Nadia Budde/Peter Hamnmer Verlag
Komische Typen
Die Illustratorin Nadia Budde wundert sich über Mensch und Tier
17.06.2013

chrismon: Schaut man sich die Typen in einem Buch von Nadia Budde mit Kindern an, kann die spontane Reaktion schon mal sein: „I, sind die hässlich.“ Wie kommt das?

Nadia Budde: Ich kann mir vorstellen, dass sie auf den ersten Blick so wirken, aber ich finde meine Figuren nicht hässlich. Eher so ein bisschen hilflos. Manchmal tun sie mir auch leid, und dann denke ich immer, ich muss mich um sie kümmern und mache ein Buch mit ihnen. Das ist einfach mein Stil – die geraten mir halt so.

Wie denn?

Budde: Ich suche nach Charakteren und prägnanten Gesichtern und arbeite unter Umständen schon sehr lange an einer Figur, damit sie typisch oder ausdrucksstark wird. Meine Figuren sind vielleicht komische Typen, aber hässlich finde ich sie nicht.

Wie reagieren Kinder bei Ihren Lesungen auf Ihre Typen?

Budde: Sie amüsieren sich ziemlich gut. Zuerst denken sie: „Huch, wie sehen die denn aus?“ und wundern sich, aber dann finden sie sie komisch. Außerdem werden meine Typen von den Be­griffen und Reimen, die zu ihnen gehören, aufgefangen. Zusammen funktioniert das.

Worin liegt die Komik Ihrer Figuren?

Budde: Ein Stil hat ja immer etwas mit der eigenen Persönlichkeit  zu tun: Ich nehme mich nicht so ernst, kann über mich selbst lachen – ich habe eine bestimmte Leichtigkeit. Und die projiziere ich auf meine Figuren. Die nehmen sich auch nicht so ernst. Obwohl ich hoffe, dass sie auch eine eigene Seele haben. Ich nehme meine Figuren nämlich als Persönlichkeiten schon ernst und gebe ihnen deshalb einen starken Ausdruck. Sie sehen oft wie Tiere aus oder ein bisschen schräg. Um das hinzubekommen, versuche ich, mich beim Zeichnen so zu fühlen wie sie.

Sie meinen, Sie spüren dann zum Beispiel die komische Verzweiflung eines „Thilo Schramm“ wegen „zu vieler Kilogramm“ wie in Ihrem neuen Buch „Und außerdem sind Borsten schön!“?

Budde: Ja, und deshalb sieht der dann aus wie ein Elefant, und über dem Bauch spannt sein Hemd. Oder „Monalies“ wünscht sich „Augen in Türkis“ und guckt ziemlich seltsam. Das male ich mir dann aus.

Waschbären klauen Altkleider - Illustration aus dem Buch `Großstadttiere´, Nadia Budde,  Jacoby Stuart Verlag

Auch Ihre Verse sind schräg, die Wortwahl ungewöhnlich. Wie arbeiten Sie mit Sprache?

Budde: Mich interessiert, wenn sich etwas durch Bruchstücke, Satzteile, einzelne Wörter und Sprachbilder erzählt. Wenn das auch noch in Kombination mit Bildern funktioniert – klasse. Auch mag ich das Rohe, das Unverstellte, Ungekünstelte, das Knappe. Kürzen ist bei meiner Arbeit das Wichtigste.

Welche Dichter mögen Sie besonders?

Budde: Joachim Ringelnatz, von ihm besonders das Kinderverwirrbuch. Dann Christian Morgenstern und Robert Gernhardt. Ich habe schon als Kind unglaublich gern Bücher gelesen, die in Reimform erzählt waren. Ich liebe die Bücher von Maurice Sendak und Dr. Seuss. Seinen „Lorax“ habe ich sogar ins Deutsche übersetzt.

Warum sind fast alle Ihre Bücher in Reimform geschrieben?

Budde: Weil ich mich fast immer weigere, etwas in Form einer Geschichte zu erzählen. Ich finde es schon schwierig, wenn sich etwas zu einem Thema rundet und einen Plot hat wie jetzt in „Und außerdem sind Borsten schön!“. Viel lieber werfe ich dem Betrachter kleine Bröckchen hin, über die er sich im Moment amüsieren kann.

Sie feiern geradezu die Abweichung vom Schönheitsideal, das Unangepasste, Individuelle.

Budde: Mich interessiert es einfach, besondere Typen zu ent­wickeln. Und in „Und außerdem sind Borsten schön!“ potenziert sich das noch einmal, weil die Leute von vorneherein von der Norm abweichen: Sie sind zu breit, zu stupsnasig, zu dünnbeinig oder kahlköpfig, um ihrem Ideal zu entsprechen. Viele sehen aus wie Tiere und wirken dadurch noch komischer.

Sie sind in der DDR aufgewachsen. Da war das Angebot an schrägen Typen wohl nicht so groß . . .

Budde: Also, wenn ich bei meinen Großeltern auf dem Land war, habe ich das anders erlebt. Ich kann mich erinnern, dass ich die Welt der Erwachsenen damals schon komisch fand. Da gab es Frauen, die stark und behaart waren, halbe Kerle, aber mit Kopftüchern. Und die Männer waren auch irgendwie merkwürdig. Alle waren zweckmäßig kurios gekleidet, redeten über Ernte, Wetter und Tod, und die Vergangenheit war viel, viel wichtiger als die Zukunft. Diese Typen habe ich schon als kleines Mädchen gezeichnet. Und ich kann mich bis heute über Leute wundern. Ich brauche nur in der U-Bahn zu sitzen.

Jetzt leben Sie seit über 20 Jahren im Westen. Worüber wundern Sie sich hier und jetzt?

Budde: Wundern vielleicht nicht unbedingt, aber bestimmte ­Dinge fallen mir auf. Zum Beispiel Orte. Es gibt westdeutsche Orte, die ich einfach schrecklich finde. Da sehen die Häuser so gebügelt aus, seit Jahren hat sich nichts verändert. Im Osten gab es wenigstens die Wende. Irgendetwas hat sich da immer verändert und sei es auch nur eine neue Haustür oder so. Ich habe jetzt fast nur noch westdeutsche Freunde. Manchmal kommt es mir so vor, als wären sie fast neidisch auf meine ostdeutsche Vergangenheit. In ihrem Leben gab es nichts, mit dem sie sich wirklich auseinandersetzen mussten – keinen Bruch.

Eichhörnchen ergrauen im Buch `Großstadttiere´

Sie wundern sich auch über „Großstadttiere“, – so heißt Ihr neues Buch. Es handelt von wilden Tieren, die vom Land in die Stadt fliehen. Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Budde: In Berlin gab es plötzlich ziemlich viele Füchse – ich habe schon oft welche gesehen. Seitdem zeichne ich eine Kolumne in der „Berliner Zeitung“ über Tiere, die in Berlin leben: nicht nur Füchse, auch Wildschweine, Marder und Waschbären. Als ich ­etwa zwanzig Kolumnen gezeichnet hatte, wurde es wieder Zeit für ein Buch. Dann habe ich recherchiert, dass es nicht nur in ­Berlin, sondern auch in vielen Städten im Ausland so ein Tierproblem gibt: In Austin, Texas, wird der Himmel jeden Nachmittag von Fledermäusen verdunkelt, und in Moskau marodieren Wölfe. Das fand ich spannend. Aber noch mehr hat mich gereizt, das Verhalten der Tiere in Bezug zu der Stadt und den Menschen zu setzen.

Um Ihnen den Spiegel vorzuhalten?

Budde: Genau. Das ist doch wirklich verrückt. Die Städter streben raus aufs Land, und die Tiere, die auf dem Land auch in ihrem Freiraum beschnitten sind, tapern in die Stadt. Aber ich habe kein Buch über Tiere geschrieben, sondern mehr eins über uns und unsere Art zu leben. Affen terrorisieren Neu-Delhi, werden von gläubigen Hindus aber noch mit Bananen gefüttert, weil sie einen Affengott in ihnen verehren. Wir produzieren solche Müllberge, dass die Möwen darüber kreisen, als wäre es das Meer. Waschbären knacken Altkleidercontainer. Wir nehmen aus der Natur und schmeißen in der Stadt alles weg. Der Hintergrund ist ernst. Aber mein Buch nicht.

Wie denn sonst?

Budde: Ich habe mir gedacht, dass sich die Lachmöwen, die über dem Müll kreisen, vielleicht selbst darüber amüsieren, dass sie uns Meer vorspielen und sie mit roten Clownsnasen gezeichnet. Außerdem ist mir eingefallen, dass viele Frauen sich ihre grauen Haare rot färben, während sich in den Stadtparks die grauen gegenüber den roten Eichhörnchen durchsetzen. Oder dass der Dogwalker genauso stolz auf den Strauß von Hunden ist, den er ausführt, wie ein Pfau auf den Strauß von Pfauenaugen, der ihn umgibt.

Wie kommen Sie bloß auf Ihre Ideen?

Budde: Die besten Ideen kommen mir beim Joggen. Da bin ich ganz bei mir und habe oft das Gefühl, dass sich Dinge, die ich aufgenommen habe, miteinander verknüpfen. Plötzlich kann ich etwas, das vielleicht gar nicht zusammengehört, in einen Zu­sammenhang bringen, der überraschend ist und mich amüsiert. Aber zu sehr um die Ecke denken darf man auch nicht. Dann versteht es keiner mehr.

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