Die Illustration greift die Atmosphäre der ersten Nacht in Delhi auf: Fremde Umgebung, Dunkelheit, das Gefühl des Suchens – und zugleich die Ahnung eines beginnenden Abenteuers auf dem Weg zum Bahnhof Old Delhi
Till Wellm-Illustration / chrismon
Kurzgeschichte
Indisches Nachtglück
Eine Nacht kurz nach der Ankunft in Delhi. Es ist stockdunkel. Dann erwacht das Leben - eine Kurzgeschichte
Jork Weismann / PIPER Verlag
04.01.2026
10Min

Es ist ein Platz auf dem Subkontinent, mitten in der Nacht. Ich steige aus dem stickigen Taxi in das Dunkel. Um mich herum absolute Finsternis. Über mir wölbt sich ein unendlicher Himmel flimmernder Sterne. Ich blicke etwas zu lange nach oben, bis mich ein leichter Schwindel befällt. Dann senke ich meinen Kopf und halte nach der Old Delhi Railway Station Ausschau. Aber nicht einmal Konturen umliegender Gebäude sind zu erkennen. Keine Lampe weit und breit, nur diese erdrückend warme, kohlenschwarze Stille des Asphalts. Also beuge ich mich behutsam nach allen Seiten wie ein Vogel in seinem Käfig, wenn die Nachtdecke über ihn geworfen wird.

Es hilft alles nichts. Und wie jeder Moment im Leben, den man nie mehr vergisst, sättigt sich auch dieser mit Bildern, die erst kurz zurückliegen: der Fahrt im uralten, schwarz-gelben Taxi vom Indira-Gandhi-Airport: buntes Blinken der Lichter am Rückspiegel, beißend süßer Weihrauch – das Glimmen des Stäbchens, wie es am Radio klemmt: verglühende Asche, die ich gebannt betrachte, vor Spannung die Luft anhalte, bis sie endlich fällt. Sitar und Tabla aus scheppernden Boxen, eine melancholische Melodie. Aber eine, die mich milde stimmt.

Jork Weismann / PIPER Verlag

Eckhart Nickel

Eckhart Nickel ist Schriftsteller. Er wurde 1966 in Frankfurt am Main geboren, gehörte zum popliterarischen Quintett Tristesse Royale (1999) und debütierte 2000 mit dem Erzählband "Was ich davon halte". Nickel leitete mit Christian Kracht die Literaturzeitschrift "Der Freund" in Kathmandu. Heute schreibt er u. a. für die "FAS", die "SZ" und die "Zeit". 2024 erschien sein Roman "Punk" im Piper-Verlag.

Indien, ich bin in Indien, so murmele ich das Mantra meiner Reise. Der Flug gen Osten, weg von der sinkenden Sonne. Gleißendes Schimmern hoch über Sewastopol, das Schwarze Meer am Nachmittag: kaum ein Kräuseln, flüssiges Gold. Dann Dämmerung und Düsternis, orange zitternd das Lichtermeer weit unter mir. Das Schütteln der Maschine, das nicht mehr aufhört, obwohl keine Wolken die dunstige Nacht verschleiern. Die Landung, das Heulen der vier Düsen, als ob fauchend heiße Aufwinde unsere Tragflächen nach oben drücken. Das Ächzen der Bremsen, die uns fast an den Vordersitz pressen. All das ist in diesem Moment enthalten, da ich in der leeren Nacht im Freien wie gebannt stehe und nichts mehr sehe.

Ein vorsichtiger Schritt nach vorn lässt meinen Fuß dumpf an etwas Weiches stoßen, und ich halte furchtsam inne. Ich traue mich erst gar nicht hinzuschauen, dann endlich nehme ich den Schlafenden dort vor mir wahr. Eingerollt wie ungeboren, selig aufgehoben, nach allem Augenschein im Schlummer tiefen Träumens, aber nicht allein. Um ihn herum sind noch viel mehr, erst nach und nach bekommt das Panorama sanft Konturen. Der ganze Platz ist voller Menschen, die wie ein Ozean aus Seelen ausgebreitet liegen. Und weil mir dieses Bild vorschwebt, beginnt das Ganze schemenhaft sich zu bewegen.

Wie eine leichte Dünung rollt die Menge nach der Seite weg, schwappt sachte wieder abgeebbt zurück und rollt sanft aus. Das bringt selbst mich zum Schwanken, während ich, den großen Koffer vor der Brust umklammert, mich vorsichtig in Stelzenschritten langsam vorwärtstaste. Wie ich mit den Fußspitzen die schmalen Lücken suche, mir einen Weg durch die Archaik dieses Ruhelagers bahne. Wenn mich wer sähe, dächte er vielleicht, ich sei nur ein Flamingo in der Nacht, der seinesgleichen sucht, und dabei einen Tümpel voller Seerosen durchquert. Am Ende nur ans andere Ufer will und dabei hier und da ins Schwarze tapst.

Die Zeit, die nötig ist, um diesen alten Platz zu kreuzen, kommt mir endlos vor, auch wenn am anderen Ende die Station im ersten fahlen Licht des Morgengrauens allmählich schon Gestalt annimmt. Mit jedem Schritt, so kommt es mir zumindest vor, gerät mein Atem abermals ins Stocken. Ich will sie alle schlafen lassen und traue mich nicht, auch nur das leiseste Geräusch zu machen. Es ist nicht Angst, die mich so handeln lässt, sondern Mitgefühl. Ich will sie nicht von ihren Träumen trennen, so wie man Menschen, die mit den Wolken reden, ja nie stören soll. Das Sanskrit-Wort Tat Tvam Asi (तत् त्वम् असि), es geistert mir aus einem Schopenhauer-Text im Kopf herum. Ich bin verbunden mit dem Ganzen, nur kleiner Teil von etwas weitaus Größerem, das sich im Zwielicht hier an diesem frühen Morgen, gerade eben jetzt, ereignet.

Bevor ich es so ganz verstanden habe, bin ich da. Lasse erschöpft den Koffer auf den Boden sinken, da ich zum Glück niemandem zu nah getreten bin. Wie kommen Menschen nur auf die Idee, sie könnten auch nur einer Fliege etwas zuleide tun? So denke ich, wenn sich doch eines immer in das andere fügt und alles mit dem All zusammenhängt. Das Gleichgewicht der Welt, ein nächtlicher Balance-Akt, der ohne Auffangnetz und Publikum auskommt, weil sich Erkenntnis ausschließlich allein zeigt. Dem Einzelnen, der dann von ihr erzählen kann, damit sie möglichst weit Verbreitung findet.

So in der Fremde vollends angekommen, drehe ich mich noch mal um, weil nun das erste Tageslicht den Platz erhellt. Und plötzlich ist Bewegung nicht mehr Schattenspiel, das ich mir überreizt halluziniere, sondern das Erwachen selbst, das wie ein waberndes Gerücht der Dämmerung geschäftig um sich greift. Es streckt und räkelt sich der Platz mit allen Gliedern, ein Pulk aus weißen Stoffgewändern ist im Aufstehen begriffen. Man klopft sich gegenseitig frei vom Staub, und all die müden Reisenden begeben sich gemeinsam wie im Tran zur Bahnstation. Als ob das Farbenspiel des Himmels augenblicklich alle Welt in Aufruhr setzt, beginnt auch der Verkehr rund um den Platz und schwillt im Nu zu einem Mahlstrom an aus Klingeln, Hupe, Tiergeschrei.

Bevor ich mich versehe, ist es hell, und vor dem Schalter Richtung Jaipur bildet sich in all dem vielstimmigen Palaver gleich die erste Schlange. "Pink City Express, please, zweiter Klasse, einfache Fahrt, Abfahrt 7.34 Uhr, Fensterplatz, wenn möglich, thank you!" Mit dieser Fahrkarte beginnt sie, meine erste Bahnreise durch Indien, und nicht die letzte, aber sicherlich die eindrucksvollste. Weil sie der Magie des großen Platzes folgt, der alle meine Sinne übersteuert schärft: gewürzgesättigtes Asphaltparfüm, gemischt mit Nelkenzigaretten, Kardamom und Currys, der lautlos weggehuschte Luftzug all der Flughunde direkt über meinem Kopf bis hin zur Glut spektraler Morgenröte, dem frühen Horizont der Stadt.

Erfahrungsparameter elementarer Fremde, sie verblassen vor der Andersartigkeit, die mich erfasst und für die ganze Reise wie ein treuer Hundefreund nicht mehr von der Seite weicht: Sie prägt die Tiefe des Erlebens. Sei es die erste India-Kings-Zigarette, die ich zu Chai mit Milch und Zucker im Glas von einem fliegenden Händler auf dem Bahnsteig rauche, beim Lesen in der frischen "Times of India", die noch nach Druckerschwärze riecht: das längst vergessene Parfüm der Exklusiven. Oder der schwarze Bakelit-Kippschalter, mit dem ich einen Minikopfventilator direkt über dem Fensterplatz zum Kreisen bringe.

Das laute Klopfen der Waggonräder beim zeitlupenartigen Anfahren des Zuges, das majestätische Auftauchen der ersten Sanddünenhügel Rajasthans am Streckenrand. Das Wiedersehen mit meinem alten Freund, der mich mit einem Gedichtband von Rabindranath Tagore winkend bei der Einfahrt auf dem Bahnhof von Jaipur begrüßt. Der festlich mit einer Tika und ornamentalen Malereien geschmückte Elefant, auf dessen Rücken ich am Palast der Winde entlang hinauf zum Fort Amber von Jaipur schaukele. Der Fun Club auf der Insel Diu im Indischen Ozean, der seine hübsche Mitgliederkarte mit einer großen Welle und skizzierten Palmen auf Pappe nur als temporary membership ausgibt. Der weiße Hindustan Ambassador, mit dem wir von Diu aus durch den Dschungel hinter der Küste fahren, während auf der mitgebrachten Musikkassette Jack Hylton mit seinem Orchester "On the Sunny Side of the Street" intoniert.

Die Goa-Legende namens Jungle Barry, der als Überbleibsel des 60er-Hippietrails in Bob’s Inn am Calangute-Strand allabendlich in grauen Dreadlocks wettergegerbt und spindeldürr Hof hält und für die nächste Runde an Getränken unheimliche Geschichten aus der guten Zeit vor Einfall der Rave- und Partytouristen zum Besten gibt, von denen wir alle Gänsehaut bekommen, weil sie immer mit dem rätselhaften Verschwinden der Hauptperson nach einem langen Abend bei Bob’s Inn enden. Der Dalai Lama, der auf meinem Rückflug von Goa nach Delhi nur wenige Reihen vor mir sitzt und das intelligenteste Kichern von sich gibt, das ich je hören durfte. Der literaturbegeisterte Inder mit Hornbrille und Seitenscheitel aus Kalkutta, den ich im Abteil dritter Klasse nach Agra kennenlerne und mir beim Bilderbuchsonnenuntergang direkt vor dem Tadsch Mahal Günter Grass in nahezu akzentfreiem Hannoverdeutsch deklamiert.

Zurück in Delhi! Nach all dem Glück und Elend tiefer Menschlichkeit, dessen Zeuge ich in knapp sechs Wochen Indien bin, lähmen die letzten Tage wie das Endspiel einer Schachpartie, der unentwegt ein bitteres Remis droht. Ohne die Freunde, die in Goa bleiben, bin ich wieder ganz auf mich gestellt. Von dem wenigen Reisegeld, das noch übrig ist, kaufe ich am Connaught Circle eine alte Penguin-Ausgabe von Graham Greenes Doctor "Fisher of Geneva or The Bomb Party" und lebe von Kaffee, Toast und Bananen. Der silberne Flachmann, aus dem ich jeden Abend als Medizin einen Schluck Scotch nehme, wird immer leichter, wie ich selbst, ausgemergelt dank Spardiät. Dazu von den müßigen Lesestunden im Garten des Guesthouse braun gebrannt, nähere ich mich, kahlgeschoren, im hellen, zerfleddernden Leinenanzug, rein äußerlich einer schlechten Karikatur Hermann Hesses an.

Am Abflugabend ereilt mich die schmerzliche Erkenntnis, dass meine Rupien nicht mal mehr für ein normales Taxi zum Airport reichen. Ich muss einen Tuk-Tuk-Fahrer überreden, das Unmögliche zu tun, eine Ausnahme zu machen und den verboten weiten Weg aus der Stadt auf Schleichpfaden abseits der Ausfallstraßen anzutreten. Krishna, so sein Name, weist mich an, den Koffer auf den Schoß zu nehmen und mich tief in den Sitz zu drücken, damit es nicht allzu offensichtlich ist, wo unsere Reise hingeht. Seine Rupien will er schon vor Antritt der Fahrt haben, was ich angesichts der bevorstehenden Ochsentour sofort verstehe.

Wahrscheinlich, um Benzin zu sparen, nimmt er dann doch die Schnellstraßen, so dass meine letzten Impressionen des Subkontinents in einem Staubsturm aufblendender Gegenlichter zerrinnen, begleitet von Hupen, Schreien und Flüchen der von der Betelnuss aufgepeitschten Taxifahrer, die ihn beim Überholen giftig anzischen, vor ihm ausspucken und böswillig den Weg abschneiden. Als wir erschöpft, aber ohne Unfall am Flughafen ankommen, ist mein als Mundschutz zweckentfremdetes Taschentuch zu dreckig, um meine Hände daran abzuwischen. Ich gebe Krishna eine meiner wenigen Babybananen als Trinkgeld.

Das einzige Detail, das ich nicht im Vornherein bedacht hatte, heißt Flughafensteuer und wird in der Regel brav vor Ausgabe der Bordkarte entrichtet, wie ich entsetzt in der Schlange beim Economy-Check-in der Lufthansa feststelle. Und ein Blick zur Seite lässt mich im Spiegel einer Glaswand den nahezu verwahrlosten Zustand erkennen, in dem ich mich allem Anschein nach befinde. Ich nehme also mit letzter Kraft etwas Haltung an und tue einfach so, als ob meine Erscheinung ganz normal wäre und meine Abreise nicht mit jedem Näherrücken an den Schalter unwahrscheinlicher.

Vor mir steht ein amerikanisches Touristenpaar, das so besorgt aussieht, wie ich mich eigentlich fühlen müsste. Weil keiner in der Umgebung umhinkann, ihre private Unterhaltung Wort für Wort mitzuverfolgen, erfahre auch ich, dass sie anscheinend ihren ursprünglichen Direktflug nach New York verpasst haben und daher mit Umsteigen über Frankfurt viel später als geplant ankommen werden. Allein, sie haben keine Möglichkeit, ihren alten Vater, der sie am John-F.-Kennedy-Airport erwartet, telefonisch zu erreichen (wir befinden uns, das sei hier erwähnt, in den Neunzigerjahren des 20. Jahrhunderts, also im Goldenen Zeitalter vor der massenhaften Einführung des Mobiltelefons).

In diesem Moment erinnere ich mich an die deutsche Telefonkarte mit dem Chip, die ich vor Abreise nach Indien trotz ihrer absoluten Nutzlosigkeit auf dem Subkontinent als schmales Reisegadget in meinen ledernen Brustbeutel gesteckt hatte. Und schlage den Amerikanern einen Tausch vor: Sie bezahlen vorne am Schalter meine Flughafensteuer und ich überlasse ihnen im Gegenzug meine Telefonkarte im Wert von ungefähr zwölf Mark, ein Guthaben, das ausreichen wird, ihren Vater in New Jersey von Frankfurt aus anrufen zu können.

Ich kann mir kaum vorstellen, wie irgendjemand ohne jegliches Geld in der Hand so glücklich sein kann wie ich in diesem Augenblick, in dem sich alles wie von Geisterhand fügt, die Reisepatience überraschend aufgeht, meine Notlage aufgehoben ist und der rettende Zug im Endspiel der Schachpartie gefunden. Mit dem letzten Schluck Scotch am Gate aus dem Flachmann erinnere ich mich zum ersten Mal wieder an die Urszene meiner Morgenlandfahrt, die Schlafenden auf dem Bahnhofsvorplatz. Und mir fällt endlich ein, warum mir das Bild trotz all seiner monumentalen Fremdheit doch seltsam vertraut vorkam, warum ich mich in dieser Umgebung auf bizarre Art und Weise zum ersten Mal im Leben wirklich zu Hause gefühlt habe: Es lag an einem musikalischen Bild und einem Text.

Das Bild entstammte der Fantasie von Ruth Berghaus, die in ihrer Frankfurter Inszenierung der Oper "Die Trojaner" von Hector Berlioz, die ich als Schüler gesehen hatte, auf der Bühne einen Berg zeigte, dessen wahre Gestalt erst deutlich wurde, als er sich zu bewegen begann: Er bestand einzig und allein aus lauter Menschen, die sich dort in geduckter Haltung versammelt hatten, um dem Schicksal zu trotzen. Der Text war von Franz Kafka und hieß ganz einfach "Nachts". Er ist so beeindruckend schön, dass The Cure ihn auf dem Album Seventeen Seconds im Jahr 1980 vertont haben: "At Night".

Die Stelle im Original lautet wie folgt: "… in Wirklichkeit haben sie sich zusammengefunden wie damals einmal und wie später in wüster Gegend, ein Lager im Freien, eine unübersehbare Zahl Menschen, ein Heer, ein Volk, unter kaltem Himmel auf kalter Erde, hingeworfen, wo man früher stand, die Stirn auf den Arm gedrückt, das Gesicht gegen den Boden hin, ruhig atmend. Und du wachst, bist einer der Wächter, findest den nächsten durch Schwenken des brennenden Holzes aus dem Reisighaufen neben dir. Warum wachst du? Einer muss wachen, heißt es. Einer muss da sein." Ich war da.

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