Weihnachten alleine zu verbringen kann für viele Menschen sehr schmerzhaft sein, schreibt Herausgeberin Anna-Nicole Heinrich
Weihnachten alleine zu verbringen kann für viele Menschen sehr schmerzhaft sein, schreibt Herausgeberin Anna-Nicole Heinrich
Peter Bongard
Weihnachten knallt die Einsamkeit
Wenn die anderen feiern, tut es besonders weh, unfreiwillig allein zu sein. Wir alle können etwas dagegen tun, schreibt chrismon-Herausgeberin Anna-Nicole Heinrich.
Patrick Desbrosses
21.12.2022

Jannis schweigt 120 Sekunden ins Mikrofon und sagte dann ganz ruhig: "Einsamkeit ist still." Ein Satz, den ich seitdem mit mir rumtrage, gerade jetzt in den Tagen, in denen die "Stille Nacht, heilige Nacht" näher rückt, kommt er mir wieder in den Kopf.

Einsamkeit als unfreiwilliges und schmerzhaft erlebtes Alleinsein ist still und macht still, stresst, kann krank ­machen. Nicht jedes Alleinsein ist Einsamsein, es gibt auch das freiwillige Für-sich-Sein, doch unfreiwillige Einsamkeit ist schwer erträglich und kann unterschiedliche Gesichter haben: der Teenager, der keinen Anschluss in der neuen Schule findet, die frischgebackene Studentin, die in einer fremden Stadt allein vor ihrem Rechner sitzt, der Geflüchtete ohne Deutschkenntnisse, der chronisch kranke Frührentner, die verunsicherte Berufsanfängerin, der vergessene Pensionär, die arbeitslose Alleinerziehende, der Künstler ohne Auftrittsmöglichkeiten.

Einsamkeit kann in einem Mangel an engen Beziehungen, einem Mangel an Freundschaften und vor allem in einem Mangel an Zugehörigkeitsgefühl begründet sein. Gerade in den Weihnachtstagen und den "stillen Tagen" zwischen den Jahren knallt die Einsamkeit bei vielen am dollsten.

Patrick Desbrosses

Anna-Nicole Heinrich

Anna-Nicole Heinrich, geboren 1996, ist seit Mai 2021 Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Sie studiert in Regensburg Philosophie, Digital Humanities und Menschenbild und Werte. Sie ist außerdem Mit-Herausgeberin von chrismon, Mitglied der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und Vorstandsmitglied der evangelischen Jugend in Deutschland e.V.

Die Triggerfrage ist oft: "Was machst du Weihnachten?" Meist so gestellt, als wäre es ein Berichtspunkt, den man in diesen Tagen bei jeder Konversation einmal abgehakt haben muss.

Die Antworten klingen auch in meinem Umfeld nicht immer nach "O du fröhliche": Eine Freundin hofft, dass noch irgendjemand aus ihrer WG in der Studistadt bleibt. Ein iranischer Freund: "Mal ­schauen, bei meiner Freundin in Hamburg oder hier in Regensburg – in die Heimat fliegen ist gerade nicht drin". Andere schweigen die Frage einfach weg, und es bleibt das Gefühl im Raum, dass man ein Tabuthema angesprochen hat.

Ganz oft werten wir Einsamkeit als persönlichen Misserfolg, als soziales Versagen und tabuisieren es, doch Einsamkeit gehört zu unserer modernen, individuellen, digitalen, mobilen Gesellschaft dazu. Und die Heraus­forderungen, die das mit sich bringt, kann nicht der Staat allein angehen. Für Einsamkeit gibt es keine einfache Exit­strategie, sondern wir alle müssen uns als Teil der ­Be­wältigungsstrategie verstehen.

Blicke in einige unserer Nachbarländer zeigen, wie ­ eine Zivilgesellschaft handeln kann: wie wir caring ­communities aufbauen; wie wir Wohn- und Lebens­räume schaffen, in denen Menschen sich begegnen; wie ­medizinische Versorgung auch soziale Interaktion als Rezept in der Tasche hat und wie es gelingt, das Thema Einsamkeit zu enttabuisieren. Wir haben da noch einen weiten Weg vor uns.

Umso wichtiger ist es, dass wir ­gerade in der Weihnachtszeit dazu beitragen, Einsamkeit zu bewältigen. Die eigene und die der anderen.
Ich werde in den nächsten Tagen öfter die Frage stellen: "Was treibst’n Weihnachten?", so als offene Frage, wie wenn ich abends noch Freund*innen anhaue, wenn ich noch ­Leute suche, die mit mir etwas trinken gehen. Mit einer Haltung, die zeigt: Egal was du antwortest, es ist gut. So, dass ich immer dransetzen kann: Ja cool, dann komm doch bei uns rum, dann lass uns doch da was unternehmen.

Jannis schloss seinen Impuls bei unserem gemeinsamen Podiumsgespräch mit einem Appell: "Lasst uns nicht still sein." Und mit uns meinte er uns alle: uns, die wir zwar ­immer unter Leuten sind und doch einsam, uns, die wir gern mal allein sind, uns, die wir uns auf die Weihnachtstage freuen, uns alle, die wir gegenseitig aufeinander achten. Denn Einsamkeit ist still und macht still. Also sprecht ­einander an, ladet einander ein, ladet euch selbst ein! Und dann wird aus einer stillen Nacht eine heilige Nacht.

Weitere Beiträge zum Thema Einsamkeit und was dagegen hilft, finden Sie unter  www.chrismon.de/einsamkeit

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Zitat: "Wenn die anderen feiern, tut es besonders weh, unfreiwillig allein zu sein."

Dass wir alle etwas dagegen tun können, wie die chrismon-Herausgeberin Anna-Nicole Heinrich schreibt, ist wahrscheinlich übertrieben und einer gewissen Überschwänglichkeit geschuldet. Es gibt Menschen, die schließen sich freiwillig gegen sich selbst aus von der Feier. Die Richtung des Gesagten stimmt allerdings. Aus irgendeinem Grund will mensch das schlichte Hande falten schlecht reden. "Wer die Hände faltet, sagt damit: Ich bin jetzt ganz bei dir!" (Matthias Viertel)

In diesem Sinne: frohe, frohmachende, fröhliche und einsamkeitsknallende Weihnachten, liebes chrismon-Volk!

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