Biografie - Was geht?
Die Krankheit kommt mit in den Urlaub: der Journalist und Möbelbauer Stefan Moes an der Ostsee
Tara Wolff
Parkinson
Was geht?
Ein kurvenreicher Weg, mal rauf, mal runter: So beschreibt Autor Stefan Moes seinen Kleinkrieg mit Parkinson, dem Krakeeler in seinem Oberstübchen. Was ihm hilft, durch den Alltag zu kommen
29.12.2020
6Min

Noch nie habe ich mich so sehr von der Krankheit bestimmt gefühlt wie im vergangenen Jahr. Nicht in ihrem Griff zu sein, kann ich mir ohnehin nur vormachen. Handlungsfähig bin ich nur wegen des Wunders, das die Medizin jeden Tag an mir vollbringt. Ich wache auf und kann die Finger nicht zur Faust ballen, die Hände wirken wie Krallen. Schon wenige Minuten nach Einnahme der Tabletten gelingt es mir, in meinem Fast-Zehnfingersystem zu tippen. Wie es sich lebt als Zombie der Pharma­industrie, darum soll es hier gehen. Seit mehr als zwölf Jahren lebe ich mit Morbus Parkinson, seit sieben Jahren weiß ich, woran ich bin.

Was nicht mehr geht. Tango tanzen. Feste Rhythmen und Schrittfolgen mochte ich nie. Jetzt verliere ich die Geschmeidigkeit. Schade. Ich tanze gern.

Ende September 2020 nahm ich bei einem Symposium mit dem seltsamen Namen radikALTERnativ teil. 50 Menschen zwischen 60 und 85 Jahren machten sich Gedanken zur Gestaltung der letzten Lebensjahre. Dabei wollte ich mitmachen. Und am morgendlichen Yoga teilnehmen, um meinen Vorrat an Übungen aufzu­füllen. Yoga war die erwartete Be­reicherung.

Ich hatte noch etwas auf dem ­Zettel. Nämlich mit Experten über die Altersperspektiven mit Parkinson zu sprechen. Doch dann geschah ­etwas Seltsames. Ich fühlte mich vom ­ers­ten Moment an isoliert. Und es gelang mir nicht mehr, mich aus dieser Isolation – einer Form von Depres­sion – zu befreien. So verbrachte ich die ­Tagung fast ausschließlich schreibend und Projekte planend auf meinem Zimmer.

Parkinson sei, so hatte ich zu Beginn meiner Erkrankung gelesen, in erster Linie eine Einschränkung der Kommunikationsfähigkeit. Damals begriff ich die Tragweite nicht. Inzwischen weiß ich nur zu gut: Dies ist das zentrale Symptom, es äußert sich auch als Lebensmüdigkeit.

Was noch ginge. Alkohol trinken. Anfangs beruhigte mich das. Jetzt lasse ich das Glas Wein am Abend stehen.

Im Januar 2020 besuchte ich einen Klavier­abend mit Andrea Merlo in der Alten Druckerei in Hamburg-­Ottensen. Der Manager der Konzert­reihen liegt schief, wie verknotet auf der Couch – ein Leidensgenosse, der mir körperlich ein paar Schritte voraus ist. Er lädt mich auf sein Sofa ein, in der ersten Reihe, direkt vor dem Flügel. Plötzlich kommt er hoch, kriecht im selben Moment unter den Flügel, unbeirrt vom verwunderten Publikum. Er hat da ein störendes Geräusch gehört, das außer ihm niemand wahrgenommen hat. Er schiebt Papier unter einen Fuß, bleibt unten, bis zum Ende der Sonate. Ich sehe ihm zu, zugleich befremdet und amüsiert, weil ich mich wiedererkenne. Dieses Ge­triebene, das Gefühl "Jetzt muss es passieren, das duldet keinen Aufschub", kenne ich nur zu gut.

Was schwer fällt. Affektkontrolle. Ich schlage verbal zu, wenn mich jemand nervt. Peinlich. Es gibt Menschen, die nicht mehr mit mir reden. Kann ich verstehen.

Wenn es schwierig wird, bliebe mir immer noch zu sagen: Das bin nicht ich, es ist Parkinson, der Krakeeler in meinem Oberstübchen. Ich tue es aber nicht. Der Kerl ist ein Teil von mir. Und erst das macht ihn zu dem Arschloch, das er ist. Mich gibt es nicht mehr ohne ihn. Deshalb suche ich nach Techniken, ihn sozusagen in den Schwitzkasten zu nehmen.

"Dieser Abhang existiert nur in meiner Wahrnehmung"

Im vergangenen Jahr bin ich nicht gestürzt und von keinem Stuhl gefallen. Dafür erlebte ich eine Premiere. Mit dem Rad auf einem Waldweg fahrend, steuerte ich mit einem Mal nach links, in einem Bogen Richtung Straßenrand. Ich sah mich fallen, konnte nichts tun und landete im Straßengraben. Unter dem Rad liegend spürte ich sofort: Es war nichts passiert.

Wenig später eine eindrucksvolle Erfahrung. Der Radweg führt durch den Wald. Wir sind auf dem Weg von Mirow nach Neustrelitz. Das Sonnenlicht fällt in den Wald. Blätter glänzen, reflektieren die Strahlen, versinken, helldunkel im Schatten. Das Spektakel ist zu viel für meine Sinne. Es überfordert mein Gehirn. Immerhin produziert es ein Bild für das, was ich erlebe. Mein ­Gehirn lässt mich beim Registrieren der Ein­drücke zusehen. Es sind zu viele, ­meine Rechnerkapazitäten ­reichen nicht aus. Ich sehe die Straße wie durch einen weißen Filter. An den Rändern franst die Wahrnehmung aus. Einzelne Bilder flattern hinaus.

Der Weg verläuft kurvenreich und mit einigem Gefälle, mal rauf, dann runter. Ich sehe nun regelrecht den Grund meiner Angst: Rechts und links fällt die Böschung steil ab, meter­tief. Ich sitze unsicher auf meinem Rad, obwohl ich weiß: ­Dieser Abhang existiert nur in meiner Wahrnehmung.

Was noch geht. Arbeiten, zum Glück. Wie oft textete ich auf Tempo, routiniert, hektisch, bis zum "Ton läuft": las dann mit fester Stimme. Heute zittert sie schon beim Telefonieren.

Ende Juli besuchte ich eine Cousine am Bodensee. Ihr ältester Sohn lebt mit einer seltenen Erbkrankheit. Unaufhaltsam lässt die Muskelkraft nach. Inzwischen tragen ihn seine Beine nicht mehr. Auch die Feinmotorik der Hände versagt. Vier Jahre zuvor ­hatte mich sein Mut schon beeindruckt. Aber ich sah damals vor allem einen Jungen, der sich unbeholfen äußerte, viel zu naiv für einen Abiturienten.Damals fiel mir auf, wie die Gespräche der Familie sich um Fahrpläne drehten. Ich vermisste Inhaltliches.

"Wie lebt man mit dem Verfall vor Augen? Für den Augenblick"

Dieses Mal begriff ich, die Wege, die Buslinien, die Verabredungen waren der Inhalt. Der Haushalt ­hätte ohne Verlässlichkeit, ohne genaue Absprachen nicht funktioniert. Alle mussten sich in den von der Krankheit vorgegebenen Takt einfügen. Der Junge ist inzwischen ein junger Mann. Dank technischer Hilfe fährt er allein Auto. Er erzählt von seiner Bachelorarbeit. Sein Studium der Betriebswirtschaft nimmt er sehr ernst. Und ich bemerke meinen Fehler von damals. Denn ich weiß, wie ich auf andere wirke, wenn ich zittere und meine Stimme schlurrt. Mich be­leidigt das Mitleid ebenso wie die Herab­lassung.
Jetzt nahm ich Armbewegungen an ihm wahr, die ich auch von mir kenne. Wir machen sie, wenn sich die Arme schwer und verspannt anfühlen. Mit Blicken verständigten wir uns darüber. Dann erzählte er mir von seiner Turnstange in einem Türrahmen. Ich probierte sie aus. So ­etwas brauche ich auch. Wie lebt man mit dem Verfall vor Augen? Für den Augenblick. Und so normal wie möglich.

Was sonst noch geht. Treppen­steigen, Rad fahren, vorsichtig. Meis­tens auch das Tippen im Mehrfingersystem. Aber durchschlafen – das war mal.

Zur Normalität gehört zuallererst die Arbeit. Ich firmiere seit sechs Jahren als Schreibtischler; baue auch Möbel. Mache aber vor allem Öffentlichkeitsarbeit. In diesem Jahr will mich der größte Auftraggeber nicht mehr pauschal bezahlen, sondern Projekt für Projekt verhandeln. Der Stress ginge voll zu meinen Lasten, fürchte ich. So erkläre ich die bis dahin gute Kooperation für beendet.

Und zum guten Ende die gute Tat des Jahres: Hut ab, lobt mich die Wirtin des Hotels in Freyburg/Un­strut und lächelt mich beim Abschied an. Sie hatte registriert, wie viel ich ge­radelt war.

Beim Einchecken hatte ich darum gebeten, den Anmeldeschein ­später ausfüllen zu dürfen. Ausgeruht von den Anstrengungen der Anreise ­könne ich ihr dann ein leserlich aus­gefülltes Formular liefern. Ihr Mann sei auch an Parkinson erkrankt, erklärte sie und hielt mir die Tür auf und bot mir an, eine Satteltasche in den ersten Stock zu tragen. Die gebrechlich wirkende, fast 80-jährige Frau meinte es gut mit mir.

Mehr Infos: moebel-und-texte.de

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