Dirk von Nayhauß
"Was man sich so sehr gewünscht hat, fällt einem doch oft vor die Füße"
Der deutsche Schauspieler Ulrich Noethen spricht im Interview über Liebe, die nichts fordert und Nachsicht mit sich selbst
Dirk von Nayhauß
27.02.2014

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?
Wenn ich mich aus dem Bett quäle: Die Müdigkeit erinnert mich daran, dass ich ein lebendiger Mensch bin. Vorhin war ich beim Zahnarzt, da fühle ich mich auch immer sehr lebendig. Ich sehne mich gewiss nicht danach, aber Schmerz ist ein Zeichen dafür, dass man lebt. Die „Mühen der Ebene“ sind mir wirklicher als die endorphingeschwängerten Höhepunkte.

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?
Ich komme aus einem Pfarrershaushalt, der sonntägliche Kirchenbesuch war obligatorisch und selbstverständlich. Meine Eltern haben mir etwas vorgelebt, was ich als ganz normal übernommen habe. Im Laufe der Zeit hatte ich immer mehr Fragen und Zweifel. In einer globalisierten Welt kann ich die Festlegung auf ein bestimmtes, menschengemachtes Glaubensbekenntnis nicht mehr mitmachen. Ich kann anderen Menschen die Wahrheit ihrer Religion, so seltsam sie mir auch erscheinen mag, nicht absprechen. Meine Religion – mein Kulturkreis. Übrig geblieben ist mir aber – und das ist durch nichts zu ersetzen – ein Sich-angenommen-Fühlen und ein starkes Gefühl der Geborgenheit. Ich fühle mich aufgehoben, im übertragenen und im wörtlichen Sinn. Ich denke dabei an eine Geste, wie sie Eltern machen, wenn sie ein kleines Kind in die Arme nehmen.

Muss man den Tod fürchten?
Es gibt Schlüsselsätze in meinem Leben, einer heißt: Auch dieses geht vorüber. Sowohl im Positiven wie im Negativen. Das Leben geht vorüber, und auch das Sterben geht vorüber. Stelle ich mir den Tod vor, dann sehe ich mich idealerweise erschöpft und müde irgendwo liegen. Ich habe Abschied genommen und kann loslassen.

Welche Liebe macht Sie glücklich?
Die Liebe, die nichts fordert, die unverdient plötzlich da ist. Wenn ich mich angenommen und aufgehoben fühle, ohne etwas dafür getan zu haben. So erlebe ich es mit meiner Partnerin. Ich empfinde auch Liebe zu den Kindern, natürlich. Es gibt einfach diese tätige Liebe: Wenn ich mich mit einer Regelmäßigkeit hinstelle und für sie Dinge tue, für die ich keinen Dank erwarte, sondern die einfach getan werden müssen – wie die Zubereitung des Essens, morgens in aller Frühe. Das zu tun ist auch Liebe.

Welchen Traum möchten Sie sich noch unbedingt erfüllen?
„Protect me from what I want.“ Dieser Satz begleitet mich schon lange Zeit. Oft ist es doch so, dass das, was man sich so sehr gewünscht hat, einem wieder vor die Füße fällt. Mir ist es lieber, die Dinge auf mich zukommen zu lassen, als mir irgendwelche Sachen großartig auszumalen. Mir ist es viel lieber, jemand fragt mich, ob ich eine Rolle spielen möchte, als dass ich mich hinstelle und sage: „Den Hamlet, den muss unbedingt ich spielen.“ Wenn jemand ­anderes mich fragt, dann kann ich sagen: „Das ist natürlich eine Schnapsidee, vollkommen daneben. Aber bitte, wenn du der Meinung bist, dann will ich es gerne probieren.“ Das ist eine sehr viel bessere Voraussetzung, um zu einem guten Ergebnis zu kommen.

Haben Sie Nachsicht mit sich selbst?
Ja, und diese Nachsicht ist der protestantischen Arbeitsethik ­abgetrotzt. Das Bewusstsein: Nimm dich selbst nicht so wichtig – das ist mir von zu Hause sehr gut bekannt. Es war für mich ein großer Schritt, zu erkennen, dass bei dem Gebot „Liebe deinen Nächsten“ der zweite Teil, „wie dich selbst“, vernachlässigt wird. Die Liebe zu einem selbst wird immer gern in die Schublade Egozentrismus gesteckt. Heute bin ich nachsichtig, weil ich meine Schwächen ganz gut kenne. Diese Nachsicht soll aber nicht zu einem „Ist ja eh egal“ werden.

Wer oder was hilft in der Krise?
Das Leben ist ein Geschenk. Dieser Gedanke rührt mich, da ­kommen mir Tränen in die Augen. Das allererste Mal hat mich dieses Gefühl der Rührung übermannt, als mein Vater seinen großen Abschiedsgottesdienst hatte und der Bischof ­Stationen aus seinem Leben vorgetragen hat. Das war wie ein ­Resümee, wie ein Begräbnis. Das Leben zieht an einem vorüber, und dann: Mehr oder weniger Gelungenes, Hoffnungen und Träume, die unerfüllt geblieben sind, man hat es so gut gemacht, wie man es vermochte, hat seinem Leben einen Sinn zu geben versucht – und dann ist es zu Ende. Todtraurig – grenzenlos komisch. Und sehr tröstlich. Keep on going!

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Sehr schönes Interview mit einem offensichtlich sehr sympathischen Schauspieler! Gibt es von dem Interview vielleicht noch eine längere Fassung?

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