Fulbert Steffensky, Theologe am Vierwaldstättersee in Luzern fotografiert.Sophie Stieger
20.10.2010
1. Sonntag nach Trinitatis
Und Jesus rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen. Er gebot ihnen: Geht und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.
Matthäus 10,17

Worte und Versprechungen allein wecken noch keine Hoffnung. Was nicht seinen Schatten vorauswirft; was noch kein Vorspiel hat, daran kann man nicht glauben. Jesus sagte nicht nur mit Worten das Reich an, das kommen soll. Er sagt es an mit großen Zeichen: Er treibt die falschen Geister aus, er heilt die Gebrechen und Krankheiten der Menschen, die "verschmachtet waren und zerstreut wie Schafe, die keinen Hirten haben" (Matthäus 9, 36). Die Versprechungen Gottes sollen augenscheinlich werden. Sie sollen zur Vertreibung der falschen Geister werden, zur Gesundheit an Leib und Seele. Jesus war kein Spiritualist. In seiner Nähe wurden Blinde geheilt, Lahme gingen aufrecht und Trauergeister wurden vertrieben.
Wir als Kirche sind keine Charismatiker mit Wunderkräften, wie Jesus es war und vielleicht auch noch seine Jünger. Und doch sind wir von dem Auftrag nicht entbunden, die Gebrechen der Seele und des Körpers zu heilen.
In unseren Kirchen ist die Ausbreitung des Wortes selbstverständlich und unbefragt. Unbefragt ist die Predigt, der Religionsunterricht, der Konfirmandenunterricht. Das ist richtig, die Menschen brauchen den Trost und das Schwert des Wortes. Weniger selbstverständlich sind in unseren Gemeinden die diakonischen Institutionen; die Einrichtungen, die dem leiblichen und psychischen Heil der Menschen dienen. Wie steht eine Gemeinde zu diesen Werken? Denkt sie bei finanziellen Kürzungen zuerst an sie? Nimmt die Gemeinde ihre diakonischen Einrichtungen überhaupt zur Kenntnis? Wie ist der Beruf des Pfarrers oder der Pfarrerin angesehen? Wie dagegen der Beruf des Diakons oder der Diakonin? Was verdienen die einen, und was verdienen die anderen? Welche Stimme haben die einen und welche die anderen in unserer Kirche?

Jesus sagt: "Geht und predigt: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen." Die Predigt allein aber richtet nichts aus ohne die Augenscheinlichkeiten; ohne die Tatsache, dass Menschen gehen lernen, dass ihre Augen geöffnet werden und ihre Seelen getröstet.
Wir bleiben nur Kirche des Wortes, wenn wir auch die Kirche der wirksamen Zeichen sind; der Vertreibung der Ungeister und der Heilung der Leiber. Nichts kommt mit dem reinen Wort aus, auch nicht das Reich Gottes. Nicht nur Gott misst uns daran, dass wir die beiden Sprachen nicht auseinander reißen, die Sprache des Wortes und die Sprache der Vorzeichen des Reiches. Auch die Gesellschaft glaubt der Kirche nur, wenn sie das Wort und die starken Zeichen in gleicher Weise ehrt.