Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw, beide 1984 geboren, leben und arbeiten zusammen in Lwiw im Westen der Ukraine.
Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw, beide 1984 geboren, leben und arbeiten zusammen in Lwiw im Westen der Ukraine.
Viktor Popil
"Wir wollen diesen Krieg gewinnen"
Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw leben im Westen der Ukraine. Sie bleiben, sie spenden, sie unterstützen die Verteidigung ihres Landes – und thematisieren die Friedenssehnsucht in ihren Kinderbüchern.
20.02.2023

chrismon: Sie waren im Herbst auf Lesereise im Frieden, wie fühlt man sich da?

Romana Romanyschyn: Es ist ein komisches, zerrissenes Gefühl. Wir waren in Deutschland, aber nicht zu hundert Prozent. Wir checkten dauernd unsere Nachrichten.
Andrij Lessiw: Wir hatten Angst um ­unsere Familien. In unserer Stadt gibt es keine heftigen Straßenkämpfe, aber man hört permanent das Pfeifen der russischen Raketen. Sie haben auch unsere Stadt schon ein paarmal getroffen. Wir sind relativ sicher in der West­ukraine, aber absolute Sicherheit gibt es nirgend­wo mehr.

Wie hat sich Ihr alltägliches Leben ver­ändert?

Romanyschyn: Unsere Arbeitsroutine ist jetzt natürlich ganz anders. Wenn es Alarm gibt, rennt man schnell in den Luftschutzraum. Da sitzt man dann eine Stunde oder mehrere. Jetzt wird auch noch der Strom knapp. Das ist nicht einfach, aber es ist der geringste Preis, den wir für unsere Freiheit zahlen. Wie alle Ukrainerinnen konnten wir lange kaum schlafen. Aber auch das lernt man und nutzt jede Minute, um sich auszuruhen.

Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw

Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw, beide 1984 geboren, leben und arbeiten ­zusammen in Lwiw im Westen der Ukraine. Sie haben Bücher für Kinder und Erwachsene geschrieben, illustriert und gestaltet. Sie sind in 22 Sprachen übersetzt worden und mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bologna Ragazzi Award 2018.

Ihre Bücher sind international erfolgreich. Sie könnten auch im Ausland leben und arbeiten.

Romanyschyn: Wir würden uns schuldig ­fühlen, wenn wir unser Land in dieser entsetzlichen Zeit verließen. Jetzt ist die ­entscheidende Zeit. Wir wollen das Beste tun, damit es ­diesen Krieg gewinnt. Jeder wird gebraucht, wir ­stehen alle zusammen. Wir ­wollen bei unseren Leuten sein und erleben, wie wir stärker ­werden als je zuvor. Wir haben ja auch das Glück, noch in unserer Stadt leben zu können. Weder Andrij noch ich sind in der Armee, auch wenn das durchaus noch kommen könnte.
Lessiw: Aber es gibt ja auch andere Formen der Verteidigung. Wir spenden und unter­stützen die Verteidiger, wo wir nur können. Wir kaufen in ukrainischen Supermärkten und zahlen Steuern. Wir sind da.

"Als der Krieg nach Rondo kam": Eine kleine Glühbirne und ihre Freunde

Welche Bedeutung hat Kunst in Zeiten des Krieges?

Romanyschyn: In den ersten Monaten nach dem Einmarsch kam uns unsere Arbeit sinnlos vor. Man denkt nur noch ans nackte Überleben. An Essen, Trinken, Versteck und Schutz. Man plant für den nächsten Tag, dann für die Woche. Erst nach und nach hat sich unser Horizont wieder geweitet. Uns wurde bewusst, welche Kraft in der Kunst steckt.

Wie meinen Sie das?

Lessiw: Fotos und Handyvideos können die Tagesereignisse in Sekundenschnelle und überall dokumentieren. Aber die Kunst kann unter die Oberfläche schauen. Kunst kann die Gefühle verarbeiten.
Romanyschyn: Ukrainische Designer und ­Illustratorinnen sind jetzt mehr denn je gefragt. Wir müssen neue visuelle Erzählformen finden. Wir müssen darüber nachdenken, wie dieser Krieg unsere Zukunft verändert, wie er die ganze Welt verändert.

Sie beide kennen sich schon lange . . .

Lessiw: Ja, wir haben uns im Art-College kennen­gelernt, als wir 15 waren. Dann waren wir beide auf der Kunsthochschule. Schon im ers­ten Studienjahr haben wir für einen Verlag in Lwiw Buchumschläge illustriert. Das hat uns sehr gefallen. Dann haben wir ange­fangen, Bücher zu illustrieren. Und nach dem Studium haben wir unser eigenes Studio Agrafka gegründet. Schließlich auch eigene Texte geschrieben und eigene Bücher gemacht.

Wann haben Sie sich ineinander verliebt?

Romanyschyn: Sofort, als wir 15 waren. Dann gab es mal eine kurze Unterbrechung.
Lessiw: Aber wirklich nur kurz. Jetzt sind wir schon seit über 20 Jahren zusammen.

Wie arbeiten Sie zusammen?

Lessiw: Romana macht die Illustrationen und benutzt dabei immer wieder neue Techniken. Ich kümmere mich um das Layout und den Druck. Die Texte schreiben wir zusammen. Dabei teilen wir immer ein Dokument, das wir von überall her öffnen können.
Romanyschyn: Die Ideen entwickeln wir zusammen. In unserem Studio hängt ein Blatt an der Wand, auf dem wir Einfälle sammeln. Da stehen sie dann, und wir überlegen immer mal wieder zusammen, wohin das führen könnte.

Wo vorher Blumen in allen Farben standen, blüht jetzt nur noch roter Mohn – das Symbol für die Erinnerung an die Opfer des Krieges

Ihr Bilderbuch "Als der Krieg nach Rondo kam" ist in Ihrem Land 2015 erschienen, nach der Eroberung der Krim durch die Russen 2014. Warum heißt die Stadt Rondo?

Romanyschyn: Weil sie ganz rund ist. Es ist eine ideale Stadt, die Luft ist "wie aus feinem Licht gesponnen". Die Bewohner sind "einfallsreich und zart", malen, singen, schreiben Gedichte und leben in Harmonie mit der Natur. Es gibt auch singende Pflanzen und Blumen. Aber dann bricht auf einmal ein schwarzer Krieg über die Stadt herein, die Panzer rollen.
Lessiw: Kinder fragen oft, warum der Krieg ausgebrochen ist. Aber es gibt keinen Grund dafür.

Wer sind die Hauptpersonen?

Romanyschyn: Ein Wesen, das an eine Glühbirne erinnert, ein aus Luftballons geformter Hund und eine Origami-Papiertaube. Zuerst versuchen sie mit dem Feind zu verhandeln, dann werfen sie Steine, aber das hält die Panzer nicht auf. Sie müssen kreativ werden.

Warum kämpfen sie nicht mit Waffen?

Romanyschyn: Das liegt einfach nicht in ihrer Natur. Stattdessen generieren sie mit selbst erfundenen Maschinen Licht, viel Licht. So viel, dass es schließlich die Dunkel­heit durchdringt und den Krieg beendet. Dieses Licht steht für Einheit, für Veränderung, für Inno­vation und Aufklärung. Aber wir ­nehmen ­unsere jungen Leserinnen und ­Leser ernst. Der Krieg endet zwar, aber er hat Spuren hinter­lassen. Die Hauptfiguren haben ­Narben und Verletzungen. Und wo vorher Blumen in allen Farben standen, blüht jetzt nur noch roter Mohn – bekanntlich das Symbol für die ­Erinnerung an die Opfer des Krieges. Das wollten wir unbedingt integrieren, solange wir noch kein eigenes Symbol dafür ent­wickelt haben. Leider ist der Krieg ja noch lange nicht vorbei.

Es geht darum, wie wir, wie auch blinde Menschen oder Tiere die Welt wahrnehmen

Sie arbeiten oft mit Symbolen. Warum?

Lessiw: Weil man damit mehr sagen kann als mit Worten. Symbole erreichen nicht nur das Bewusstsein, sondern auch das Unterbewusstsein und zwar sofort.
Romanyschyn: Wir haben uns bei diesem Buch für das einfache, aber uralte Symbol vom Kampf zwischen Dunkelheit und Licht entschieden. Auch der Topos vom Kampf zwischen David und Goliath schwingt mit. Es spielt keine Rolle, ob der Feind größer und stärker ist: Wenn man erfindungsreich und willensstark ist, kann man gewinnen.

Ihr Buch "Sehen" wurde für den deutschen Jugendliteraturpreis 2022 in der Sparte Sachbuch nominiert. Worum geht es?

Romanyschyn: Es sind eigentlich zwei ­Bücher über die Sinne, eins über das Hören, eins über das Sehen ‒ vor dem Krieg erschienen. Wir ­haben viele Informationen über das ­Hören und Sehen darin verarbeitet. Es geht aber darum, wie wir, wie auch blinde Menschen oder Tiere die Welt wahrnehmen. Und um Perspektivwechsel. Wir haben uns mit ­vielen Experten ausgetauscht und eine eigene ­visuelle Sprache in leuchtenden Farben ent­wickelt. Es ist wie eine Feier des Hörens und Sehens. In "Sehen" geht es aber auch um das, was hinter der sichtbaren Welt liegt.

Sehen. Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe. Gerstenberg Verlag, 56 Seiten, 20 Euro

Zum Beispiel?

Romanyschyn: Die Seele. Dazu gibt es auch ein Bild: Wir können sie nicht sehen, nur ­glauben, dass es sie gibt.

Das kann man auch über Gott sagen. Was ist Gott für Sie?

Lessiw: Wir glauben an Gott. Ich habe die Hoffnung, dass das irdische Leben nicht das Ende ist. Deshalb strebe ich danach, ein guter Mensch zu sein.

Romanyschyn: Gott und Christentum sind für mich die Orientierung. Ich denke nicht über dieses Leben hinaus. Ich glaube, das wichtigste Ziel ist, das innere Licht zu retten, und sich immer wieder zu bemühen, nach der inneren Stimme zu leben. Oft wollen wir nicht auf sie hören, aber sie weiß schon, was richtig ist.

Hören. Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe. Gerstenberg Verlag, 56 Seiten, 20 Euro.
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Lessiw: "Wir glauben an Gott. Ich habe die Hoffnung, dass das irdische Leben nicht das Ende ist."

Wer glaubt hofft nicht!
Wenn WIR wirklich-wahrhaftig an Gott/Vernunft glauben, indem WIR ebenbildlich Gott/Vernunft "wie im Himmel all so auf Erden" gestalten/leben, DANN wird das irdische Leben NICHT das prophezeite Ende sein.
Die Bibel spricht NIE den "einzelnen/individualbewussten" Menschen an, denn Mensch bedeutet ALLE, seit der "Vertreibung aus dem Paradies" (Mensch erster und bisher einzige geistige Evolutionssprung)!

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