Lena Uphoff
20.10.2010

Harry ist von der schnellen Truppe. Wo auch immer er auftaucht, sich einmischt und einsetzt, blühen die Ideen. Er mischt jeden Laden auf. Stillstand ist Rückschritt, Denkverbote sind eine Provokation in seinen Augen. Harry redet bildhaft, überzieht gern einmal und übertreibt. Aber er schafft es, die Probleme des Vereins, in dessen Vorstand er gewählt wird, blitzschnell zu erfassen und beim Namen zu nennen. Krisen schrecken ihn nicht. Sie fordern ihn heraus.

Harry stand jahrelang an der Spitze eines großen Betriebs. Seine Spezialität: MdU ­ Management durch Umherstreifen. Noch heute wissen alte Kollegen Schauergeschichten zu erzählen von dem Stress, den Harry in der Firma erzeugte. Jeder und jede musste zu jeder Stunde damit rechnen, dass plötzlich die Tür aufflog und Harrys Kahlkopf im Rahmen aufleuchtete. "Was machen Sie gerade?" ­ Antwort. ­ Folgefrage: "Und wo liegt das Problem?" Harry stieg sofort ein, spontanes Brainstorming ­ was in seinem Fall wortwörtlich zu verstehen war: Sein Gehirn stürmte durch das Problem, produzierte in Minuten mindestens drei mögliche Lösungen ­ und schon entschwand es samt Besitzer ins nächste Büro.

Leute wie Harry sind extrem ungeduldig. Seine Kritiker halten ihm immerhin zugute, dass er von sich selbst mindestens so viel fordert wie von anderen: mehr Beweglichkeit, höheres Tempo, Phantasie. Seit Harry im Ruhestand ist, hat er versucht eine Kunstgalerie zu retten, seine Kirchengemeinde flottzumachen, hat eine Stiftung für missbrauchte Kinder gegründet und dergleichen mehr.

Geliebt wird Harry dafür nur von wenigen Menschen. Von denen, die wissen, dass er, der ungeduldige Raubauz, eine Seele von Mensch ist, weich, großzügig, ein echter Freund und Visionär. Viele Menschen, denen er geholfen hat, helfen wollte oder hilft, verursacht er hingegen Herzrasen.

Er vernichtet ihre Behaglichkeit, respektiert ihr Selbstmitleid nicht, lobt zu wenig. Das ist überhaupt das Schlimmste: Er ist nie zufrieden. Fragt man ihn, was hältst du davon? So antwortet er bestimmt: "Mhm, ganz gut. Aber mir fällt da Folgendes ein... Wäre das nicht noch besser?"

Harry selbst reagiert übrigens höchst unwirsch auf Lob: "Okay. Danke. Ich habe mir gestern den Internet-Auftritt unserer Galerie angesehen. Was haltet ihr davon, wenn wir ..." Und schon sind wir wieder dabei, wie wir alles noch besser, noch schöner, noch wirkungsvoller gestalten könnten.

Es ist schwer, Harry zu beschenken. Die sinnvollen Dinge hat er. Und Genuss kommt in seinem Schnellzugleben nur am Rande vor. Als ich ihn, der mir verehrter Chef war, einmal zum Essen einlud ­ ich damals noch jung und mit kargem Salär ­, lotste ich ihn in ein für meine Verhältnisse anspruchsvolles Restaurant. Ja, ich hatte ein wenig gespart und war auf eine deftige Rechnung vorbereitet.

Wir studierten die Speisekarte. Harry war nach einer halben Minute fertig. Eine Suppe und ein Salat. Die Suppe ließ er kalt werden, weil er mir gerade eine Idee für einen Kongress von Ärzten, Pfarrern und Journalisten präsentierte und die exquisite Consommé darüber vergaß. Den Salat schlang er hinunter, während ich zahlte und wir auf unser Taxi warteten.

Harrys Leben ist die Kommunikation. Das Gespräch über echte Ideen. Konversation treiben hat er nie gelernt. Urlaubserlebnisse anderer interessieren ihn nicht. Und selbst macht er nur Urlaub, wenn seine Frau ihn vor vollendete Tatsachen stellt. Gemütlich wird es auch dann nicht. Belletristik hält er übrigens für Zeitvergeudung.

Als ihn auf der Geburtstagsfeier eines sehr gebildeten und kunstsinnigen Freundes die gesamte Meute als Workaholic schmähte, als unsinnlichsten Menschen, den man kenne, musste ich ihn verteidigen. Harry ist ein Mystiker der Arbeit. Arbeit heißt sein Gebet. Er hat das Los des Adam angenommen. Er sagt es jeden Tag: Wir sind hier nicht im Paradies. Noch nicht! Noch ist nicht Zeit, um auszuspannen.

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