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Der evangelische Religionsunterricht in den Schulen soll sich noch mehr für andere Religionen interessieren. Das fordert eine neue EKD-Denkschrift. chrismon-Redakteur Eduard Kopp hat sie gelesen.
Portrait Eduard KoppLena Uphoff
05.11.2014

###autor###Nicht immer ist der Frankfurter Religionslehrerin zu Schuljahrsbeginn klar, wen sie da im Unterricht so vor sich sitzen hat.  Zwar haben ihre Schülerinnen und Schüler gezielt ihren Religionskurs im zwölften Jahrgang gewählt. Doch nach und nach zeigt sich: Da hat sich ein Zeuge Jehowa bei ihr eingefunden, ein Muslim aus der Gemeinschaft der Ahmadyya, ein vollkommen säkularisierter Jude, drei Katholikinnen, ein paar mehr Protestanten. Ein Reihe konfessionsloser Gymnasiasten sind auch dabei, einer von ihnen ist bereits zwei Wochen nach Schuljahrsbeginn aus dem ungeliebten Philosophiekurs in den Religionsunterricht gewechselt. Und jetzt wollen alle etwas über die Bibel hören und über Luther. Und ob etwas zum Thema Biomedizin in Bibel oder Koran stehe. Und das Thema Männer und Frauen sei ihnen auch ganz wichtig. Und was sind eigentlich Märtyrer? Und kann man sich selbst erlösen? Vor allem: Darf man herumdeuteln an den heiligen religiösen Texten?

Religionsunterricht an öffentlichen Schulen ist eines der spannendsten Fächer überhaupt. Es geht um Werte und ihre religiöse Begründung, um Lebensgeschichten und Vorbilder, um Schlüsseltexte des Glaubens. Nach alldem, was sich in den letzten Jahrzehnten im Religionsunterricht vor allem in den Großstädten beobachten ließ, kann man sagen: Der wachsende Pluralismus, die Öffnung für Schülerrinnen und Schüler unterschiedlicher Konfessionen und Religionen, hat dem Unterricht nicht etwa geschadet, sondern ihn bereichert. Aber das gilt vor allem da, wo die Lehrerin, der Lehrer ein klares eigenes Profil und Interesse am Fach hat und ebenso so klar Respekt für und Neugier auf andere Glaubens- und Lebenswege wecken kann. Es ist ein Fach, das junge Leute stark machen kann und sie menschlich weiterbringt.  

Die neue Denkschrift blickt erfreulich weit nach vorne

Eine kluge Denkschrift hat sich die Evangelische Kirche in Deutschland zu diesem Thema einfallen lassen und am 6. November 2014 veröffentlicht. In ihr geht es um die Fragen: Ist der konfessionelle Religionsunterricht, wie ihn das Grundgesetz garantiert, angesichts der bunten Schülerschar heute überhaupt noch zu rechtfertigen? Wie wird er der wachsenden Schar der Konfessionslosen und der Muslime gerecht? Wann ist es wichtig, in einem (konfessionell geschützten) Rahmen erste Grundlagen für einen eigenen Glauben zu legen, wann ist die Stunde gekommen, sich kritisch und offensiv mit anderen Glaubenseinstellungen auseinanderzusetzen. Die neue Denkschrift blickt erfreulich weit nach vorn und unterbreitet viele nützliche Vorschläge. Ihr Titel: “Religiöse Orientierung gewinnen. Evangelischer Religionsunterricht als Beitrag zu einer pluralitätsfähigen Schule“.  

Viel hat sich in den Schulen in jüngster Zeit getan. Die traditionelle Differenz zwischen katholischem und evangelischem Unterrichtsverständnis hat unaufhaltsam an Bedeutung verloren: Während für die evangelische Kirche ein Unterricht schon seit geraumer Zeit dann als „evangelisch“ zu qualifizieren ist, wenn Religionslehrer und Unterrichtsstoff evangelisch sind, hat die katholische Kirche zusätzlich immer auch Wert darauf gelegt, dass neben Lehrer und Stoff zusätzlich auch ihre Schüler katholisch sind. Das lässt sich, wenn man ehrlich ist, nur noch unter einer Bedingung durchhalten: dass viele Schüler am Rand liegen bleiben. Auch das alte Denkbild hat ausgedient, Religionsunterricht sei so etwas wie „Kirche in der Schule“ beziehungsweise „Moschee in der Schule“. Nicht Mission, sondern Bildung ist der Auftrag der Schule und des Religionsunterrichts. Und weil sie dieses Prinzip anders als manche Koranschulen - ernst nimmt, ist die Beliebtheit des Faches bei den Schülern groß und steigt noch weiter.

Auch sich selbst einmal "von außen" betrachten

Was schlägt die EKD-Denkschrift vor, damit der Unterricht der immer bunteren Schülerschar gerecht wird? Zuallererst einen Ausbau des „konfessionell-kooperativen Unterrichts“, will sagen: intensivere Zusammenarbeit der Lehrer unterschiedlicher Konfessionen – und in Zukunft auch Religionen. Bekanntlich absolvieren von Jahr zu Jahr mehr muslimische Theologinnen und Theologen in Deutschland ihr Lehramtsstudium. Das lässt hoffen. Da gilt es aber auch Regeln für den gemeinsamen Unterricht zu entwickeln (Stichwort „interreligiöses Lernen“). Die Denkschrift nennt auch gemeinsame Besuche und gegenseitige Einladungen in Kirchen, Moscheen und Synagogen. Auch die Zusammenarbeit mit den Ethiklehrern sollen weiter ausgebaut werden.

###mehr-extern###Für die Didaktik ist vor allem eins wichtig: Schüler sollen qualifiziert werden, auch sich selbst einmal „von außen“ zu betrachten. Ein sehr treffendes, wenn auch gewundenes Zitat aus der Denkschrift, lautet: „Interreligiöses Lernen sollte konsequent als Wechsel zwischen Innen- und Außenperspektive konzipiert werden, so dass die Schülerinnen und Schüler durch die Auseinandersetzung mit dem anderen und Fremden das Eigene besser verstehen und zugleich für andere offen werden bzw. bleiben.“ Wenn diese pädagogische Saat aufgeht, würden Schülerbemerkungen wie diese seltener: „Die Ahmadyya sind für mich keine echten Muslime; sie sind nicht rechtgläubig.“ (Originalton aus einer Frankfurter Schule just im November 2014). Um diesen Herausforderungen, in der Didaktik gern „Multiperspektivität“ genannt, gerecht zu werden, schlägt die evangelische Kirche die Weiterarbeit an einer „pluralitätsfähigen Religionsdidaktik“ vor. Da sind auch die Universitäten und die Lehrerseminare gefragt.

Professionalität als Leitkriterium des Religionsunterrichts

Bedarf es des konfessionellen Religionsunterrichtes noch, wenn es inzwischen schon so viel Kooperation gibt? Da lässt die neue Denkschrift mit Recht keine Zweifel aufkommen: Auch wenn die Kooperation über die Konfessionsgrenzen hinaus groß ist und noch weiter wachsen wird, muss es klare Verantwortungen und Zuständigkeiten geben. Recht hat die EKD damit. Es dient der Professionalität des Unterrichts, dass er nach den Regeln unseres Bildungssystems und als dessen originärer Teil stattfindet. Es muss, so die Kirche, dabei bleiben: Religionsunterricht ist ein „durchgehendes Pflichtfach in allen Schuljahrgängen in den Schulen grundsätzlich aller Schulformen.“ Deshalb gibt es auch eine staatliche Fach- und Rechtsaufsicht und eine „Begleitung und Mitverantwortung durch Kirchen oder Religionsgemeinschaften“.

Nicht Orthodoxie ist das Leitkriterium des Unterrichtsfaches, sondern Professionalität. Eine wichtige Äußerung, um das Fach an staatlichen Schulen auch für die Zukunft zu sichern.

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Dann wäre ja eine Kooperation von Religionsunterricht mit LER Unterricht(Brandenburg) sehr sinnvoll.
Dann würde man die "Atheisten" nicht von den wenigen "Religiösen"separieren.

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