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In diesem Text werden Sie nichts über die wahren Sehnsüchte prominenter Mitmenschen erfahren, über die dunklen Seiten von Filmstars, die finsteren Gewohnheiten diverser Popsänger. Ich werde Ihnen auch nicht erzählen, wie ich die Schauspielerin X aus nächster Nähe kenne, dass der Politiker Y seine Frau schlägt und was ich über meine Kollegen denke. Ich nehme an, wahrscheinlich zu Recht, dass Sie, liebe Leserin, lieber Leser, das wirklich nicht interessiert.
chrismon-Leser erwarten von ihrem Magazin nicht Klatsch und Tratsch. Sie rümpfen die Nase über die marktschreierische Indiskretion Dieter Bohlens. Sie wechseln entsetzt das Programm, wenn Beckmann im Ersten Frau Juhnke auseinander nimmt. Es langweilt Sie, wie Johannes B. Kerner sich freundlich von Nebensächlichkeit zu Nebensächlichkleit durch das Leben der Schauspielerin Katja Flint fragt. Unser Publikum legt Wert auf Substanz, auf Menschen, die mehr zu erzählen wissen als über ihre Frühstücks- oder Urlaubsgewohnheiten. So jedenfalls sagt es die Leserpost, die Sie an uns richten.
Diese Haltung entspricht übrigens der, die ich in meinem Bekanntenkreis antreffe. Reden wir über die Schlüssel- und Enthüllungsbücher des Herbstes, empfange ich stets als erstes Signal: Wen solche Banalitäten wohl interessieren? Mich jedenfalls nicht!
Komischerweise haben die Freunde jedoch alle eine Meinung über Dieter Bohlen oder Susanne Juhnke. Im Falle der Letzteren gab es zwei vorherrschende Positionen. Die eine: Darf die Frau eines offenbar unheilbar kranken, dementen Menschen ein Geschäft aus dem Siechtum ihres Ehemannes machen? Nein, darf sie nicht! Die andere: Kann man es der armen Frau übel nehmen, dass sie sich auf diesem Weg die notwendigen Mittel verschafft, um die teure Pflege des Kranken zu finanzieren? Natürlich darf sie!
Ähnlich konturiert die Meinungen zu Dieter Bohlens Enthüllungen über ehemalige Sexual-, Sanges-, Geschäfts- oder Lebenspartner. Die einen: Empörend, Bohlen schändet das eigene Gesicht. Die anderen: Endlich bestätigt mal einer, was wir schon lange über die Popmusik-Branche vermuten Pack schlägt sich, Pack verträgt sich!
Einig sind wir uns unter Freunden rasch in der Überzeugung, dass derart trivialer Quatsch das Papier eigentlich nicht wert ist, auf das er gedruckt wird. Und gemeinsam rätseln wir, wer sich all diese langweiligen TV-Gespräche anschaut, in denen pausenlos der immer gleiche Müll wiedergekäut wird. Wir wollen von alldem nichts wissen.
Seltsam ist nur: Wir können bei vielen dieser Geschichtchen mitreden, kennen Details, beziehen Position. Natürlich haben wir die entsprechende Talkshow nicht gesehen, zumindest nicht ganz. Wir sind beim Zappen auf der Fernbedienung in die Sendung geraten. Ganz zufällig. Und dann haben wir aus quasiwissenschaftlicher Neugier, weil alle Welt darüber redet natürlich auch ein paar Minuten hingeguckt und zugehört. Man will doch auf dem Laufenden sein, man muss doch wissen, worüber sich die Mädels beim Friseur und die Jungs in der Sauna so unterhalten.
Und dann erzählen wir einander von den Geschichten, die wir schreiben könnten, von unseren Geschäftspartnern, von den Ehebrüchen, Seitensprüngen, Delirien und Skandalen in unserem Dunstkreis. Selbstverständlich behalten wir die für uns. Schließlich ist Diskretion Ehrensache. Nein, Privates öffentlich ausbreiten, das tut man nicht! Und eigentlich will es ja sowieso niemand wissen.
Ein paar Ausnahmen würden wir vielleicht machen. Es müsste uns jemand eine Stange Geld bieten, aber wirklich eine Stange, sagen wir eine halbe Million Euro. Und wir dürften uns aussuchen, in welche Talkshow wir damit gingen. Auf keinen Fall zu Beckmann!
"Der Fluch des Taxifahrers" heißt das Buch mit Arnd Brummers Kolumnen. Zum Preis von 10 Euro ist es beim Verlag zu beziehen. (Bestellhinweise auf Seite 13)

