Lena Uphoff
15.11.2010

Mein siebenjähriger Sohn Merlin hat seit ein paar Wochen ein neues Idol. Der Mann ist Kanadier, 32 Jahre alt, 1,89 Meter groß und 88 Kilogramm schwer. Wenn Sie wissen wollen, wie er heißt, sollten Sie ein Heimspiel des Eishockey-Teams Hamburg Freezers besuchen. Zu Beginn des Spieles ruft der Stadionsprecher in die Arena: "Mit der Nummer 1: Booooriiis ..." und die zehntausendköpfige Gemeinde antwortet: "...Rousson!" Dann fährt der völlig vermummte Torhüter unter dem Jubel der Fans aufs Eis.

Boris Rousson ist ein Meister seines Faches. Mit seiner riesigen Pranke von Handschuh fischt er Pucks aus der Luft, die mit 150 Sachen auf ihn zufliegen. Oder er blockt die Hartgummischeibe aus kürzester Distanz mit seinen schweren Beinschonern. Bei keiner Mannschaftssportart ist ein einzelner Spieler so wichtig wie der Goalie im Eishockey.

Ich gebe zu, als ich die Karten fürs Eishockey kaufte, wollte ich nicht nur meinem Sohn etwas Neues zeigen, sondern auch einem anderen kleinen Jungen eine Freude machen ­ dem kleinen Jungen in mir selbst. Als Schulbuben am Bodensee zogen wir an frostklirrenden Winternachmittagen auf den Eisweiher der örtlichen Brauerei. Pullover und Anoraks dienten als Torpfosten, aus Spazierstöcken, Vesperbrettchen und Besenstielen kunstvoll zusammengenagelte Einzelstücke als Schläger. Und wir hingen gebannt vor dem Fernseher, wenn Tschechen oder Schweden die Sbornaja schlugen, die schier unbesiegbare Eishockey-Truppe der Sowjetunion.

Im Spiel gegen die Frankfurt Lions sitzen mein Sohn und ich nun ganz dicht an der Bande, hinter einer mehr als mannshohen, schützenden Plexiglasscheibe. Das Spiel wogt hin und her. Zwar hält Rousson wieder einmal die so genannten "Unhaltbaren". Aber seine Mitspieler müssen zu oft in Minderzahl spielen, weil der Schiedsrichter einen von ihnen wegen eines Fouls auf die Strafbank schickt. Ein knappes Spiel. Sekunden vor Schluss ­ die Freezers führen hauchdünn mit 4:3 ­, scharfer Schuss eines Lion-Angreifers. Tor! Nein! Rousson rettet, begräbt den Puck unter sich auf der Torlinie. Ende, aus! Die Freezers haben gewonnen. Die Zehntausend in der Arena jubeln. Und Merlin winkt der Mannschaft zu, die eine Ehrenrunde fährt. Boris Rousson hat die Maske hochgeschoben, zeigt sein rundes, freundliches Gesicht und grüßt in die Menge. In seinem Handschuh hält er noch immer den Puck, den er nicht mehr ins Tor ließ.

Von der Spielfeldmitte deutet er in unsere Richtung, dann auf den Puck. Merlin nickt. Der Goalie fährt auf ihn zu, bugsiert die Scheibe über die Glaswand, wartet noch einen Augenblick, bis der Junge sie an sich genommen hat, und gleitet mit einem Augenzwinkern davon. Merlins Puck! Unser Puck. Überwältigt schweigen Vater und Sohn. Der Junge strahlt, dem Mann werden die Augen ein wenig feucht. Die Umstehenden gratulieren.

Auf dem Heimweg erzählt Merlin: "Und als er in meine Richtung geschaut hat, da wusste ich schon: Der meint mich." Das stimmt. Boris Rousson hat ihn ausgeguckt. Warum? Die Frage interessiert Merlin nicht. Macht er das in jedem Heimspiel? Ist das Bestandteil des Marketings, der PR-Aktivitäten der Freezers? Große-Leute-Fragen! "Er hat mich gemeint, weil er gespürt hat, dass ich ihn mag." Klar, Vater hält den Mund, grübelt nicht weiter, fühlt sich ein wenig schofel, weil er die Kinderfreude zu zerfragen begann.

Der Puck ruht in einem kleinen Glasschrein. Dahinter hängt an der Wand die gerahmte Eintrittskarte Freezers ­ Lions, Reihe 2, Platz 7. Der Alltag hat uns wieder. Gestern Abend hat mich Merlin vor dem Gute-Nacht-Kuss gebeten: "Lass das Licht bitte noch an. Ich möchte vor dem Einschlafen ein bisschen meinen Puck anschauen." Macht er das jeden Abend? "Nein, nur wenn wenn es mir so geht wie heute: wenn ich noch ein Stück Freude brauche, damit ich gut schlafen kann."

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