Doppelspitze am Theater
Die Chefinnen
An der Spitze des Theaters in Marburg stehen zwei Frauen, was im Kunstbetrieb schon außergewöhnlich genug ist. Dazu sind beide Theologinnen. Gut fürs Ensemble und spannend für die Stadt!
Eva Lange, links im Bild, hat evangelische Theologie studiert, Carola Unser-Leichtweiß katholische Theologie
Eva Lange (links) und Carola Unser-Leichtweiß
Ramon Haindl
Tim Wegner
16.11.2023
7Min

Hier ist was los. Elfi ­Elektra mit der großen blonden Haartolle wie die von ­Elfriede Jelinek steht gleich in vierfacher Ausfertigung auf der Bühne. Eine DJane im roten Glitzeranzug spielt Popmusik aus den 80er Jahren. Auf der großen Leinwand hinter der Bühne brüllt Björn Höcke mit verzerrtem Gesicht in die Massen. Und 20 Menschen in rosaroten, hellblauen und gelben Trainings­anzügen machen Aerobic.

Theaterabend Ende September am Schauspiel Marburg, es wird das "Sportstück" von Elfriede Jelinek gespielt, eine bitterböse Satire auf Fitnesswahn und Männerkrieg. Ach was, gespielt. Getanzt, gesprochen, gebrüllt. Wie hatte die Regisseurin Carola Unser-Leichtweiß kurz vorher im Interview gesagt? "Für mich ist Unterhaltung auch große Liturgie."

Krach, Bumm-Boing und Stroboskoplicht

Carola Unser-Leichtweiß hat katholische Theologie studiert, bevor sie ihre Liebe zum Theater entdeckte. Das wäre keine weitere Zeile wert, wenn nicht Eva Lange ebenfalls Theologie studiert hätte, nämlich evangelische. Die beiden Frauen bilden die Doppelspitze am Hessischen Landestheater Marburg. Eine Doppelspitze, das ist immer noch außergewöhnlich im Kulturbetrieb. Und es hat viele Vorteile. Einer davon ist: Sie ­haben unterschiedliche ästhetische Vorlieben. Eva sagt, die katholische Carola inszeniere ­"performativer". Carola sagt, die evangelische Eva inszeniere "hammerhart. Mit einem Feinstgefühl für Worte und ihren Sinn." Man kann es auch ganz einfach sagen: ­"Wo Carola noch nebelt", so Eva, "da wird bei mir schon gesprochen."

Bühnennebel gibt es zwar gar nicht so viel beim "Sportstück" der Jelinek. Aber viel Krach, Bumm-Boing und Stroboskoplicht. "Ich bin sehr geprägt von der Inszenierung in der Kirche. Gottesdienste jedweder Form haben mein theatrales – und spirituelles – Leben als Kind bedeutet", sagt Unser-Leichtweiß. "Wenn es in der Osternacht erst stockfinster war und dann Schritt für Schritt heller wurde. Form und Inhalt perfekt verknüpft." Aufgewachsen in der katholischen Pfalz, lernte sie erst mal Landwirtin, studierte dann Pädagogik und Theologie. Parallel absolvierte sie eine Ausbildung zur Spiel- und Theaterpädagogin und lernte Eva Lange kennen. Die beiden heckten einen regelrecht anar­chischen Plan aus: Wir bewerben uns zusammen für die Spitze eines Theaters! Das gab es damals – 2015, sagen sie – nur einmal im deutsch­sprachigen Raum, in einem kleinen Stutt­garter Theater. An den meisten anderen Theatern gelte: "Ein genialischer Intendant schwebt über allem."

Beim "Sportstück" von Elfriede Jelinek turnen zwölf Laien aus Marburg über die Bühne

Eva Lange studierte evangelische Theo­logie, Germanistik und pädagogische Psychologie, weil sie sich "die großen Fragen stellte – Theaterregie hätte ich mir anfangs gar nicht zugetraut". Aber dann besuchte sie ein Hauptseminar in praktischer Theologie bei Professor Christoph Bizer, lernte: "Leibliche Co-­Präsenz – das gibt’s nur im Gottesdienst und im Theater." Leibliche Co-Präsenz heißt: Menschen erleben zeitgleich etwas Außergewöhnliches und gehen danach wieder auseinander. Bizer ermutigte die Studierenden, auch im ­Kirchenraum Theater zu spielen. So fing das an.

Heute leiten die beiden Frauen gemeinsam ­einen mittelständischen Betrieb. 76 feste und 30 freie Mitarbeitende, Künstler, Handwerkerinnen, Schneider, Bühnen­bildnerinnen. "Auf Augenhöhe", das ist ­ihnen wichtig. ­Starre Hie­rarchien haben sie weitgehend ­abgeschafft, sie setzen auf "Hierarchie ob Kompetenz". "Ob" im Sinne von "aufgrund", die Damen sprechen auch beim Interview ein bisschen das schöne Theaterdeutsch. Obwohl sie jetzt nicht auf der Bühne stehen, sondern im wuseligen Büro sitzen, bei kalt gewordenem Kaffee, mit der Wollmütze auf dem Kopf und sichtlich unter Zeitdruck. Wenn eine antwortet, checkt die andere ihre Mails, schnell ist es auch umgekehrt. Keine Frage, hier wird hart gearbeitet.

Die Macht wird geteilt

Ihnen ist wichtig: Dass Macht geteilt wird, ist nicht nur ein Ding zwischen den beiden. Es ist das Prinzip des Hauses, so wie sie es umgebaut haben. "Dieses ganze ,Hui, hier kommt der Intendant‘ – das gibt’s hier hoffentlich nicht mehr." Schon weil hier ja zwei Intendantinnen kommen, und ­zwischen die passt tatsächlich kein Blatt. Wer die eine fragt, kriegt Antwort von der ­anderen. Wer eine E-Mail ans gemeinsame Postfach schreibt, muss bei der Antwort raten, wer da jetzt wieder geantwortet hat. Ein bisschen wie bei eineiigen Zwillingen, man kann nie sicher sein, wer gerade spricht. So unterschiedlich ihre Ins­zenierungen auf der Bühne sind, so einig sind sie sich als Chefinnen.

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Und um ein weiteres Klischee zu brechen: Die beiden machen nicht etwa Jobsharing. Der Grund für die Doppelspitze war auch nicht die bessere Work-Life-Balance oder mehr Selfcare, auch wenn sich beide das wünschen. Aber sie arbeiten zweimal 100 Prozent. "Wir haben bei der Bewerbung vorgerechnet, dass es fürs Theater trotzdem nicht teurer wird." Sie bringen Kompetenzen mit zum Beispiel im Marketing und im Kinder- und Jugend­theater –, für die man früher Extraausgaben hatte. Jede arbeitet Vollzeit fürs Theater, meist zu viel. Und sie sind erfolgreich, bekommen Preise, viele Vorstellungen sind ausverkauft.
Das hat inzwischen auch die größten Skeptiker in Marburg überzeugt. Und die gab’s ­natürlich, als die beiden sich 2016 gemeinsam bewarben. Warum zwei?, wurden sie im Auswahlverfahren gefragt. Warum nicht eine, und die andere wird Stellvertreterin? Oder noch besser: Warum nicht eine Chefin, und die andere macht die Arbeit?

Als es dann 2018 richtig losging mit der ­Doppelspitze, mussten auch die Mitarbeitenden sich daran gewöhnen. Sie hatten Fragen. Werden sie sich vertragen? Wird man eine gegen die andere ausspielen? Muss ich jetzt alle meine Anliegen zweimal vortragen? Aber inzwischen, sagen die beiden, habe man einen ganz anderen Spirit im Haus. Nicht zuletzt, weil das ganze Ensemble sich ständig weiterbildet – mal in Antirassismus. Mal in Anti­sexismus. Mal in Kommunikation.

Eva Lange und Carola Unser-Leichtweiß sind sicher: Doppelspitze kann die ­Arbeit besser machen. "Wir fällen keine Bauchentscheidungen. Über große Fragen wird eine Nacht geschlafen – und dann im Konsens ­entschieden." Auch in Bewerbungsgesprächen sitzen sie grundsätzlich zu zweit. "Wir halten ja auch gemeinsam den Kopf hin." Und wer gerade Zeit hat, beantwortet eben Mails im gemeinsamen Postfach.

Und weil sie so erfolgreich sind, werden sie inzwischen nicht mehr misstrauisch beäugt, sondern regelrecht gefeiert. Als 2023 die Vertragsverlängerung anstand, war klar: Die Doppelspitze soll bleiben, zumindest bis 2028. Und es gibt sogar mehr Geld fürs Theater. "Eva Lange und Carola Unser-­Leichtweiß haben unser Landestheater in kürzester Zeit zu inzwischen vielfach preisgekrönten künst­lerischen Erfolgen geführt. Mit dem ‚Mar­burger Modell‘ einer künstlerischen Doppelspitze haben wir uns auf einen zukunftsweisenden Weg begeben, der inzwischen bundesweit Schule macht", ließ die hessische Kunst- und Kulturministerin Angela Dorn 2023 die Presse wissen.

Denn inzwischen gibt es Doppelspitzen in Halle und Tübingen, am Mousonturm in Frankfurt am Main und am Schauspiel Essen.

Was muss stimmen, damit das "Marburger Modell" auch an anderen Orten Schule machen kann? Am wichtigsten sei, dass man gemeinsame Werte teilt, sagen die beiden. ­Also: Wie gehen wir mit Menschen um? Wie wichtig oder unwichtig sind uns Hierarchien? Und was soll das Theater hier in der Stadt bewirken, warum gibt es uns überhaupt?

Die beiden sind sich einig: Theater soll das Kristallisationszentrum der Stadt sein. Hier soll man sich treffen, reden, feiern. "Was früher Gasthaus und Gottesdienst waren, kann heute das Theater sein", sagen sie. "Anhand der Kunst sollen die Menschen sich mit Welt auseinandersetzen."

Für eine Stadt wie Marburg mit 80.000 Einwohnerinnen und Einwohnern gibt es denn auch beeindruckend viele Aktivitäten. Anders gesagt: Man entkommt ihm kaum, dem Theater. Da ist zum einen das Publikumsgespräch. An dem Septemberabend, an dem das "Sportstück" ­gespielt wird, sitzen 150 Schülerinnen und Schüler schon um 19 Uhr im Vorraum vom Theater und werden von Carola Unser-­Leichtweiß aufs Stück vorbereitet. Ihre wichtigste Message: "Ihr müsst nicht alles verstehen. Lasst euch einfach drauf ein!" Nicht alle halten das durch, ein paar Teenies verlassen still und leise in der Pause das Theater. Aber andere bewegen sich im Theater fast so lässig wie im Klassenzimmer. Vielleicht hilft, dass man seinen Rucksack mit reinnehmen darf, dass man die Stühle verrücken kann. Das Theater wirkt gar nicht so respekteinflößend.

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Über die Stühle haben die Intendantinnen schon viele Worte verloren, und zwar mit dem Publikumsbeirat. Noch so ein Stück Demo­kratie in Marburg. Die Räte schauen jede Aufführung an und üben Kritik. "Aber die sagen halt auch, wenn die Stühle knarzen oder der Wein zu trocken ist."

Und dann sind da noch zehn "Theaterbanden". Sie proben regelmäßig auf den Bühnen der Stadt: Geflüchtete, die georgische Community und die ukrainische, ältere Menschen, Schülerinnen und Schüler und Menschen mit Behinderung. Das ­Wichtigste ist: "Die Menschen hier in der Stadt sollen sich einbringen."

Auch beim "Sportstück" wurden Menschen in Marburg aufgerufen mitzumachen. Zwölf "Sportsfreundinnen" und "Sportsfreunde" bilden den Theaterchor, davon zwei über 70. Der Chor beschwört – wie der Chor in der klassischen griechischen Tragödie – mit skandierten Texten die Gefahren des Sports und das Verschwinden des Individuums in der Masse. Er turnt, hüpft und hechelt über die Bühne. Und spricht dabei die elaborierten Texte der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, bei der man immer merkt: Jedes Wort und jedes Komma sitzt, nichts ist zufällig.

Ein "Rausch der Worte", sagt die Regisseurin, und in der Tat: Die Zuhörerin ist nach drei Stunden berauscht, aber auch erschöpft. Hat sie alles verstanden? Oder doch nur einzelne griffige Sätze? "Krieg ist eine Sportart, die kannste auch im fortgeschrittenen Alter noch ausüben", das blieb zum Beispiel hängen. Aber waren da nicht noch viel mehr Sätze, die man sich merken wollte?
Das "Sportstück" sei eine "Wonne für Sprachverrückte", hatte die Intendantin noch gesagt, ganz Theologin. Denn ganz ehrlich – nach dem Gottesdienst hat man ­meistens auch nicht alles verstanden. Aber wenn es gut läuft, ist man ein bisschen – berauscht.

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