Evelyn Dragan
20.10.2010

Ach ja, es weihnachtet sehr. Es glitzert und glamourt, Rauschgoldengel allerorten, allerliebste Darstellungen von Vater, Mutter und Kind, meist strahlend beim Schenken oder gnadenlos kitschig unter einem Weihnachtsbaum. Die Lichterketten in den Fenstern werden immer zahlreicher, greller, bunter und blinken in schrillem Rhythmus. Und seit einigen Jahren gibt es auch Zuwanderer: Rentiere auf Bettwäsche etwa oder auch der Santa Claus, von Coca-Cola einst eigens inszeniert. Es jingle-bellt sozusagen -­ schier unfassbar, was die Werbeindustrie aus einem inhaltsreichen Fest machen kann.

Schier unfassbar, was die Werbeindustrie aus einem inhaltsreichen Fest machen kann

Deutschland im Dezember ­ nirgends können wir der Tatsache entkommen, dass Weihnachten ein zentrales Marktphänomen ist. Und gleichzeitig kennen nur noch 53 Prozent der Deutschen die Weihnachtsgeschichte, zudem glaubt angeblich jeder Vierte von diesen, sie stamme von den Brüdern Grimm! Wie können wir bloß Form und Inhalt wieder zueinander bringen?

Vielleicht müssen wir die Geschichte neu erzählen: Gott kommt zur Welt. Gott ist nicht ein mächtiger Herr auf hohem Ross, sondern wird Kind, verletzbar, auf Beziehung angewiesen. Jene Geschichte beim Evangelisten Lukas wird von rückwärts erzählt. Vom Tod eines Menschen her, der wie ein Verbrecher elendig sterben musste. Und von dem doch viele erfahren haben, dass genau er Gott war, uns gezeigt hat, wie Gott sich in Liebe Menschen zuwendet. Bis heute. Auch der Frau, die allein bleibt am Heiligen Abend. Auch dem Kind, das Gewalt erfährt statt der Zärtlichkeit, die in der Werbung als Weihnachtszauber gezeigt wird. Auch dem Familienvater, der seinen Arbeitsplatz verloren hat und dem kein Geld bleibt für Geschenke. Mit dem Tod war diese Liebesbeziehung zu den Menschen nicht zu Ende. Die Menschen haben erfahren: Der Tod ist kein Endpunkt, sondern ein Doppelpunkt. Und daher wussten sie: Diese Geburt war eine ganz besondere, sie war die Erfüllung der Hoffnungen aller Menschen auf Frieden, Liebe, Solidarität. Und so wird die Geburt dieses ganz besonderen Kindes gefeiert, Jahr für Jahr auf der ganzen Welt.

Weihnachten ist ein christliches Glaubensfest

Wir sollten unter allen Kitschbergen Advent und Weihnachten neu entdecken. Da geht es um die Vorbereitung auf Gottes Ankunft in der Welt. Mitten im Dunkel der Jahreszeit zünden wir deshalb Licht um Licht an. Der Weihnachtsbaum ist eine schöne Tradition, die Fülle dieses Lichtes zu symbolisieren. Die Engel, sie sind Boten, die schon Maria und den Hirten angekündigt haben, was sich da vollzieht. Der Stern, der hat in der biblischen Geschichte den Weisen den Weg gezeigt zum Gotteskind. Weihnachten ist ein christliches Glaubensfest.

Übrigens: Wenn Sie jetzt meinen, ich sei eine typisch protestantische Spaßverderberin, eine Art Weihnachtsmuffel, irren Sie. Tatsächlich liebe ich Weihnachten und seine Rituale. Nach Ewigkeitssonntag hole auch ich einen Lichterbogen aus dem Keller und stelle ihn ins Fenster. Der kleine Tannenbaum im Garten der Bischofskanzlei erhält eine (schlichte!) Lichterkette und jedem meiner Kinder, auch wenn drei schon auswärts studieren, schenke ich einen Adventskalender mit einer Kleinigkeit für jeden Tag. Advent und Weihnachten sind mir so lieb, dass ich sie eigentlich unter eine Art Naturschutz stellen möchte!

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