu neigen, auf militärische Gewalt zu vertrauen, wenn wir ersehnte politische Ziele erreichen wollen. Gleichzeitig unterschätzen wir oft das Leid und die Zerstörung, die mit ihr verbunden sind.

Auch ich wünsche mir zusammen mit den Demonstrierenden in München und vielen mutigen Menschen in Iran, dass sich endlich eine Tür zur Freiheit öffnet und die Menschen dort ihr Land auf der Grundlage von Menschenrechten neu aufbauen können. Doch mit jedem Tag dieses Krieges wird deutlicher, dass der eingeschlagene Weg dieses Ziel weder erreicht noch ethisch zu verantworten ist.

Manche berufen sich zur Rechtfertigung solcher Kriege auf den deutschen Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer. Präsident George W. Bush tat dies einst im Irak-Krieg, und auch heute berufen sich christliche Nationalisten in den USA auf ihn. Wie wenig tragfähig solche Bezüge sind, zeigt ein Blick auf Bonhoeffers Ethik. Seine berühmten Worte von der ökumenischen Konferenz in Fanø sind nur ein Beispiel:

"Wie wird Friede? Wer ruft zum Frieden, dass die Welt es hört, zu hören gezwungen ist, dass alle Völker darüber froh werden müssen? ... Nur das eine große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Christi aus aller Welt kann es so sagen, dass die Welt zähneknirschend das Wort vom Frieden vernehmen muss und dass die Völker froh werden, weil diese Kirche Christi ihren Söhnen im Namen Christi die Waffen aus der Hand nimmt und ihnen den Krieg verbietet und den Frieden Christi ausruft über die rasende Welt."

Bonhoeffer blieb bis zu seinem Lebensende Pazifist, genauer: Verantwortungspazifist. Seine Beteiligung am Widerstand gegen Hitler ändert daran nichts. Gerade seine Überlegungen zur stellvertretenden Schuldübernahme zeigen, wie sehr er die Anwendung von Gewalt im Licht von Jesu Aufruf zur Gewaltlosigkeit als zutiefst problematisch verstand. Gewalt bedeutet immer Schuld. In extremen Situationen mag es Fälle geben, in denen eine solche Schuldübernahme unvermeidlich erscheint. Aber genau deshalb müssen die Kriterien dafür äußerst eng gefasst werden.

Lesetipp: Darf man sich über den Tod von Ali Khamenei freuen?

Wenn wir den israelisch-amerikanischen Angriff auf den Iran beurteilen wollen, kann ein Blick auf die klassischen Kriterien des "gerechten Krieges" helfen. Sie markieren seit Jahrhunderten die äußerste Grenze dessen, was in der christlichen Friedensethik überhaupt diskutabel scheint.

Die EKD hat bereits 2007 vorgeschlagen, die Rede vom "gerechten Krieg" durch die Idee des "gerechten Friedens" zu ersetzen. In der Debatte um die neue Friedensdenkschrift von 2025 wurde allerdings oft übersehen, dass die EKD an dieser Perspektive bewusst festhält. Für eine "Zeitenwende" bestand hier kein Anlass. In beiden Denkschriften werden für die ethische Reflexion der äußersten Grenze legitimer Gewaltanwendung genau die Kriterien herangezogen, die die klassische Lehre vom gerechten Krieg entwickelt hatte.

Lesen Sie auch: Warum in Iran ein Regimewechsel gelingen könnte

Wie können uns nun diese Kriterien helfen, ein Urteil über den Krieg im Nahen Osten zu gewinnen? In fünf Punkten lassen sie sich zusammenfassen:

Erstens: legitime Autorität ("legitima potestas"). Krieg muss von einer legitimen Instanz erklärt werden. Nach heutigem Völkerrecht wäre das der UN-Sicherheitsrat. Im vorliegenden Fall haben zwei Staaten – Israel und die USA – gehandelt, ohne dass eine solche internationale Autorität beteiligt war.

Zweitens: gerechter Grund ("causa iusta"). Ein Krieg kann nur gerechtfertigt sein, wenn ein schwerwiegender Rechtsbruch vorliegt. Eine Invasion des Irans in ein Nachbarland liegt nicht vor. Allerdings könnte die Unterstützung von Terrororganisationen als indirekte Form von Kriegsführung diskutiert werden. Ein eindeutiges Urteil ist hier schwierig.

Drittens: letztes Mittel ("ultima ratio"). Das dritte Kriterium ist "Ultima Ratio" ("äußerstes Mittel"). Der Krieg darf nur als letztes Mittel eingesetzt werden. Kein Krieg kann gerecht sein, solange noch irgendeine realistische Chance besteht, den Konflikt durch Verhandlungen oder andere nicht militärische Mittel zu lösen. Angesichts der laufenden Verhandlungen über das iranische Atomprogramm und der Fortschritte, die dabei berichtet wurden, gibt es keinen Anlass, dieses Kriterium als gegeben zu betrachten. "Wir sehen kein strukturiertes Programm zur Herstellung von Atomwaffen", sagte der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Rafael Grossi, in einer Pressekonferenz in Wien. Um die Möglichkeit, das vor Ort zu überprüfen, war es in den Verhandlungen gegangen. Die Aussichten dazu schienen gut.

Viertens: richtige Absicht ("recta intentio"). Ziel eines Krieges muss die Wiederherstellung von Frieden und Gerechtigkeit sein. Im Falle der israelisch-amerikanischen Angriffe ist noch nicht einmal erkennbar geworden, welche Absicht hier eigentlich angeführt wird. Zunächst wurde die Unterstützung der iranischen Freiheitsbewegung als Intention genannt ("help is on the way"), später ein Präventivschlag gegen einen unmittelbar bevorstehenden iranischen Angriff und die bevorstehende Ausstattung mit einer Atombombe.

Wie wenig überzeugend diese Motivation ist, wird allein schon an der Tatsache deutlich, dass der amerikanische Präsident noch vor wenigen Monaten, nach den Angriffen auf die iranischen Atomanlagen, triumphierend verkündete, dass der Angriff ein voller Erfolg gewesen sei und die iranischen Atomanlagen zerstört seien und auf lange Zeit auch nicht wieder gefährlich werden könnten.

Fünftens schließlich: Verhältnismäßigkeit ("debitus modus"). Der Schaden eines Krieges darf nicht größer sein als das angestrebte Gute. Dafür braucht es eine realistische Vorstellung davon, wohin der Krieg führen soll. Genau das ist hier nicht erkennbar.

Hochrangige Militärs in den USA hatten wegen der hohen Risiken vor dem Angriff gewarnt. Anders als bei dem Militärschlag in Venezuela war klar, dass das Ausmaß der Zerstörung und die Zahl der Opfer im völlig anderen Kontext des Irans ein schwer kontrollierbares Ausmaß annehmen würde. Inzwischen haben wir es mit zahlreichen Kriegsschauplätzen in der ganzen Region zu tun.

Wenige Tage nach Beginn der Angriffe berichtete der "Spiegel" unter Berufung auf diplomatische Dokumente, EU-Beamte hätten vor schweren humanitären Folgen gewarnt. In einem Protokoll einer Sitzung vom Mittwoch wurde die Einschätzung wörtlich so wiedergegeben: "Luftschläge erfolgten nicht präzise, träfen dicht besiedelte Bevölkerungsgebiete, mit steigenden zivilen Opferzahlen (Schulen, Gesundheitseinrichtungen)."

Bei einer Videokonferenz des Weltkirchenrats mit Kirchenvertretern aus der Region berichteten Gesprächspartner von den unmittelbaren Folgen für die Zivilbevölkerung. In Beirut etwa versuchen Hunderttausende Menschen, die Stadt zu verlassen, nachdem weitere Militärschläge angedroht wurden. Auch wirtschaftlich sind die Folgen unabsehbar. Erfahrungsgemäß werden globale Krisen zuerst die Armen treffen.

Und die iranische Freiheitsbewegung? Man muss leider davon ausgehen, dass der amerikanische Präsident den Menschen falsche Hoffnungen gemacht hat. Der hilflose Aufruf des Präsidenten an das Volk, nun das Regime zu stürzen, verrät jedenfalls, dass es keinen Plan dafür gibt, wie ein Übergang zu einem neuen demokratischen System ermöglicht werden soll. Nach wie vor sind die iranischen Revolutionsgarden, deren Zahl einschließlich Reservisten auf 600.000 geschätzt wird, bis an die Zähne bewaffnet.

Die Gefahr, dass die Tragödie der brutalen Niederschlagung des Volksaufstandes sich wiederholt und erneut viele Menschen sterben werden, ohne dass eine Zukunft in Würde für alle Menschen möglich wird, ist groß. Die iranische Opposition ist so vielfältig, dass ein geordneter Übergang umso wichtiger ist, sollen die Menschen nicht einmal mehr vom Regen in die Traufe kommen. Ein solcher geordneter Übergang ist aber völlig außer Sichtweite.

Lesen Sie auch: Warum es gefährlich ist, an einen guten Krieg zu glauben

Die Folgen für das internationale Recht sind ebenfalls gravierend. Wenn militärische Macht zunehmend an die Stelle gemeinsamer Regeln tritt, droht die Ordnung des Völkerrechts zu erodieren. Die Stärke des Rechts, die nach dem Zweiten Weltkrieg zum Grundkonsens zivilisierter Staaten geworden war, wird sabotiert und wendet sich immer mehr in das Recht des Stärkeren.

Man muss kein Pazifist sein, um die ethische Fragwürdigkeit dieses Krieges zu erkennen. Wenn selbst die Kriterien, die militärische Gewalt grundsätzlich nicht ausschließen, zu einem negativen Ergebnis führen, dann ist dieser Krieg aus ethischer Sicht klar abzulehnen.

Ich sage das mit Schmerz. Denn ich denke an die mutigen Menschen im Iran, die für Freiheit und Menschenwürde kämpfen und auf ein Ende der Unterdrückung hoffen. Ich wünsche mir von Herzen, dass sie ihr Ziel erreichen. Der Weg dahin aber muss ein anderer sein als dieser Krieg. Gerade deshalb stehen diejenigen, die diesen Krieg ablehnen, in der Pflicht, alles zu tun, um politische Wege zu unterstützen, die ein friedliches Zusammenleben in der Region ermöglichen.

Gerade Christinnen und Christen sind dabei gefragt. Dietrich Bonhoeffer haben sie dabei ganz bestimmt auf ihrer Seite. "Es gibt doch nun einmal Dinge", so schreibt er in einem Brief an seinen Bruder Karl Friedrich vom 14. Januar 1935, "für die es sich lohnt, kompromisslos einzutreten. Und mir scheint, der Friede und die soziale Gerechtigkeit, oder eigentlich Christus sei so etwas."

Sich jetzt resigniert oder frustriert abzuwenden, ist keine Option. Auch hier gilt es, in das Wort Bonhoeffers einzustimmen: "Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht."

Die Kommentarfunktion ist nur noch für registrierte Nutzer verfügbar. Um einen Leserkommentar schreiben zu können, schließen Sie bitte ein Abo ab, schreiben Sie uns eine Mail an leserpost@chrismon.de oder diskutieren Sie auf Instagram, Facebook und LinkedIn mit.