Ein schwarzer Jugendlicher aus einem New Yorker Ghetto hat unter der Überschrift "Was bin ich?" einen Brief an seinen Lehrer geschrieben, daraus folgende Sätze: "Ihr habt mich so erzogen, dass ich meine Brüder und Schwestern hasse. Was bin ich? / Ihr nennt mich Boy, einen dreckigen Strichjungen. Was bin ich? / Ich bin die Summe eurer Sünden. Ich bin die Leiche in eurem Keller. / Vor allem bin ich, wie ihr so unverhohlen sagt: euer NIGGER."
Der Schwarze ist beherrscht von dem Gefühl, nicht er selber zu sein. Die anderen sehen den Würdelosen, den Boy, den Strichjungen in ihn hinein, und so wird er, was sie schon lange gesehen haben: der Nigger. Die feindlichen Blicke halten seine Gedanken und sein Herz besetzt, sie zerstören seine Freiheit.
Wir sind nicht nur die, die wir sind. Wir sind auch die, als die wir angesehen werden, im Guten und im Bösen. Paulus nennt uns über unsere eigene Existenz hinweg einen Brief aus der Ferne, einen Brief Christi, durch den Geist des lebendigen Gottes in unsere Herzen geschrieben. Wir sind besetzt von der Handschrift des Geistes. Es gibt Besetzungen, die unsere Seele auffressen und unsere Lieder zerstören, und es gibt solche, die uns die Seele geben und uns lebendig machen. In einem alten Liebeslied ist von einer solchen Besetzung die Rede: Du bist mein, ich bin dein, des sollst du gewiss sein. / Du bist eingeschlossen in meinem Herzen, verloren ist das Schlüsselein, du musst auch immer darinnen sein.
Die Liebe hat sich in das Herz der Geliebten geschlichen. Sie denken sich nicht mehr nur selber, sie fühlen nicht mehr nur sich, sie leben nicht mehr nur in sich und für sich. Auch dies ist eine Besetzung, aber nicht der Bosheit und der Kälte, sondern der Güte, die die Freiheit ins Leben ruft.
Wir sind nicht nur, die wir sind. Wir sind der Brief Christi, die Buchstaben des Geistes Gottes sind in uns eingeschrieben. Paulus wird nicht müde, die Einwohnung der Güte zu beschreiben, die uns befreit. Der Geist wohnt in uns, sagt er. Christus lebt in uns. Nicht einmal unsere Gebete gelingen uns mit eigener Stimme. Wir haben mehr Sprache, als wir haben, weil der Geist in uns mit "unaussprechlichem Seufzen" betet. Die Liebenden kommen nicht mit sich selber aus. Sie bedürfen der Einwohnung des geliebten Wesens. Die Liebe macht bedürftig.
Es gibt eine andere Bedürftigkeit, die entsteht, wo wir unsere Kärglichkeit wahrnehmen. Wenn es einen Lebensvorteil von alten Menschen gibt, dann die Tatsache, dass sie bedürftig geworden sind. Sie wollen nicht nur aus sich selber bestehen. Sie wollen nicht nur von sich selber bewohnt sein, und sie brauchen mehr als den eigenen Geist. Je mehr Niederlagen wir erfahren, desto weniger wollen wir mit uns allein auskommen. Man hat gelernt, dass man sich nicht durch sich selber rechtfertigen kann; nicht durch die eigene Stärke, Geistesgaben, Arbeiten, Frömmigkeit. Man braucht es, dass in uns die Zeichen des Geistes geritzt sind, die wir nicht selber erfunden und erdacht haben. Man braucht ein Versprechen, das man sich nicht selber gemacht hat und das man sich nicht selber erfüllen kann. Je unbescheidener und größer unsere Wünsche sind, umso mehr dürsten wir nach Gnade; nach dem Blick, der uns reicher findet, als wir sind; nach einer Stimme, die uns Stimme verleiht.
Die Liebe und die Niederlagen machen den Menschen bedürftig. Je geistiger ein Wesen ist, umso bedürftiger ist es. So schändet es uns nicht, dass wir nicht autonom in uns selber stehen. Wir sind ein Brief. Ein Brief ist nicht durch sich selber und für sich selber da.

