chrismon: Sie haben eine große Karriere gemacht. Landesvorsitzender einer Gewerkschaft, dann Ministerpräsident von Thüringen und heute Vizepräsident des Bundestags. Jetzt sind Sie 69 Jahre, werden bald 70. Schauen Sie schon zurück?
Bodo Ramelow: Ich war zwischenzeitlich sogar Bundesratspräsident, damit eines der fünf Verfassungsorgane. Das habe ich mit Freude gemacht. Aber ich habe nichts davon angestrebt. Es gab keinen Moment, in dem ich an Türen gerüttelt hätte und gesagt hätte: Ich will da rein. Letztes Jahr wollte ich mich um die Rente kümmern, um mein Enkelkind. Dass ich jetzt hier bin, hängt damit zusammen, dass unsere Partei kurz vor dem Ende stand und Gregor Gysi und Dietmar Bartsch gesagt haben: Du musst noch mal ran.
Bodo Ramelow
Wenn Menschen älter werden, denken sie oft: Hätte ich mich weniger um die Karriere gekümmert und mehr Zeit mit meinen Lieben verbracht. Kennen Sie diese Gedanken?
Ich weiß sehr genau, wann ich Fehler gemacht habe. Ich weiß, wann ich mich um meine Kinder zu wenig gekümmert habe. Darüber rede ich mit meinen Kindern. Und ja, da sind Dinge dabei, die nicht verzeihlich sind. Da kann ich nur um Entschuldigung bitten. Ich bin nicht stolz darauf. Aber ich habe nicht das Bedürfnis, mein Leben umzuschreiben. Ich habe versucht, aus Fehlern zu lernen.
An welche Fehler denken Sie?
Meine erste Ehe ist gescheitert, das bleibt ein Scheitern. Aber wir haben einen Ausgang gesucht, als Erwachsene. Als ich merkte, dass ich meine damalige Frau über die Kinder ärgern wollte, habe ich gesagt: Wir müssen das jetzt sauber klären, sonst schadet das nur den Kindern.
Sie gelten als hart. Ein Buch über Sie heißt "... und manchmal platzt der Kragen".
Ich habe einen Hang zum Perfektionismus, der mit meiner Legasthenie zusammenhängt. Ich kompensiere Schwächen, indem ich anderes besonders gründlich mache – das habe ich als Kind in der Schule gelernt und das hat mich manchmal in die Falle geführt. Ich kann sehr harsch werden. Aber ich habe das erkannt und ich habe Strategien entwickelt, um damit umzugehen. In der Landtagsfraktion habe ich einen erfahrenen Kollegen gebeten, mir auf die Schulter zu tippen, wenn ich zu hart werde. Dieses kleine Signal hat gereicht, um auszusteigen.
