Mail aus Nairobi
Angst ist kein guter Begleiter
In Nairobi gibt es so viel Kriminalität, dass die Hauptstadt Kenias auch schon mal den Beinamen "Nairrobbery" trägt. Warum es sich trotzdem lohnt, furchtlos zu sein
Rooftop Bar im Central Business District, Nairobi
Rooftop Bar im Central Business District, Nairobi
Sarah Zapf
Julian Leitenstorfer
13.02.2024
3Min

Als die E-Mail mit der Zusage in mein Postfach flatterte, verspürte ich leichtes Unbehagen. Nun also doch drei Monate Hospitanz in einem TV-Auslandsstudio in Nairobi. Beworben hatte ich mich noch für andere Städte. Rom, Singapur, New York. Ein paar Monate in Bella Italia stellte ich mir ausgesprochen schön und geradezu gemütlich vor, Dolce Vita eben. Dazu Einblicke in eine Berichterstattung, die aktuelle europäische Politik mit der italienischen Lebensart vereint.

Nairobi. Kenia. Ostafrika. Aus reiner Neugier schickte ich eine Bewerbung ab. Mit der Zusage fing stundenlanges Googeln an. Mehr als drei Millionen Menschen leben in Nairobi. Der Name stammt aus der Sprache der Maasai, übersetzt bedeutet er so viel wie "kühler Fluss". Und ganz schön grün, mit vielen Parks und dem Nairobi National Park. Sogar einen eigenen Stadtwald gibt es.

Ein Land gebeutelt durch Terrorismus

Und dann waren da noch die Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amts. "Von Reisen in die folgenden Gebiete wird derzeit dringend abgeraten". Weiter unten "In Kenia besteht eine erhöhte Gefahr terroristischer Anschläge". 2013 töteten islamistische Extremisten der somalischen Al-Shabaab-Milizen 68 Menschen in dem Einkaufszentrum Westgate Mall. 2019 dann der Anschlag auf das DusitD2-Hotel mitten in Nairobi. Vorsichtig sein sollte man zudem im Stadtzentrum, auch am helllichten Tag. Raubüberfälle, Trickbetrug, kriminelle Aktivitäten. "Achten Sie auf Boda Bodas", die Motorradtaxis. Zudem lieber bargeldlos zahlen, große Menschenmengen vermeiden.

Plötzlich überkam mich Panik. Was wenn mich jemand mitten in Nairobi ausraubt? Oder noch schlimmer, ich irgendwo hin verschleppt werde? War ich jetzt zu waghalsig und naiv? Dann doch besser Dolce Vita in Rom.

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Während meiner Zeit im Land hat sich mein anfänglicher Panikanflug in große Dankbarkeit für meinen Schritt umgekehrt. Nur ungern bin ich wieder zurückgekehrt. Zu sehr hat mich die vor Energie übersprudelnde Stadt in den Bann gezogen, mit den aufgeschlossenen Menschen und der oft pragmatischen Alltagsmentalität – auch wenn mir bewusst ist, dass ich als Expat in einer weitaus privilegierteren Situation war und die Mehrheit täglich von der Hand in den Mund lebt.

Straßenszene aus Githurai, einem Vorort von Nairobi

Irrationale Angst behindert das eigene Erleben

Hier leben fast sechzig Prozent der Einwohner in den zahlreichen Slums der Stadt. Auch dieses extreme Ungleichgewicht, die weit auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich ist prägender Teil dieser Stadt. Genau wie riesige illegale Müllhalden, verschmutzte Bäche und mit Schlaglöchern durchzogene Straßen. Gleichzeitig gibt es viele Möglichkeiten sich sinnvoll einzubringen. Jeden Tag las ich von neuen lokalen Initiativen, Projekten und Ideen.

Auf die Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amts habe ich während meines Aufenthalts keinen Blick mehr geworfen. Nachrichten von Freunden, denen Handys und Taschen in Clubs und Uber-Taxis gestohlen wurden, blieben trotzdem nicht aus. Auch tägliche Medienberichte von Überfällen oder Beziehungstaten. Ein Freund hat die ersten Wochen sein Apartment glattweg nur zum Einkaufen verlassen, so viel Negatives hatte er über die Stadt gelesen und dementsprechend groß war die Angst.

Ich habe zu Beginn bewusst beschlossen, mich nicht von der gleichen Angst überwältigen zu lassen. Und zeitgleich achtsam und vorsichtig, aufgeschlossen und zugänglich zu sein. Die Stadt, das Land habe ich so ganz anders erlebt. Ganz ohne italienisches Dolce Vita.

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