Mail aus Libyen
Die Trauer kommt erst nach und nach
Der Ingenieur Kurt Saygin hat mit einem Team vom Roten Kreuz nach der Flut in Libyen dabei geholfen, Wasseraufbereitungsanlagen aufzubauen. Er hat eng mit Einheimischen zusammengearbeitet und dabei ein Land unter Schock erlebt
Lokale Helfer bauen in Darna eine Wasseraufbereitungsanlage auf
Lokale Helfer bauen eine der vier Wasseraufbereitungsanlagen auf
Privat
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18.12.2023
2Min

Kurz nach der Flutkatastrophe in Libyen im September wurde ich mit einem Team vom Roten Kreuz zur akuten Hilfe ent­sendet. In der Hafenstadt Darna, die von der Flut am härtesten getroffen wurde, ist fast ein Viertel der ­Gebäude verschwunden. Fast jede Person, mit der wir gesprochen haben, hat jeman­den verloren. Eigentlich waren alle ­lokalen Hilfskräfte im ­Schockzustand, auch wenn sie versucht haben, sich das nicht anmerken zu lassen.

In den ersten Tagen waren wir nur damit beschäftigt, uns einen Überblick über die Lage zu verschaffen und mit den anderen Hilfsorganisationen, den Behörden und der Bevölkerung zu sprechen. Die Mitarbeitenden vom libyschen Roten Halbmond sind technisch gut aus­gerüstet und konnten uns Satellitenaufnahmen zur Verfügung stellen, um das Ausmaß der Katastrophe abzuschätzen. Die Behörden haben uns alle notwendigen Informationen gegeben und Übersetzer vermittelt.

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Kurt Saygin

Kurt Saygin ­kümmert sich seit 20 Jahren um die Wasseraufbereitung im Katastrophenfall. www.drk.de

Unser Ziel war es, gute Standorte für Wasseraufbereitungssysteme zu finden. Das war nicht einfach, weil das betroffene Gebiet sehr groß und teils schwierig zu erreichen war. In Darna haben wir in Absprache mit der Bevölkerung zwei Anlagen in einem Wohngebiet mit einem Krankenhaus und in der Nähe einer Moschee installiert. Unser Nachfolgeteam hat zwei weitere aufgebaut. Diese Wasser­anlagen können bei guter Wartung mehrere Jahre betrieben werden. Die libyschen Wasserwerke haben dafür lokale Techniker bereitgestellt, die wir als hoch motiviert erlebt haben. Die waren meist die Ersten in der Früh und die Letzten, die gegangen sind.

Viele Einheimische haben bis zur Erschöpfung gearbeitet, ihre Trauer wird erst nach und nach einsetzen. Die Lage scheint nun ruhiger zu sein. Flüchtlingslager gibt es nicht, viele Menschen sind bei Verwandten untergekommen, aber dort können sie nicht ewig bleiben. Bis alles wieder aufgebaut ist, wird es jedoch Jahre oder gar Jahrzehnte dauern.

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