Das Leben im Büro ist nicht ganz so ätzend wie in der Kult-TV-Serie "Stromberg". Aber auch für echte Chefinnen ist die Firma eine Bühne
20.02.2014

chrismon: Einer von Strombergs Lieblingssprüchen lautet „Büro ist wie Krieg“. Frau Sandrock, herrscht denn in einem richtigen Büro, hier bei Ihnen, auch Krieg?

Martina Sandrock: Nein, überhaupt nicht. Denn Wirtschaft hat mit so guten Dingen wie Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum zu tun. Deswegen braucht man im Büro keine Schlachten, sondern man braucht Mitarbeiter, die morgens begeistert ins Büro kommen. Dann fühlen sie sich auch verantwortlich für das,was sie tun, und ich kann als Chefin loslassen und die Mitarbeiter empowern.

Christoph Maria Herbst: Aber müssen Sie nicht trotzdem Territorien sichern, Grenzen weiten, Leute auf eine gute Sache einschwören? Müssen Sie nicht trotzdem einpeitschen, expandieren?

Sandrock: Man kann nie ausschließen, dass Kollegen um die nächste Beförderung miteinander kämpfen. Aber ich glaube fest daran, dass motivierte Mitarbeiter bessere Ergebnisse liefern als Mitarbeiter, die unter Druck und Angst arbeiten. Warum sagt denn Ihr Stromberg das mit dem Krieg?

Herbst: Er hat sich dazu hinreißen lassen, als er mal wieder einer Situation nicht gewachsen war. Interessant finde ich, dass 12- und 13-Jährige sich diese Sprüche auf T-Shirts haben drucken lassen und deswegen der Klasse verwiesen wurden.

chrismon: Was finden Jugendliche an Stromberg cool?

Herbst: Sie finden ihn ein bisschen traurig, weil er von einem Fettnäpfchen ins nächste tappt. Er ist politisch unkorrekt, er eckt überall an, also er darf alles das tun, was man eigentlich wegerzogen bekommen hat. Insofern ist Stromberg ein Lausbub. Und 13-Jährige finden klasse, dass da so ein lustiger Opa rumläuft.

chrismon: Frau Sandrock, wenn Sie einen Typen wie Stromberg im Betrieb hätten, einen, der nach oben buckelt und nach unten tritt – was würden Sie mit dem machen?

Sandrock: Ich glaube, ich würde ihm ein paar Coachingstunden verordnen. Und mit ihm reden über Führungswerte, um zu begreifen, warum sich dieser Mensch so verhält und ob da noch was zu machen ist.

Herbst: Ist das jemand, bei dem Hopfen und Malz verloren ist?

Sandrock: Probieren würde ich es auf jeden Fall.

Herbst: Stichwort Coaching. Ich habe mir für Stromberg eine Menge Körpersprache antrainiert. Der macht sich gerne breiter, indem er die Hände in die Hüften stemmt. Das habe ich mir von Tierreportagen abgeschaut. Sind Sie auch einmal gecoacht worden und haben diesen großen geheimnisvollen Bereich der Körpersprache kennengelernt?

Sandrock: Ich habe einige Trainings gemacht, viele im Ausland. Ich habe nicht bestimmte Bewegungen gelernt. Aber ich mache mir ständig bewusst, wie ich mit meinem Körper und mit meiner Stimme ankomme. Das wird im Laufe des Berufslebens immer wichtiger, man muss ja als Führungskraft mehr mit seiner Ausstrahlung wirken. Fachwissen tritt immer mehr in den Hintergrund, wenn man Menschen motivieren muss.

Herbst: Für Stromberg ist die Abteilung ja die Familie, weil er selbst keine hat . . .

Sandrock: . . . das finde ich ganz gefährlich, wenn jemand außerhalb des Büros keine Familie oder Freunde hat. Wenn man im Büro Beziehungen aufbaut, einfach weil es sonst keine gibt, dann kann sich das auf geschäftliche Entscheidungen auswirken.

chrismon: Sagen Sie das Ihren Mitarbeitern?

Sandrock: Durchaus. Wenn ich zum Beispiel sehe, dass sich Leute hier immer mehr kaputt machen oder abends immer spät nach Hause gehen, dann sage ich ihnen, gerade wenn sie Führungsverantwortung haben: Ihr müsst dafür sorgen, dass eure Batterien immer ein gewisses Ladeniveau haben. Ihr müsst als Führungsperson ja auch noch Energie abgeben an eure Leute.

Herbst: Erklären Sie, wenn Sie schreien, warum Sie schreien?

Sandrock: Ich schreie nicht.

Herbst: Nein? Noch nie vorgekommen?

Sandrock: Nein. Das beruht sicher auf einer gewissen Disziplin. Man lässt seinen Emotionen nicht freien Lauf, wenn man am liebsten schreien würde. Sondern man sagt sich: Ruhig, das muss ich jetzt managen, und dann manage ich das auch.

Herbst: Ich komme drauf, weil Stromberg teilweise recht cholerisch ist. Und ich merke, dass die Figur Stromberg in den Momenten, in denen ich ihn schreien lasse, jede Autorität verliert.

Sandrock: Genau.

Herbst: Und Menschen, die versuchen, sich Autorität herbeizuschreien, führen sich selber in diesem Moment schon ad absurdum. Aber wie stellen Sie dann Autorität her?

Sandrock: Über mein Verhalten und meine Person. Als Führungsperson muss man sich bewusst sein, dass man Vorbild ist, dass es immer wahrgenommen wird, wie man über den Flur läuft. Hat die Guten Tag gesagt? Hat sie gelacht oder hat sie ein ernstes Gesicht gemacht?

Herbst: Seit ich ein bisschen prominenter geworden bin, spüre ich diese Last auch. Ich bin gerade mit dem Auto aus Berlin gekommen, da halte ich auf der Strecke an zwei, drei Raststätten und stelle fest, wie die Augenpaare auf mir ruhen. Und ertappe mich dabei, wie ich denke: Jetzt solltest du lieber mal nicht in der Nase bohren oder deinen Kaugummi nicht auf den Boden werfen. In dem Moment bist du vielleicht auch Vorbild für den einen oder anderen.

chrismon: Sie sind beide Jogger. Woher nehmen Sie die Disziplin?

Herbst: Bei mir gehört mehr Disziplin dazu, nicht zu laufen. Im günstigsten Fall läuft es mich. Dann fallen mir Tage viel schwerer, an denen ich nicht laufen kann, weil ich zu sehr verplant bin.

Sandrock: Ich bin richtig süchtig danach. Ich brauche das, gerade um in schwierigeren Zeiten weiterhin mit geradem Rücken in die Firma gehen zu können und auch zu ermutigen, wenn es mir mal nicht so gut geht.

chrismon: Stromberg sagt oft: Da muss der Papa ran! Frau Sandrock, haben Sie eine Mutterrolle in Ihrem Unternehmen?

Sandrock: Ich bin mir ganz sicher: Nein. Ich habe keine Fürsorge besonderer Art für die Leute, sondern ich will, dass wir auf Augenhöhe miteinander kommunizieren . . .

Herbst: Also mit Visier, aber offen . . .

Sandrock: Wenn ich merke, dass jemand privaten Kummer hat, dann gehe ich nicht über eine gewisse Grenze hinaus, sondern ich spreche einen Kollegen an und sage: Hör mal, die hat ein Problem, kannst du da vielleicht mal helfen. Denn sonst weiche ich meine Rolle als Führungskraft zu sehr auf.

chrismon: Duzen Sie oder siezen Sie Ihre Mitarbeiter?

Sandrock: Alle, die direkt an mich rapportieren, duze ich und diejenigen, die etwas weiter weg sind, sieze ich.

Herbst: Das Wort rapportieren erinnert mich ein bisschen an „Machen Sie mal Rapport“. So hat mein Vater früher vom Kommiss gesprochen. Der Stromberg ist ja auch latent ein Macho. Wie gehen Sie damit um, mit Frauenfeindlichkeit?

Sandrock: Das gibt es hier kaum. In der Kultur dieses amerikanischen Unternehmens ist der Wert Diversity sehr wichtig. Zum Beispiel haben wir in unseren jährlichen Targets: 50 Prozent der Senior Manager, die eingestellt werden, müssen Frauen sein.

chrismon: Aber Sie waren ja auch in anderen Firmen. Was tun, wenn Männer viel schwätzen und wenig schaffen?

Sandrock: Da war ich manchmal hilflos. Ich habe mir als Regel gesetzt, nie aggressiv zu werden. Denn das führt nur dazu, dass die Männer sagen, die Zicke, die hält ihre Emotionen nicht unter Kontrolle. . .

Herbst: Stromberg würde sagen: Die kriegt ihre Tage. Sagen Sie, Frau Sandrock – haben Männer Angst vor Ihnen?

Sandrock: Männer haben generell Angst, dass Frauen auf dem Vormarsch sind. Und sie wissen, dass Frauen einiges können,was sie nicht können.

chrismon: Gibt es typisch männliche und typisch weibliche Eigenschaften – und mit welchen kann man besser aufsteigen?

Sandrock: Wäre schön, wenn Männer und Frauen sich da mehr voneinander abgucken würden. Frauen dürften sich gerne besser verkaufen, anstatt sich hinter den Schreibtisch zu verziehen und Tag und Nacht etwas zu bearbeiten. Sie sollten mehr den Mund aufmachen und sagen: Ich will auch promotet werden! Und Männer sollten kommunizieren lernen. In einem Meeting haben Frauen meistens kein Problem damit, mit einer Meinung reinzugehen, sich die anderen anzuhören und mit einer anderen Meinung wieder rauszugehen. Männer gehen mit einer Meinung rein und denken, die müssen sie jetzt auf Teufel komm raus durchsetzen.

Herbst: Wenn man als Frau Karriere machen will – steht einem da ein zu hohes Maß an Attraktivität eher im Weg? Weil die Männer dann sagen: Die ist blond, die kann eh nichts? Oder ist das eher eine Geheimwaffe: Hey, ich seh klasse aus, das setze ich ein?

Sandrock: Ich glaube, wenn Frau Merkel größer wäre und hübscher, dann säße sie heute vielleicht nicht auf diesem Stuhl. . .

Herbst: . . .dann säße sie für die FDP in Brüssel, so wie Frau Koch-Mehrin.

Sandrock: Vielleicht. Merkel wurde in ihrer Unscheinbarkeit lange unterschätzt, das war ihr Glück. Wenn Frauen klug und noch außerordentlich attraktiv sind – dann kriegen Männer eher Angst. Heute wird Frau Merkel gar nicht mehr als Frau wahrgenommen,die macht ihren Job, und das ist gut so.

Herbst: Eine Frau geht seinen Weg!

chrismon: Herr Herbst, wenn Sie Ihre Banklehre fortgesetzt hätten – was für ein Typ wäre denn aus Ihnen geworden?

Herbst: Vielleicht schon so eine Art Stromberg, ich weiß es nicht. Ich glaube, es hängt von Zufällen ab, welche Seite von uns nach vorne gekehrt wird. Da ringen bei jedem Menschen, ganz im Schiller’schen Sinne, das Gute und das Böse miteinander. Und wir haben jeden Tag selber die Chance, das Gute siegen zu lassen. Aber ich bin schon ganz froh, dass ich die Bank verlassen habe – und dass ich weiß, wo Herbst aufhört und wo Stromberg anfängt.

chrismon: Ihr Berufsweg hat ja einige Umleitungen genommen. . .

Herbst: . . .und das war gut so. Ich würde nie Erfolge in meine Vita reinlügen. In Momenten der Niederlage ist man erst mal am Boden zerstört und wünscht sich woanders hin. Im Nachhinein war es immer für irgendwas gut. Würden Sie Ihren Beruf eigentlich als Berufung bezeichnen, Frau Sandrock?

Sandrock: Das ist mir zu sakral. Man muss auch sehen: Wir sitzen hier und produzieren Konsumgüter. Es gibt Wichtigeres im Leben.

Herbst: Fragen Sie sich manchmal,wenn Sie morgens aufstehen: Wofür mache ich das alles? Für „duschdas“?

Sandrock: Ich kenne Freunde, die sich das fragen: Soll ich die Charts für die nächste Präsentation fertig machen – oder wäre es nicht wichtiger,wenn ich jetzt nach Hause gehe und meine Familie sehe. Oder den Partner fürs Leben finde. Ich selber hatte noch keine schwere Sinnkrise. Aber auch meinem Leben hätte es nichts geschadet, wenn ich mal einen Umweg gemacht hätte. Ich denke, dass Personen mit Brüchen im Leben sogar glücklicher sind, weil sie immer mal wieder die Gelegenheit hatten zu gucken: Wo will ich eigentlich hin?

Herbst: Haben Sie Angst vorm Fallen?

Sandrock: Ja, je höher man kommt, desto weiter liegt das Netz da unten. Für das Risiko bekomme ich einen Teil des Gehalts.

chrismon: Gibt es bei Ihnen eigentlich ein Mission Statement?

Sandrock: Ja, da war ich selber dran beteiligt. Was da drinsteht, ist relativ austauschbar. Aber der Weg, wie man da hinkommt – das fördert das Verständnis,wofür man eigentlich steht in der Firma. Und zwar vom Chef bis zur Putzfrau.

Herbst: Was ist denn ein „Mission Statement“? Stromberg würde sagen: der neue Film mit Tom Cruise.

chrismon: So eine Art Unternehmensphilosophie. Ein Motto. Haben Sie auch eines?

Herbst: Ja, die Essenz des Neuen Testaments. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. In all seinen Spielarten. Mute deinem Nächsten nichts zu, was du dir selber nicht zumuten würdest. Natürlich scheitere ich auch jeden Tag daran, aber es ist eine Maxime.

chrismon: Sind Sie christlich erzogen?

Herbst: Als Kind haben mich die Eltern in die Kirche geschleift. Aber irgendwann habe ich dem selber was abgewonnen, wurde dann Messdiener und Lektor. Dann wollte ich sehr lange katholischer Priester werden, weil ich damals dachte, Gott und den Menschen so am besten dienen zu können. Bis ich meine erste Freundin kennenlernte – und da gibt es dieses schlimme Wort, das mit Z anfängt und mit ölibat aufhört. Ich bezeichne mich aber als gläubigen Christen und versuche, diesen Glauben im Alltagsgeschäft des Lebens auch zu leben.

chrismon: Hat das Schauspielern eine spirituelle Dimension?

Herbst: Ich stelle durch Begegnungen auf der Straße fest, dass ich manchen einen Impuls mitgebe. Ich will das nicht überbewerten, wir reden von Comedy. Aber ich glaube schon, dass der eine oder andere Chef nach der Sendung über sich nachdenkt.

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