Charles Aznavour, 93, Chansonnier, lebt in Paris
French singer Charles Aznavour poses for photos during an interview in Madrid, Spain, 12 December 2016. Aznavour will give a concert in Madrid 31 January 2017. EPA/FERNANDO VILLAR [ Rechtehinweis: (c) dpa ]
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"Sie bekamen unsere Matratzen"
Charles Aznavour kam in Paris als Kind von Armeniern zur Welt, die dem Völkermord in der Türkei entkommen waren. Im Zweiten Weltkrieg, während der deutschen Besetzung in Paris (1940–44), versteckten seine Eltern im besetzten Paris Juden, Deserteure und Widerstandskämpfer vor der Gestapo. Heute lebt der Chansonnier noch immer in seiner Geburtsstadt.
Ruthe Zuntz
13.12.2017

chrismon: Erinnern Sie sich noch an die Aktionen Ihrer Familie?

Charles Aznavour: Ja. Meine Aufgabe war es, die Uniformen der Deserteure wegzuwerfen. 

Sie halfen auch Juden.

Aznavour: Ein Simon kam zu uns über seine armenische Frau Carmen. Ein anderer stammte aus Aserbaidschan. Sie bekamen unsere Matratzen, meine Schwester und ich schliefen auf dem Boden. Die Gestapo suchte Juden frühmorgens, während der Ausgangssperre. Auch mein Vater und ich versteckten uns zeitweilig und übernachteten in einem Hotel gegenüber. Morgens verkündete meine Schwester: "Sie sind weg, ihr könnt zum Frühstück kommen."

In Ihren vielen autobiografischen Büchern erzählen Sie nur wenig davon. Warum?

Aznavour: Ich mag eitle Menschen nicht. Als Sänger bin ich gar nicht bescheiden, sonst aber im Leben. Sie sind Franzose und armenischer Staatsbürger.

Wie wichtig ist für Sie Ihre Herkunft?

Ich sage Armeniern oft, sie sollen sich an Juden ein Beispiel nehmen. Egal, wann und wo Sie Juden nach Israel fragen – sie können etwas erzählen. Längst nicht alle Armenier kennen ihre Geschichte. Dabei müssen Menschen ­wissen, woher sie stammen. Eltern sollen Re­ligion und Muttersprache weitergeben. Die  Religion hält die Kinder auf dem richtigen Weg, die Sprache öffnet ihnen die Welt.

Die Religion hält sie auf dem richtigen Weg?

Aznavour: Gott hat viele Namen: Dieu, Allah, Shiva. In Gottes Namen zu kämpfen ist Sünde. Gott fordert niemanden auf, Menschen umzubringen.

Wie wichtig ist Ihnen, ob die Türkei den ­Genozid an den Armeniern anerkennt?

Aznavour: 1,3 Millionen Menschen wurden getötet. Wenn das kein Genozid ist, sollen sie einen anderen Begriff dafür finden. Ich kenne keinen.

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Charles Aznavour

Charles Aznavour (1924-2018), Chansonnier, lebte in Paris. Seine Eltern waren vor dem Genozid an den Armeniern aus der Türkei geflohen.
Ruthe Zuntz

Igal Avidan

Igal Avidan, geboren 1962 in Tel Aviv, studierte englische Literatur und Informatik in Ramat Gan sowie Politikwissenschaft in Berlin. Igal Avidan lebt in Berlin und arbeitet seit vielen Jahren als freier Journalist und Deutschlandkorrespondent für verschiedene israelische Zeitungen (wie z. B. die Tageszeitung "Maariv", Tel Aviv), Hörfunksender und Nachrichtenagenturen sowie als freier Autor und Kolumnist zum Thema Nahost u. a. für die "Süddeutsche Zeitung", "NZZ", Cicero, "Frankfurter Rundschau", "Berliner Zeitung", "Tagesspiegel", "Welt" und das "Handelsblatt". Für verschiedene deutsche Organisationen wie die Bundeszentrale für politische Bildung, die Deutsch-Israelische und Christlich-Jüdische Gesellschaft sowie für mehrere Stiftungen hält er Vorträge über Israel und den Friedensprozess im Nahen Osten. Sein neues Buch "… und es wurde Licht! Jüdisch-arabisches Zusammenleben in Israel" erschien im Mai 2023 im Berenberg-Verlag.

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