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Eine interessante Nachricht aus den USA: Die Megachurches verlieren massiv Mitglieder und damit Geld. Einige mussten ihr Filialnetz drastisch ausdünnen, andere haben ihre riesigen Gebäude verkauft und viel Personal abgebaut, andere wiederum haben den Betrieb eingestellt.
Zur Erinnerung: Ende des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts kamen die Megachurches als neues Phänomen auf und erzielten immense Erfolge in den USA, aber auch in Afrika und Südamerika. Sie stammten aus dem Milieu des Pfingstchristentums, das heißt, sie hatten keine übergeordnete kirchliche Struktur, sondern waren Privatunternehmen besonders charismatischer Prediger. Sie versprachen Heilung, Erfolg und Wohlstand.
Die Gottesdienste waren Riesenereignisse, die mit ihrer mitreißenden Musik und perfekten Show mehr an Popkonzerte erinnerten als an traditionelle Messen. Damit trafen sie einen Nerv und lockten viele Menschen aus ihren alten evangelischen, evangelikalen und katholischen Gemeinden. Mit den Menschen kam das Geld: Mit Spenden, Buchverkäufen, Seminaren und anderen Angeboten konnten Stadien gekauft und nach den Bedürfnissen der Freizeitgesellschaft ausgestattet werden.
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Damit scheint es nun vorbei zu sein. Die Gründe sind vielfältig. Allerdings kann man bei einigen im Internet verfügbaren Berichten auch den Eindruck gewinnen, sie stammten von übelgesinnten Konkurrenten aus dem alt-evangelikalen Lager. Corona versetzte den Megachurches einen heftigen Schlag. Denn sie waren auf massenhafte persönliche Teilnahme ausgelegt. Das war plötzlich nicht mehr möglich. Als die Einschränkungen aufgehoben wurden, kamen die Menschenmengen aber nicht zurück. Viele hatten bemerkt, dass mit diesem religiösen Modell etwas nicht stimmte.
Das hatte auch mit Skandalen zu tun, die einer nach dem anderen aufgedeckt wurden: persönliche Bereicherung, sexuelle Übergriffe, geistlicher Missbrauch. Skandalöses kann sich überall entwickeln, aber die Möglichkeiten waren bei den Megachurches besonders günstig. Hier gibt es keine übergeordnete institutionelle Ebene. Alles ist auf den einen Star-Pastor ausgerichtet. Widerspruch oder auch nur eine Nachfrage wirkt da wie ein Abfall vom Glauben. Als dann Missstände ans Licht kamen, gingen einige der Megachurches daran zugrunde.
Doch die Gründe für den Niedergang liegen noch tiefer. Die Versprechen des Wohlstandsevangeliums der Megachurches (du musst nur intensiv genug beten und viel spenden, dann wird Gott dich materiell belohnen) zerschellten an der realen wirtschaftlichen Lage vieler US-Amerikaner. Die perfekte Show wirkte auf einmal unangemessen: außen glatt und innen hohl.
Manche fragten sich: Was ist ein Gottesdienst wert, der sich von einem Popkonzert gar nicht mehr unterscheidet. Wo bleibt das Geheimnis, und wo bleibt die Ernsthaftigkeit? Für Jüngere waren diese Massenereignisse zu anonym. Sie begannen, sich lieber in kleinen Gruppen, Hauskreisen oder in Cafés zum gemeinsamen Bibellesen und geistlichen Gespräch zu treffen. Auch wollten sie sich nicht länger einem Strahlemann unterordnen, sondern gemeinschaftlich aktiv werden und Gutes tun, ein authentisches Christentum versuchen. Dabei helfen ihnen neben kleinen analogen auch digitale Formate mehr als Massenevents.
Zum Verhängnis wurde den Megachurches schließlich ihr einstiges Erfolgsgeheimnis. Was sie so erfolgreich gemacht hatte, war ihr Erfolg. Die rasante Dynamik des Wachstums (mehr Menschen, mehr Arenen, mehr Spenden) wirkte lange Zeit ungeheuer attraktiv und schien einen göttlichen Segen zu beweisen. Doch ein nachhaltiges kirchliches und wirtschaftliches Modell wurde daraus nicht. Als weniger Menschen und Spenden kamen, konnten viele ihre ehrgeizigen Bauprojekte nicht mehr bezahlen, die Kredite nicht mehr bedienen. Und sie konnten auch die laut werdende Frage nicht mehr beantworten: Warum verdient unser Star-Prediger eigentlich so viel Geld?
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Wie es mit den Megachurches weitergeht, ist ungewiss. Einige haben sich aufgelöst, andere haben sich verkleinert, andere schließlich bieten weniger Unterhaltung und Unterordnung, dafür mehr Intensität und Engagement.
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Der Niedergang der Megachurches soll kein Grund zur Häme sein. Er ist für viele Gläubige mit erheblichen Enttäuschungen und Schmerzen verbunden. Aber er ist lehrreich, auch für Deutschland, obwohl hier die Religionskultur eine ganz andere ist.
1. Eine Kirche soll jüngere Menschen ansprechen, aber eine bruchlose Anpassung an die kapitalistische Konsumkultur ist nicht sinnvoll.
2. Pfarrerinnen und Pfarrer sollen viele Menschen, auch jenseits ihrer Gemeinde ansprechen, aber eine Kirche kommt ohne Stars besser aus.
3. Unternehmerisches Handeln in einer Kirche sollte gefördert werden, aber Strukturen der Prüfung, Kritik und Verantwortung braucht es weiterhin.
4. Eine Kirche braucht eine gewisse Größe, aber Qualität geht vor Quantität, ein ehrliches Glaubensleben ist mehr wert als ein charismatischer Hype.
6. Eine gute Kirche nimmt die Menschen in ihrer Lebenswirklichkeit ernst und macht ihnen keine falsche Hoffnung, sie predigt nicht über Wohlstand, sondern über Christus.
